VIEL MEHR ALS NUR „KAFFEEHAUSLITERAT“

Anton KuhAnton Kuh

Im Sommer 1926 übersiedelte der Schriftsteller Anton Kuh von Wien nach Berlin. Der Abschied von der Stadt, in der er 1890 geboren worden war, schien ihm nicht allzu schwer gefallen zu sein: Er wolle lieber „in Berlin unter Wienern statt in Wien unter Kremsern“ leben, vermerkte er dazu. Die deutsche Hauptstadt war zu jener Zeit ein Anziehungspunkt für viele Österreicher. Denn Berlin boomte, Berlin war modern, innovativ und kreativ, die Stadt bot vielfältige Chancen: im Wirtschaftsleben ebenso wie in der Kunst.

„Der Wiener sagt: ‚Spielen S’ Ihnan net auf!‘ und umschreibt damit seine ganze, gegen Wichtigtuerei und Pathos gerichtete Natur. Oder er sagt anspielerisch und augenzwinkernd: ‚Eh schon wissen!‘, was ins Breitschriftdeutsche übersetzt soviel heißt wie: ‚Wir brauchen uns nichts mehr zu sagen, wir sind ohnedies schon informiert‘, drückt aber gerade durch diese abgekürzte Form die ganze Skepsis eines Volkes aus, das die Geschichte teils zu Takt und teils zu Tratsch erzogen hat. (…)
Und der Berliner? In seinen Redensarten findest du seinen Sinn für Aktualität; seinen Haß gegen alle Antiquiertheiten des Gefühls; seinen Hang zu rascher Fortbewegung; und seine Abneigung gegen die Weitschweifigkeit. Daß er statt ‚gehen‘ – ‚laufen‘ sagt, ist schon allein für ihn bezeichnend; er hat ja gar keine Zeit zum ‚Gehen‘ im landläufigen Sinn, etwa wie der Wiener geht: Blick in die Zeitung oder nach den Dachspatzen. Dieses Gehen gehört in die Zeit der Linienwälle und Ringplatzpromenaden. Der Berliner ‚läuft‘ – er setzt die Fortbewegung seines Körpers in entschlossene Konkurrenz zu Aboag [Allgemeine Berliner Omnibus AG] und Untergrund. Er kann das Stehenbleiben nicht leiden, weder mit Fuß noch mit der Zunge; daher sein Wort ‚Mensch, mach ’n Punkt!‘, was eigentlich heißt: ‚Mach um Himmels willen keinen Punkt, rede so rasch und so knapp, daß ich nicht auswachsen muß!‘ “
(Aus: „ ‚Wat will er?‘ Führer durch Berliner Redensarten“, erschienen 1929)

Wien und Berlin waren für Anton Kuh zwei einander entgegengesetzte Pole: Wien schien ihm nach dem Zerfall der Donaumonarchie in dumpfer Provinzialität zu erstarren, Berlin dagegen war weltstädtisch und offen. Emotional allerdings war Kuh Wien stets eng verbunden, und bei aller Begeisterung für Berlin blieb er dennoch kritisch und vor allem wachsam gegenüber der politischen Entwicklung in Deutschland.

Unter dem Titel „Jetzt können wir schlafen gehen! Zwischen Wien und Berlin“ hat der Wiener Literaturwissenschaftler Walter Schübler einen Sammelband mit 47 Feuilletons von Anton Kuh zusammengestellt. Darin setzt sich Kuh aus verschiedensten Perspektiven mit der Polarität von Wien und Berlin auseinander. Zu hoffen ist, dass mit dieser Edition endlich auch eine Neubewertung dieses viel zu wenig beachteten und so oft unterschätzten Schriftstellers einsetzt.

Bis heute gilt Anton Kuh vor allem als „Kaffeehausliterat“, als ein Bohemien, der pointierte Aphorismen von sich gab und Stoff für eine Vielzahl von Anekdoten lieferte, dem man aber kein nennenswertes schriftstellerisches Werk zutraute. So wurde er für die Literaturgeschichte zu einer – wenn auch schillernden – Randfigur der Wiener Kultur der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Auch Rehabilitationsversuche in den 1980er und -90er Jahren in Form von drei Sammelbänden mit Texten von Anton Kuh änderten nur wenig an dieser Fehleinschätzung. Walter Schübler ist ein exzellenter Kenner der Biographie und des Werks von Anton Kuh. Im Rahmen eines Forschungsprojektes hat er sich in den vergangenen Jahren intensiv mit bio-bibliographischer Grundlagensicherung beschäftigt und macht sich nun an eine Neupositionierung des vermeintlichen Kaffeehausliteraten. Zu zeigen ist dabei, dass Kuh ein umfangreiches Werk hinterlassen hat, das ihn als hervorragenden Schriftsteller und kritischen Intellektuellen ausweist.

Die in dem Band „Jetzt können wir schlafen gehen. Zwischen Berlin und Wien“ enthaltenen Texte stammen aus Zeitungen und Zeitschriften – so etwa aus dem „Prager Tagblatt“, dem „Neuen Wiener Journal“, dem „Pester Lloyd“, dem „Berliner Tageblatt“, der „Vossischen Zeitung“ oder dem „Simplicissimus“. Anton Kuh war gefragter Beiträger für diese und einige Dutzend weiterer Periodika; er war ein „Publizist, mit einem ungemein vielfältigen Oeuvre“, so Walter Schübler, „dessen Texte in den renommiertesten Zeitungen und Zeitschriften erschienen: Feuilletons, Aphorismen, Theaterkritiken, Buchrezensionen, Glossen zum Tagesgeschehen, die erst in gesammelter Form erkennen lassen, wie wach sein Verständnis für politische, gesellschaftliche und kulturelle Entwicklungen war, und die sich, chronologisch gelesen, geradezu ausnehmen wie ein Index der Zeit, der sich noch dazu durch die erstaunliche Dauerhaftigkeit dieser tagesaktuellen Momentaufnahmen auszeichnet.“

Mit der Auswahl, die er getroffen hat, gelingt es Walter Schübler tatsächlich, das Bild des vermeintlichen Kaffeehausoriginals zurechtzurücken. Fast durchwegs sind es unbekannte Texte, die weder in einer der früheren Anton Kuh-Editionen noch in irgendeiner „Kaffeehausliteratur“-Anthologie enthalten sind – mit Ausnahme von Kuhs Räsonnement anlässlich der Schließung des „Café de l’Europe“ am Wiener Stephansplatz im Dezember 1918. Aber die Einbeziehung dieses Textes in den Sammelband hat gute editorische Gründe, denn das Ende des l’Europe markierte für Kuh auch das Ende von Wien als weltoffene europäische Metropole.

„Das Café de l‘Europe ist jetzt gesperrt worden. Eine Bankfiliale soll an seine Stelle kommen. Der Stefansplatz wird wieder rein-christlich (…) und keusch-bajuvarisch – das Wahrzeichen für Paris und Balkan schwindet. Ist das nicht zukunftsdeutend für Wien, die deutsch-österreichisch eingeschrumpfte Ex-Hauptstadt eines in Kaffeehäusern vereinten Völkerstaats? Ist es nicht symbolisch für seine Rückentwicklung in eine knödlig-biedere, werktätig-solide Kleinstadt? Das deutsche, von slawischen und magyarischen Bestandteilen gesäuberte Wien schwingt sich mit kühnem Ruck auf die Höhe von Linz.“

Walter Schübler hat für den von ihm zusammengestellten Sammelband ein kenntnisreiches und informatives Vor- und ein ebensolches Nachwort geschrieben. Die Biographie Anton Kuhs (mit Schwerpunkt auf den Berliner Jahren), die politischen und sozialen Rahmenbedingungen jener Zeit und die Rezeptionsgeschichte des Werks (die vor allem durch die Aversion der – die österreichische Literaturgeschichtsschreibung vielfach beherrschenden – „Krausianer“ gegen den Karl Kraus-Kritiker Kuh geprägt war) sind dabei wesentliche Themen. Gegönnt hätte man Schübler noch ein wenig mehr Platz für die „Erläuterungen“. Denn leider gibt es diese für die Lektüre sehr hilfreichen Zusatzinformationen zu Personen, Orten und Daten nicht zu allen Texten. So auch nicht zu jenem, dem der Titel des Buches entnommen ist: „Meine Herren, jetzt können wir schlafen gehen!“.

Erschienen ist der ebenso betitelte Artikel Kuhs am 18.10.1931 in der „Süddeutschen Sonntagspost“. Kuh bezieht sich darin auf die in der Nacht von 2. auf 3.10.1931 nach zähen Verhandlungen erzielte parlamentarische Einigung zu drastischen Sparmaßnahmen in Österreich. Diese waren vom Finanzkomitee des Völkerbundes als Bedingung für die Gewährung einer Anleihe verlangt worden, die das schwer verschuldete Land vor dem Bankrott retten sollte (eine Konstellation, die durchaus an die Situation im heutigen Europa erinnert!). Nach vielen Widerständen hatten die Sozialdemokratische Partei und die Großdeutsche Volkspartei ihre Zustimmung zu den Sparplänen des christlichsozialen Bundeskanzlers Karl Buresch gegeben, worauf dieser die Sitzung, die bis in die frühen Morgenstunden gedauert hatte, mit den Worten „Meine Herren, jetzt können wir schlafen gehen!“ beschlossen haben soll. Im Rückblick auf die weitere politische Entwicklung allerdings erscheint dieser Satz durchaus nicht mehr so positiv, wie er von den damaligen Medien und auch von Anton Kuh verstanden wurde. Denn der Parlamentarismus wurde bald auch in Österreich zu Grabe getragen, nachdem die demokratischen Kräfte es verschlafen hatten, sich gegen die drohenden faschistischen Gefahren zu vereinen.

„Laßt mich jetzt ein politisches Geständnis machen: Ich, in allem, was jenseits des Wiener Grenzrains liegt, überzeugter Linksler – Sozialist, Anarchist, Bolschewist, wenn ihr wollt! – als Wiener bin ich für die „Kaiserstadt“. Nicht für den Kaiser dieser Stadt, wohl aber für die Stadt ihrer Kaiser. Als solche war sie einmal ein Paradies der Resignation, Arkadien der Melancholie; ihre Luft gemischt aus dem Lebenshauch, der vom Zentralfriedhof, und aus dem Sterbehauch, der vom Prater über sie strich. Und hier, im Prater, an der Grenze von Ringelspiellärm und feudalem Huftrab, im grünsten Dickicht, lag auch ihr symbolischer Punkt: das „Selbstmörderbankl“. Heute ist ganz Wien ein solches Selbstmörderbankl geworden.“
(„Wien. Wie die Stadt war und wie sie ist“, erschienen 1927)

Der erste der – chronologisch angeordneten – Texte des Bandes „Jetzt können wir schlafen gehen“ erschien im April 1918, der letzte stammt aus dem August 1940. Erschienen war er in der New Yorker Zeitschrift „Aufbau“. Diese war Ende 1934 als „Nachrichtenblatt des German-Jewish-Club“ gegründet worden und brachte vorwiegend deutschsprachige und vereinzelt auch englische Artikel. Ab November 1939 trug der „Aufbau“ den Untertitel „Serving the Interests and the Americanization of the Immigrants“ und entwickelte sich zu einem der wichtigsten publizistischen Organe für in die USA geflüchtete Juden.

Anton Kuh war doppelt gefährdet gewesen: als Jude und als ein von den Nazis als „Kulturbolschewist“ angefeindeter kritischer Intellektueller. 1933 verließ er Berlin, lebte vorübergehend wieder in Wien, emigrierte dann über Paris und London nach New York. Ab Mai 1940 hatte er im „Aufbau“ eine eigene, „The Skeptical Reader“ betitelte Kolumne. In dieser setzte er sich – unter dem Pseudonym Yorick – mit der politischen Entwicklung in Europa (vor allem natürlich in Deutschland und Österreich) auseinander. Beeindruckend ist dabei unter anderem die geradezu beklemmende Scharfsinnigkeit, mit der Anton Kuh in einem der Artikel den Erfolg Adolf Hitlers auf der Basis von dessen Sprache analysiert. Dieser und auch alle anderen Beiträge, die Kuh für den „Aufbau“ schrieb, wären eine eigene Edition wert.

Walter Schübler hat für seinen Sammelband den im August 1940 erschienenen Text „Ein schlechtes Thema“ gewählt. Ein Bekannter habe ihn gefragt, so leitet „Yorick“ seine Glosse ein, warum er seine „sarkastische Feder“ nicht der Umbenennung eines Teiles der Wiener Ringstraße nach dem NSDAP-Reichsstatthalter und Gauleiter von Wien, Josef Bürckel, widme, da er doch wohl als Wiener dazu „manches Wehmütig-Witzige“ zu sagen hätte.

„ ‚Mein lieber Freund‘, schrieb ich zurück. ‚Sie irren. Der Bürckel-Ring lässt sowohl meine Wehmut wie meinen Witz kalt. Denn erstens: wo soll man bei diesem 1000-Jahrs-Reich des Dilettantismus, das sich das III. nennt, zu staunen und zu parodieren anfangen? Womit hat der Bürckel-Ring mehr Anrecht auf unser Gelächter als tausend andere Dinge, die uns, wienerisch gesprochen, Ring-rund und Kai-rund seit bald acht Jahre den Kopf zum Taumeln gebracht haben – Umbenennungen von weit gröberer Fraktur, wie etwa die: von Briefträgern in ‚Arier‘, von Oesterreichern in ‚Ostmärker‘, vom historischen Prager Wenzelsplatz in einen Hitler-Platz und – nehmt alles nur in allem! – von Jesus Christus in Adolf Hitler? Und liegt nicht das Wesen dieses Neu-Deutschland gerade darin, dass vom Höchsten bis zum Geringsten alles umbenannt ist, die Perspektiven ineinander torkeln, die Lächerlichkeit den Thron der Geschichtsmajestät einnimmt und sich die Unorthographie mit ehernen Lettern ins Buch der Frau Klio einträgt?
(…) Nein, mein Verehrtester, das Thema ‚Bürckel-Ring‘ gibt nichts her. Ausser etwa die Erkenntnis, wie wenig uns die Stadt, wo man ungestraft ‚Bürckel‘ auf die Ringstrasse schmieren darf, noch angeht, und wieviel mehr dagegen der Central-Park, der Times Square und die Fifth Avenue …‘ “

Am 18.1.1941 starb Anton Kuh in New York infolge eines Herzinfarkts. Den Nachruf in der Zeitschrift „Aufbau“ schrieb Franz Werfel, der mit den Worten schloss: „In unserem Gedächtnis lebt er und leben viele seiner staunenswerten Worte weiter. Möge sich in besseren Tagen eine Hand finden, die sie sammelt und überliefert“. Mit der neuen Textsammlung – der hoffentlich noch weitere folgen werden – ist ein wichtiger Schritt zur Erfüllung dieses Wunsches getan.

Anton Kuh: Jetzt können wir schlafen gehen! Zwischen Wien und Berlin. Hrsg. v. Walter Schübler. Metro-Verlag, Wien 2012.