SKANDINAVISCH-KAUKASISCHE JAZZHARMONIE

Lars Danielsson und Tigran Hamasyan. Foto: © ACT / Jan SoederstroemLars Danielsson und Tigran Hamasyan. Foto: © ACT / Jan Soederstroem

„Liberetto“ heißt eine CD des schwedischen Jazzers Lars Danielsson, die in der Fachwelt sehr positiv aufgenommen wurde: Danielsson präsentiere mit diesem Album „Klassik-Jazz, der das Zeug zum Jazz-Klassiker“ habe, seine Musik sei „Kammerjazz von selten gehörtem Farbenreichtum“. Vor allem aber ist in den Kritiken immer wieder von einem „neuen Traumduo des europäischen Jazz“ zu lesen. Tatsächlich ist die CD das Produkt einer bemerkenswerten künstlerischen Kooperation. Denn der 1958 geborene Bassist und Cellist Danielsson, der seit Jahren zu den Größen des internationalen Jazz gehört, hat sich für „Liberetto“ mit einem der Jungstars der Szene zusammengetan: mit dem armenischen Pianisten Tigran Hamasyan.

Skandinavien und Kaukasus – das mag auf den ersten Blick eine ungewöhnliche Kombination sein, aber schon beim ersten Hinhören wird deutlich, wie gut die für Danielsson typische nordische Kühle mit Tigrans sanfter Melancholie harmoniert. Die CD, auf der Danielsson und Tigran (der bei seinen künstlerischen Aktivitäten meist nur mit seinem Vornamen firmiert) vom britischen Gitarristen John Parricelli, vom norwegischen Trompeter Arve Henriksen und vom schwedischen Schlagwerker Magnus Öström begleitet werden, umfasst zwölf Musikstücke: neun davon sind Kompositionen von Danielsson, zwei stammen von Tigran und eines ist die Interpretation des armenischen Volksliedes „Hov arek sarer djan“. Dieser Titel bedeutet so viel wie „Gebt ein wenig Schatten, liebe Berge“ – Schatten, um dem Sänger Trost zu spenden, ihn seine brennenden Sorgen vergessen zu machen. Es ist beeindruckend, mit welcher Sensibilität dieses traditionelle Musikstück für die CD in das Idiom des Jazz umgesetzt wurde.

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Noch beeindruckender aber ist die musikalische Vielsprachigkeit Tigrans: „Yerevan“ heißt eines der beiden von ihm komponierten Musikstücke, das eine sehr persönliche, innige Hommage an die armenische Hauptstadt ist. Wie viel er aber auch vom skandinavischen Feeling in sich aufgenommen hat und musikalisch perfekt umzusetzen versteht, beweist Tigran mit seiner zweiten Komposition, die den Titel „Svensk Låt“ – übersetzt „Schwedische Volksweise“ – trägt.

Die künstlerische Harmonie, die ganz offenbar die Grundlage für die geglückte Zusammenarbeit von Lars Danielsson und Tigran ist, beruht vielleicht auch auf dem – trotz aller geografischen Distanz – ähnlichen Werdegang der beiden. Denn der Ausgangspunkt war für beide eine klassische Musikausbildung: der in Göteborg geborene Danielsson studierte Cello am Musikkonservatorium seiner Heimatstadt; Tigran, geboren 1987 in der Stadt Gjumri im Nordwesten Armeniens, absolvierte in Gjumri und Yerevan ein Klavierstudium. Allerdings wechselte Tigran in wesentlich früherem Alter als Danielsson zum Jazz über: seinen ersten großen Auftritt hatte er bereits als 11-jähriger, 1998, bei dem von Levon Malkhasyan initiierten „First International Jazz Festival“ in Yerevan. Zwei Jahre später nahm Tigran – mittlerweile in seiner Heimat als „Wunderkind“ bekannt – auch am zweiten Jazzfestival in Yerevan teil. Durch seine Virtuosität machte er den armenischstämmigen französischen Jazzpianisten Stéphane Kochoyan auf sich aufmerksam, der ihm in der Folge zu Auftritten bei einer Reihe von europäischen Festivals verhalf.

2003 war Tigran Preisträger beim „Montreux Jazz Festival“, 2006 gewann er den wohl bedeutendsten aller internationalen Jazzwettbewerbe, die „Thelonious Monk International Jazz Piano Competition“, wobei Anerkennung vor allem auch von Jurymitglied Herbie Hancock, einem der großen Vorbilder Tigrans, kam. Mittlerweile hat Tigran, der seit einigen Jahren in Los Angeles lebt, sich mit zahlreichen Konzerten und einer Reihe von CDs einen Namen in der internationalen Jazzszene gemacht.

Die CD „Liberetto“ von Lars Danielsson und Tigran ist beim renommierten Münchner Jazz-Label ACT erschienen, das einen Schwerpunkt auf skandinavischen Jazz setzt. ACT, das bereits mehrmals von der Zeitschrift „Jazzthing“ zum „Jazz-Label des Jahres“ gekürt wurde, zeichnet sich auch durch die sehr ansprechende grafische Gestaltung der CD-Cover aus. Das Cover von „Liberetto“ entstand unter Verwendung des Werkes “untitled 2010” des deutschen Grafikers Martin Noël (1956–2010).