CÔTE D’AZUR À LA RUSSE: EINE SPURENSUCHE IM „RUSSISCHEN“ NIZZA

Alle Fotos: B. Denscher

Einige Zeit war die berühmteste „russische“ Sehenswürdigkeit Nizzas – zur Enttäuschung von zahllosen Touristen – nur aus der Ferne zu bewundern. Seit Juli 2012 aber kann die Cathédrale Saint-Nicolas wieder besichtigt werden, nachdem der russische Kulturverein von Nizza durch ein Gerichtsurteil gezwungen worden war, die Kirchenschlüssel herauszugeben. Vorausgegangen war ein mehrjähriger Rechtsstreit zwischen dem russischen Staat und dem Kulturverein. Denn das große, parkartige Gelände, auf dem die Kathedrale steht, gehörte einst dem letzten russischen Zaren, Nikolaus II., und wurde von diesem der Kirche mit einem auf 99 Jahre begrenzten Pachtvertrag zur Verfügung gestellt. Als der Vertrag 2007 auslief, machte der Kreml als Rechtsnachfolger des Zaren seine Besitzansprüche geltend – und wurde darin auch durch französische Gerichte bestätigt. Der russische Kulturverein, der die Kathedrale seit den 1920er Jahren betreut, weigerte sich allerdings lange Zeit, dies anzuerkennen.

Die russisch-orthodoxe Cathédrale Saint-Nicolas in Nizza

Die russisch-orthodoxe Cathédrale Saint-Nicolas in Nizza

Die Kathedrale Saint-Nicolas, deren Bau 1912 fertiggestellt wurde, gilt als das größte russisch-orthodoxe Kirchengebäude außerhalb Russlands. Errichtet wurde sie, weil die erste russische Kirche in Nizza (und überhaupt in Frankreich), die 1857–1859 erbaute Église Saint-Nicolas-et-Sainte-Alexandra, für die rasch anwachsende russische Gemeinde zu klein geworden war.

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Die Kirche Saint-Nicolas-et-Sainte-Alexandra in Nizza und die links und rechts vom Portal angebrachten Gedenktafeln an die Eröffnung der Kirche

Ab den 1840er Jahren wurde Nizza mehr und mehr das Ziel von ausländischen Gästen. Den Beginn machten wohlhabende Engländer, die an die Côte d’Azur kamen, um dort im milden Klima zu überwintern (der Sommertourismus am Meer entwickelte sich erst Jahrzehnte später). Nach diesen ersten „Wintertouristen“, die bevorzugt in Villen an der Küste wohnten, wurde auch der berühmte Strandboulevard der Stadt benannt: die Promenade des Anglais. Den Engländern folgten Deutsche und bald auch die ersten Russen, für die Nizza vor allem attraktiv wurde, als ab 1856 auch die Zarenfamilie dort regelmäßig viele Monate verbrachte. Die Anreise erfolgte damals ausschließlich per Schiff, erst ab 1864 gab es eine Bahnlinie nach Nizza.

Schon im Winter 1843/44 war der Schriftsteller Nikolai Gogol in Nizza gewesen; später, um die Jahrhundertwende, verbrachte Anton Tschechow einige Winter an der Côte d’Azur. Ebenfalls zu den frühen russischen Gästen zählte der Schriftsteller und Philosoph Alexander Herzen, der von 1848 bis 1852 in Nizza lebte und dort, bei „Canis Frères“, seinen Essay „Du développement des idées révolutionnaires en Russie“ drucken ließ. In Nizza widerfuhren Herzen allerdings schwere Schicksalsschläge: seine Mutter, seine Nichte und sein Sohn kamen 1851 während der Anreise bei einem Schiffsunglück nahe der Küste um, wenig später starb seine durch dieses Unglück schwer gezeichnete Ehefrau. Sie wurde in Nizza begraben, 1870 wurde Alexander Herzen neben ihr beigesetzt.

Zu den schillerndsten Persönlichkeiten der frühen russischen Kolonie in Nizza gehörte Paul von Derwies. Der aus einer deutsch-russischen Familie stammende Jurist war durch den von ihm geleiteten Ausbau des russischen Eisenbahnnetzes überaus vermögend geworden. 1867–1870 ließ er sich in Nizza das Château de Valrose errichten – einen riesigen, neugotischen Bau, der heute die Universität der Stadt beherbergt. Der spektakulärste Teil des Schlosses war der Konzertsaal, der 400 Zuhörern Raum bot und in dem die Stars jener Zeit auftraten – unter anderen die Sängerin Adelina Patti und der Geigenvirtuose Joseph Joachim. Die Konzerte im Château de Valrose waren, wie Zeitgenossen berichten, weithin berühmt – nur Russen sah man kaum je im Publikum, denn für die meist aristokratischen Mitglieder der russischen Kolonie war Paul von Derwies ein Parvenu, den sie ignorierten.

Marie Bashkirtseff: Selbstporträt (Ausschnitt), Musée des Beaux-Arts, Nizza

Marie Bashkirtseff: Selbstporträt (Ausschnitt), Musée des Beaux-Arts, Nizza

„Tante Sophie sitzt am Klavier und spielt kleine russische Melodien, und das erinnert mich an unser Land“ – so notierte Marie Bashkirtseff im Jänner 1873 in ihr neu begonnenes Tagebuch. Kurz zuvor war die 13-jährige mit ihrer Mutter, ihrer Tante und ihrem Bruder nach Nizza gekommen, an der Promenade des Anglais hatten sie eine Villa bezogen, nachdem sie rund zwei Jahre lang durch Europa gereist waren. Die Eltern hatten sich getrennt, der Vater war in Russland geblieben.

Gedenktafel für Marie Bashkirtseff an der Promenade des Anglais

Gedenktafel für Marie Bashkirtseff an der Promenade des Anglais

Elf Jahre lang, bis zu ihrem frühen Tod im Jahr 1884, führte Marie Bashkirtseff Tagebuch. 1887 wurden die Aufzeichnungen – so wie es Bashkirtseff gewünscht hatte – von ihrer Mutter veröffentlicht und avancierten, übersetzt in zahlreiche Sprachen, zu einem Kultbuch für Generationen von jungen Frauen. Denn höchst souverän und mit schonungsloser Offenheit beschrieb Marie Bashkirtseff all ihre Hoffnungen, Erwartungen, Sorgen und Ängste – und in leichtem Erzählton berichtete sie vom Leben in Nizza, von Bällen und Theaterbesuchen, von Freundschaften und Schwärmereien. Im Mittelpunkt der späteren Aufzeichnungen stehen der Umzug nach Paris, das Studium an der Kunstakademie, die ersten Erfolge als Malerin, aber auch das Engagement in der beginnenden Frauenbewegung.

Das Musée des Beaux-Arts in Nizza

Das Musée des Beaux-Arts in Nizza

Marie Bashkirtseff war als Malerin durchaus erfolgreich, ihre Werke finden sich heute unter anderem im Pariser Musée d’Orsay, im Rijksmuseum in Amsterdam, im Russischen Museum in Sankt Petersburg – und im Musée des Beaux-Arts in Nizza. Das Gebäude, das 1878 als Palais für die ukrainische Adelige Elisabeth Kotschoubey errichtet worden war, beherbergt auch eine umfangreiche Sammlung an Skulpturen von Michel De Tarnowsky (auch er ein Angehöriger der russischen Kolonie) – darunter ein 1914 entstandenes Modell für ein nicht realisiertes  Denkmal für Marie Bashkirtseff.

Michel De Tarnowsky: Modell für ein Denkmal für Marie Bashkirtseff

Michel De Tarnowsky: Modell für ein Denkmal für Marie Bashkirtseff

Ganz in der Nähe des Musée des Beaux-Arts befindet sich die „Epicerie Russe“. Dort gibt es russischen Wodka, georgischen Wein, armenischen Weinbrand, ukrainische Pralinen und noch vieles mehr aus den Ländern der Ex-Sowjetunion zu kaufen. Es ist eines der vielen neuen Geschäfte Nizzas, die sich speziell an die vielen „neuen Russen“ wendet, die an die Côte d’Azur kommen. Denn: eine neue russische Kolonie ist hier im Entstehen.