DER SONGWRITER ALS PROLETARISCHER DANDY

Richard Hawley. Foto © EMImusicRichard Hawley. Foto © EMImusic

„Standing At The Sky’s Edge“ – so lautet der Titel des neuesten Albums von Richard Hawley. Und wie in den vorhergehenden Alben des Sängers, Songwriters und Gitarristen aus Sheffield spielt dessen nordenglische Heimatstadt auch diesmal wieder eine wichtige Rolle.

Plakatwand in Sheffield. Foto: B. Denscher

Plakatwand in Sheffield. Foto: B. Denscher

Richard Hawley wurde 1967 in Sheffield geboren, wo er in einer überaus musikalischen Familie aufwuchs. Seine Mutter war in ihrer Jugend, gemeinsam mit ihrer Schwester, in Clubs mit den damals aktuellen Rock ‘n‘ Roll-Hits aufgetreten. Der Vater war ein Stahlarbeiter, der in den 1960er Jahren in seiner Freizeit bei verschiedenen Bands spielte, der Onkel war ein in der Region beliebter Gitarrist, und auch schon der Großvater war als Geiger mit seinen Auftritten in den Music Halls eine lokale Berühmtheit, wobei seine Spezialität das Spiel mit der singenden Säge war. Kein Wunder also, dass sich Richard Hawley schon früh für Musik interessierte – und damit auch bald erfolgreich war. So trat er bereits mit 14 als Gitarrist der „Chuck Fowlers Band“ in Hamburger Clubs auf, und der Rock ‘n‘ Roll, den er dort zu spielen hatte, blieb für ihn prägend. Schließlich war es auch jene Art von Musik, die er zu Hause kennen gelernt hatte. Und Hawley war keiner, der sich von seiner Elterngeneration losgesagt hätte – im Gegenteil: Während Sheffield Anfang der 1990er Jahre zu einem Zentrum der elektronischen Musik wurde, blieb er bei Rockabilly und Gitarrenpop. Er spielte in verschiedenen Bands, wobei vor allem die „alternative rockband“ „Longpigs“ zu erwähnen ist. Denn immerhin werden die „Longpigs“ heute noch auf youtube als Nummer 1 der „Top Ten Underrated UK Bands of the 90’s“ gehandelt. Als sich die „Longpigs“ auflösten, erhielt Richard Hawley das Angebot bei „Pulp“, einer der damals angesagtesten Bands, zu spielen, was er drei Jahre lang, bis zu „Pulps“ letztem, 2001 erschienenen Studioalbum „We Love Life“ tat.

Ermuntert von Freunden, zu denen auch Jarvis Cocker, der Frontman von „Pulp“, gehörte, begann Richard Hawley um die Jahrtausendwende – zunächst sehr zaghaft, dann aber mit stetig steigender Anerkennung – eine Solokarriere. Hawley war lange ein Mann der zweiten Reihe gewesen, nun sollte er, mit 34 Jahren, allein im Scheinwerferlicht stehen. Dies fiel ihm sicher nicht leicht, aber er hatte das richtige Konzept: Er spielte einfach jene Musik, die ihm am besten gefiel – und das führte ihn zurück zu seinen musikalischen Wurzeln. Er setzte damit auch einen Gegenakzent zur auslaufenden Britpop-Welle, erinnerte an die amerikanische Musik der 1950er und 1960er Jahre, an seine und die Idole seiner Eltern, wie Elvis Presley oder Roy Orbison aber auch Hank Williams und Johnny Cash. Hawley stilisierte sich zum Crooner, zum melancholischen Sänger, der jedoch alles andere als Schnulzen sang.

Richard Hawley. Foto © EMImusic

Richard Hawley. Foto © EMImusic

Mit seiner sonoren Stimme und exzellentem Gitarrenspiel konnte Richard Hawley relativ bald reüssieren – auch, weil er etwas zu sagen hatte. Sein Thema war und ist ein Abgesang auf die englische Arbeiterklasse. Nicht in einem vordergründig plakativen Sinn, sondern in einem weit umfassenderen. Den von Margaret Thatcher eingeschlagenen Kurs der Transformation der Industriegesellschaft in eine Dienstleistungsgesellschaft wollte und will er so nicht akzeptieren. In einem Gespräch mit Robert Rotifer sagte Hawley einmal dazu: „Früher gingen die Leute auf die Straße und streikten für ihr Recht. Die Jugendkultur hatte mehr Leidenschaft. Das ist nicht Nostalgie, sondern Fakt. Einer der traurigsten Orte in Sheffield ist ein ehemaliges Stahlwerk, das zu einem Museum namens ‚Magna‘ umgebaut wurde. Pulp spielten dort ihren letzten Gig, und meine Söhne finden es toll, aber mir bricht es das Herz. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es in der Zukunft ein Museum für Call-Center-Telefonisten oder für Pizza-Lieferanten geben wird.“ Zum Klang der Hawaii-Gitarre betrauerte Richard Hawley in seinen Songs den Niedergang der einst so bedeutenden Stahlstadt Sheffield. Zu mitreißenden Rockabilly-Tanznummern sang er von Ausgangssperren und von der Verblödung durchs Fernsehen.

Große Anerkennung fand Richard Hawley mit seinem Album „Truelove’s Gutter“. Seine zum Teil sinistren Balladen entwickelten sich darauf zu zehnminütigen Mini-Popopern. Mit opulenten Streicherbesetzungen und ausgefallener Instrumentierung, wie etwa der Verwendung von Glasharmonika oder – als Hommage an seinen Großvater – singender Säge, stilisierte sich Hawley zum Schmerzensmann der niedergegangenen englischen Industriekultur. Gemildert wurde die Schwere seiner Anliegen jedoch durch seinen trockenen Humor, mit dem er sich – für Nichtbriten wohl nicht immer leicht erkennbar – selbstironisch auch als Poseur, als proletarischer Dandy präsentierte. So versprach er etwa seiner Frau in dem getragenen Liebeslied „For Your Lover Give Some Time“, das Rauchen aufzugeben, „vielleicht“ ein bisschen weniger zu trinken und ihr hin und wieder geklaute Blumen vom Friedhof mitzubringen.

Nach diesem vielfach gelobten und sehr erfolgreichen Album schien die Richtung vorgegeben. Eine nahezu victorianische Opulenz konnte für Hawleys nächste Arbeiten erwartet werden. Doch das Gegenteil ist der Fall: Richard Hawley hat mit seinem neuesten Album, „Standing At The Sky’s Edge“, viele überrascht und sein diesbezügliches Konzept folgendermaßen erklärt: „I wanted to get away from the orchestration of my previous records and make a live album with two guitars, bass, drums and rocket noises!“ In einem Interview in der britischen Zeitung „The Guardian“ formulierte er es noch direkter: „The gloves are off. This is my angry record“ – und dies meinte er offensichtlich nicht nur im musikalischen Sinn, sondern auch in Bezug auf die Inhalte der Songs. Denn im „Guardian“ sagte er auch, dass die Regierung die Rezession dafür nutze, um eine Politik für einige wenige Privilegierte zu machen, während alle anderen in jeder Weise eingeschränkt werden, indem man Bibliotheken schließe, den Zugang zur Bildung erschwere und beim Gesundheitswesen spare. Doch, so meint Hawley, eine zivilisierte Gesellschaft definiere sich ja darüber, wie sie auf die Kranken und Älteren schaue, die Kinder ausbilde und sich um die nächste Generation kümmere: „We live in one of the richest countries in the world and we have an underclass. What’s going on? There’s a bit of that in the new record too.“

Protestaktion gegen Sozialkürzungen, Sheffield 2012. Foto: B. Denscher

Protestaktion gegen Sozialkürzungen, Sheffield 2012. Foto: B. Denscher

Schon in der titelgebenden Nummer „Standing At The Sky’s Edge“ singt Hawley von Mördern und Messerstechern. „Messer gehörten immer schon zur Geschichte Sheffields, unsere Eltern stellten sie her“, erklärt er in Bezug auf seine Heimatstadt, das als eine Art englisches Solingen galt. Die Messer hatten sie als Kinder ständig dabeigehabt, so Hawley: „Aber uns wurde auch beigebracht, sie stets mit Vorsicht zu benutzen. Der Unterschied zwischen damals und heute ist, dass die größten Gangster am Ruder sind, um das Ausschlachten der Anlagen und deren Zerschlagung zu vollenden – genau das, was Magret Thatcher in den vorherigen Jahrzehnten begonnen hat.“

Seinen Zorn setzt der Gitarrist in heftigen Griffen in die Saiten um, es wird laut bis hin zum schon erwähnten Raketengetöse – und die ruhigen Passagen lassen die musikalischen Wutausbrüche nur noch intensiver erscheinen. Das Risiko hat sich gelohnt: Kritik und Publikum sind vom „neuen“ Hawley begeistert – und für das deutsche Nachrichtenmagazin „Focus“ ist das Album schlicht und einfach ein „Meisterwerk“.

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Richard Hawley: Standing At The Sky’s Edge, Album / CD, EMImusic 4636992.