PALAIS GARNIER IN PARIS: KEIN PHANTOM VON EINER OPER

Alle Fotos: B. Denscher

Nicht nur das hochkarätige Programm und die Qualität der Aufführungen reizen zum Besuch der Pariser Oper: Das imposante Bauwerk ist schon für sich alleine eine Sehenswürdigkeit: „Die neue Oper, die Charles Garnier zwischen 1861 und 1875 dort errichtete, wo das moderne Paris entstand, ist nicht nur ein Monument zu Ehren des Schauspiels, sie ist selbst ein Schauspiel. Der Baumeister und Opernliebhaber hatte den Anspruch, weit mehr zu schaffen als einen Rahmen, in dem großartige Musikdramen einen Abend lang zum Leben erweckt werden. Tatsächlich galt der Applaus des begeisterten Publikums vom ersten Tag an auch der Pracht des Bauwerks, das ein dauerhaftes Pendant zum kurzlebigen Glanz der Aufführungen bildet.“ So analysiert Gérard Fontaine in seinem Führer durch das „Palais Garnier“ die Idee des Gebäudes.

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In der Tat hat Architekt Garnier nicht nur einen Bühnenraum für die Oper geschaffen, sondern auch eine Bühne für die Pariser Gesellschaft. War es zuvor üblich gewesen, in der Pause Bekannte in der Loge zu empfangen, luden nunmehr die groß angelegten Treppenhäuser und Foyers zum Flanieren ein – mit dem Ziel des „Sehens und Gesehenwerdens“. Erstmals in der Theatergeschichte waren diese Bereiche größer angelegt als der eigentliche Zuschauerraum.

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Der namensgebende Architekt des Hauses, Charles Garnier (1825–1898) konnte sich 1860 gegen 170 Konkurrenten durchsetzen und gewann den unter Anonymität der Einreicher durchgeführten Wettbewerb um den Bau der Oper. Eine derartige anonyme Ausschreibung war damals noch ungewöhnlich und soll nur aufgrund einer Intrige gegen den Architekten Charles Rohault de Fleury, der vom legendären Pariser Präfekten und Stadtplaner Georges-Eugène Haussmann bereits nominiert gewesen war, zustande gekommen sein. Völlig überraschend kam damit der noch weitgehend unbekannte Charles Garnier zum Zug, der zuvor einige Jahre in Italien gelebt und dort die klassische Tradition der Baukunst studiert hatte. Die am 5.1.1875, nach 15-jähriger Bauzeit, eröffnete Oper sollte im wahrsten Sinn des Wortes Garniers Lebenswerk werden, denn er blieb bis zu seinem Tod der dafür verantwortliche Baumeister. Für weitere Arbeiten war da nicht mehr viel Zeit: Zu Garniers nicht allzu umfangreichen Oeuvre gehören einige Wohnhäuser und Villen, die Kirche von La Capelle und vor allem der Konzertsaal des Casinos von Monte Carlo. Mit dem um einige Jahre jüngeren Gustave Eiffel plante er das Observatorium des Mont-Gros in Nizza und mit Eiffel übernahm Garnier auch seinen letzten Auftrag, die Werkstätten und Magazine der Pariser Oper.

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Aufgrund der ungünstigen Grundwassersituation musste unter dem Gebäude ein Sammelbecken errichtet werden. Dies und die Gerüchte von seltsamen Keller-Geräuschen während der ersten Aufführungen, sowie ein mysteriöser Unfall, bei dem durch ein herabgefallenes Gegengewicht des Kronleuchters eine Besucherin getötet wurde, inspirierten den Schriftsteller Gaston Leroux  zu seinem 1910 erschienenen Schauerroman „Le Fantôme de l’Opéra“ – „Das Phantom der Oper“, der vielfach verfilmt wurde und aus dem Andrew Lloyd Webber 1986 sein weltbekanntes Musical machte.

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Einen Innovationsschub der besonderen Art verpasste dem bis heute im Wesentlichen im Original erhaltenen Operngebäude 1963 der Schriftsteller und damalige Kulturminister André Malraux. Er beauftragte den Maler Marc Chagall, das Deckengemälde im zwanzig Meter hohen Zuschauerraum neu zu gestalten, um dem historistischen Gebäude eine neue, modernere Note zu verleihen. Die ursprüngliche Kuppelgestaltung von Jules Eugène Lenepveu, die einen Zyklus der Götter und Göttinnen des Olymp zeigte, wurde dabei nicht zerstört, sondern befindet sich unter Chagalls Werk. Dieser schuf für das Palais Garnier eine Hommage an die für ihn wichtigsten Opernkomponisten – darunter Bizet, Mozart, Mussorgsky, Ravel, Wagner und Strawinsky, zu dessen „Feuervogel“ Chagall auch eine Darstellung des Eiffelturms ins Deckengemälde der Opéra Garnier setzte.

Gérard Fontaine, Palais Garnier. Pariser Staatsoper. Éditions du patrimoine, Paris 2002.
Pariser Oper – L’opéra Palais Garnier