DAS FANTASTISCHE WERK VON RUDOLF KALVACH

Rudolf Kalvach: „Peter Fischer Korallen“. Werbeentwurf, 1907/08 (Ausschnitt). Tusche und Gouache auf Zeichenkarton, 9 x 14 cm, Privatbesitz.Rudolf Kalvach: „Peter Fischer Korallen“. Werbeentwurf, 1907/08 (Ausschnitt). Tusche und Gouache auf Zeichenkarton, 9 x 14 cm, Privatbesitz.

Rudolf Kalvach (1883–1932) gehört wohl zu den interessantesten österreichischen Künstlern des frühen 20. Jahrhunderts. Seine schwere psychische Erkrankung und die Neigung, die Kunst jener Zeit meist nur auf die beiden „Markennamen“ Klimt und Schiele zu reduzieren, haben allerdings dazu geführt, dass er heute nahezu vergessen ist. Rudolf Kalvach wurde am 22. Dezember 1883 in Wien als Sohn des Lokomotivführers der „Südbahn-Gesellschaft“ Peter Kalvach und dessen Frau Adelheid Sofie geboren. Da der Vater aus Reichenau (Rychnov) in Böhmen stammte, galten damals auch dessen Kinder als nach Reichenau „zuständig“, was dann dazu führte, dass Rudolf Kalvach, obwohl in Wien geboren, nach dem Zusammenbruch der österreichisch-ungarischen Monarchie zum tschechoslowakischen Staatsbürger wurde.

Schon früh zeigte sich Rudolf Kalvachs künstlerische Begabung, und seine kulturell ambitionierten und entsprechend aufgeschlossenen Eltern ließen ihn ab 1900 die renommierte Wiener Kunstgewerbeschule (den Vorläufer der heutigen Universität für angewandte Kunst) besuchen. Bedingt durch den Beruf des Vaters übersiedelte die Familie 1901 nach Triest, Rudolf Kalvach konnte jedoch sein Studium bei Adolf Roller, Carl Otto Czeschka und Bertold Löffler fortsetzen, wobei er immer wieder zwischen Wien und Triest – im wahrsten Sinne des Wortes – hin- und herpendelte. Sein Lehrer Löffler erinnerte sich später an den begabten, aber leider bald nach Abschluss der Kunstgewerbeschule an Schizophrenie erkrankten Studenten: „Der Vater war ein gesunder Mann, Lokführer, der ständig die Strecke Wien-Triest fuhr. Wir wussten, dass auf seiner Maschine Rudolf K[alvach] 2x die Woche als Gehilfe mitfuhr. Rußig von Kohle kam er gleich von der Südbahn weg zur Schule und arbeitete fleißig an seinen seltsamen Dingen. O[skar] K[okoschka] wurde von ihm angeregt und arbeitete beeinflusst durch die starke Farbe seine ersten Sachen.“

Rudolf Kalvach: „Triester Hafenleben“ 4, 1907/08; Holzschnitt, Aquarellierte Version auf Pergamin; 34 x 34 cm, Privatbesitz

Rudolf Kalvach: „Triester Hafenleben“ 4, 1907/08; Holzschnitt, Aquarellierte Version auf Pergamin; 34 x 34 cm, Privatbesitz

In Triest fand Kalvach viele Anregungen und eine große Bandbreite an pittoresken Motiven: Besonders der Hafen hatte es ihm dabei angetan. Er machte ihn zum Thema einer Reihe von Holzschnitten, die wohl zu seinem größten künstlerischen Erfolg führten. Gerd Pichler schreibt darüber im Band „Fantastisch! Rudolf Kalvach“, der 2012 als Begleitbuch zu einer Kalvach-Ausstellung des Wiener Leopold Museums herauskam: Kein anderes Motiv hat Kalvach druckgrafisch so vielfältig thematisiert und so regelmäßig bei Ausstellungen im In- und Ausland gezeigt. In der zeitgenössischen Rezeption seines Schaffens sind es gerade die Hafenholzschnitte, die – vielleicht auch wegen ihrer guten Reproduktionsfähigkeit – der Kunstkritik als Illustrationsmotiv für Kalvachs Schaffen dienen. So wurde Rudolf Kalvach, gemessen an der hohen Auflage der Kunstzeitschriften, gerade durch diese schwarz-weißen Holzschnitte einem breiten Publikum bekannt.“ Eine Besonderheit bei den genannten Arbeiten war, dass der Künstler sie meist in kräftigen Farben handkolorierte und so den Druckgrafiken den Charakter von Unikaten verlieh.

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Zwei Wiener Werkstätte-Postkarten von Rudolf Kalvach. Privatbesitz

Schon während seiner Studienzeit erhielt Kalvach lukrative Aufträge von der Wiener Werkstätte, für die er Bilderbögen und Postkarten mit teilweise bizarren Bildern gestaltete; für die Schifffahrtsgesellschaft „Österreichischer Lloyd“ entwarf er Spielkarten mit Schiffen und Plakate. Neben „freien“ künstlerischen und vielen gebrauchsgrafischen Arbeiten widmete sich Rudolf Kalvach besonders intensiv der Emailmalerei. So schuf er auch Emails für Schmuckentwürfe von Josef Hoffmann und Eduard Wimmer-Wisgrill. In diesen Werken nahm er offensichtlich einiges von der Kunst von Marc Chagall vorweg.

Rudolf Kalvach: „Meerjungfrau“. 1909/12, Email auf Kupfer,13,5 x 25,5 cm, Privatbesitz

Rudolf Kalvach: „Meerjungfrau“. 1909/12, Email auf Kupfer,13,5 x 25,5 cm, Privatbesitz

Nachdem Rudolf Kalvach schon zwischen 1912 und 1915 in der Wiener psychiatrischen Anstalt Steinhof zubringen musste, konnte er sich nach dem Zusammenbruch der Monarchie immer schlechter mit der neuen Situation zurechtfinden und wurde 1921 wieder nach Steinhof gebracht. 1926 wurde er aufgrund seiner tschechischen Staatsangehörigkeit in die psychiatrische Klinik Komonosy, nördlich von Prag, überstellt, wo er am 14. März 1932 – vergessen von der Kunstwelt – an Tuberkulose starb.

Natter, Tobias G. – Roberto Festi – Franz Smola (Hrsg.): Fantastisch! Rudolf Kalvach. Wien und Triest um 1900. Mit einem Verzeichnis aller Werke, Silvana Editoriale, Wien-Milano 2012.