DIE OPER VON ODESSA

Zugang zu den Logen der "Bel-Etage". Alle Fotos: B. DenscherZugang zu den Logen der "Bel-Etage". Alle Fotos: B. Denscher

Auf den ersten Blick möchte man meinen, bei dem wuchtigen Gebäude handle es sich um das Wiener Volkstheater, Details erinnern auch an die Grazer Oper, an das Nationaltheater in Rijeka und an das Stadttheater in Fürth. Kein Wunder, denn so wie jene Bauten wurde auch dieses Haus von dem Wiener Architektenteam Ferdinand Fellner (1847–1916) und Hermann Helmer (1849–1919) entworfen. Rund vier Jahrzehnte lang, von zirka 1870 bis 1910, waren Fellner & Helmer die Spezialisten für Theaterbauten. Sie waren an der Planung von nicht weniger als 48 Theatergebäuden beteiligt – unter anderem in Augsburg, Berlin, Bratislava, Brünn, Budapest, Czernowitz, Hamburg, Klagenfurt, Salzburg, Prag, Wiesbaden, Zagreb und Zürich. Wie riesig der Wirkungskreis des Architektenduos war, beweist eben jenes dem Volkstheater ähnliche Gebäude. Es ist der am weitesten – nämlich ganze 1100 Kilometer Luftlinie – von Wien entfernte Bau der beiden: das Opernhaus in der ukrainischen Schwarzmeerstadt Odessa.

Die Oper von Odessa

Die Oper von Odessa

1873 war das alte, Anfang des 19. Jahrhunderts errichtete Opernhaus von Odessa niedergebrannt. Die Brandursache war ein Defekt an der Gasbeleuchtung gewesen – so wie auch acht Jahre später, 1881, bei jener Katastrophe, die das Wiener Ringtheater zerstörte und fast vierhundert Menschen das Leben kostete (während in Odessa niemand zu Schaden gekommen war). Fellner & Helmer gewannen den internationalen Wettbewerb, der für den Neubau des Hauses ausgeschrieben wurde. Allerdings führten nicht sie nicht selbst die Bauaufsicht, sondern ihre Pläne wurden unter der Leitung des renommierten Odessaer Architekten F.V. Gonsiorovsky realisiert. Am 1.10.1887 konnte das neue Opernhaus eröffnet werden. Stilistisch ist das prunkvoll ausgestattete Gebäude von einem dem österreichischen Barock verhafteten Historismus geprägt, in die Innengestaltung wurden Elemente des Rokoko eingearbeitet. Bis heute, so erfährt man bei einem Besuch des Hauses, wird die Oper von den Bewohnern Odessas gerne als „Wiener Torte“ bezeichnet – als scherzhafte Anspielung auf die runde Form und die üppige Ausstattung des Gebäudes.

Zuschauerraum

Zuschauerraum

Modern war die technische Ausstattung des Gebäudes, das als erstes in Odessa elektrisch beleuchtet wurde und das in der warmen Jahreszeit durch Eiskammern unter dem Zuschauerraum gekühlt wurde. Zur Zeit ihrer Eröffnung war die Oper von Odessa mit ihren 1.507 Plätzen das zweitgrößte Opernhaus der Welt (nach der Mailänder Scala). Diesen Rang hat das Gebäude zwar mittlerweile verloren, immer noch aber gilt es als das prunkvollste Werk von Fellner & Helmer.

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Von 1999 bis 2007 wurde die Oper, die sich in der Nähe der berühmten Potemkinschen Treppe befindet, umfassend renoviert. Dies war vor allem deshalb notwendig geworden, weil das Haus, das an der Hangkante des Steilabfalls der Stadt zum Meer hin liegt, wegen des instabilen Untergrundes allmählich abzurutschen drohte. Nach der aufwändigen Sanierung ist das Fundament nun durch rund 1.800 Pfäle, die im Felsen verankert sind, gesichert.

Website der Oper von Odessa.