GOTTFRIED AUGUST BÜRGER: EINE BIOGRAPHIE OHNE ETIKETT

Gottfried August Bürger. Gemalt von Johann Heinrich Tischbein d.J. (Gleimhaus Halberstadt)

Er war einer der populärsten Dichter seiner Zeit – und eine schillernde Persönlichkeit, ein Mann, der einiges Aufsehen hervorrief. Da war natürlich zuallererst jene „Ehe zu dritt“, die er über einige Jahre führte und die ihm den Vorwurf der Morallosigkeit einbrachte. Der Widerwille und die Nachlässigkeit, mit denen er, der gelernte Jurist, seinen „Brotberuf“ als Amtmann in Gelliehausen bei Göttingen ausübte, trugen erheblich zu jenem Ruf der Unzuverlässigkeit und Disziplinlosigkeit bei, der ihm sein Leben lang anhaften sollte. Aber er galt auch als sehr freundlich, als ein Mann mit großer „Herzensgüte“. In seiner literarischen Produktion und als Herausgeber war er überaus genau und auf absolute Korrektheit bedacht. Mit Geld jedoch konnte er nicht umgehen, er war dem Lotteriespiel ergeben und für die vielen Schulden, die er allenthalben anhäufte, ebenso berüchtigt wie für jene Lust an unflätigem Wortschatz, die er in seinen Briefen auslebte. Er nahm sich kein Blatt vor den Mund, wenn es darum ging, staatliche oder kirchliche Autoritäten zu kritisieren; er bekannte sich offen zu den Freiheitsideen der Französischen Revolution; und er war, als er später an der Universität Göttingen eine – allerdings unbesoldete – Professur innehatte, einer der ersten, die sich im akademischen Bereich für das Werk von Immanuel Kant einsetzten.

Für eine Biographie von Gottfried August Bürger ließe sich vermutlich eine Vielzahl von – mehr oder weniger reißerischen – Titeln finden. Der Literaturwissenschaftler Walter Schübler allerdings verzichtet auf jede Etikettierung: „Bürger, Gottfried August Biographie“, so nennt er den 240 Seiten starken Band, den er der Lebensgeschichte des Schriftstellers widmet. Schüblers Ziel ist eine „reflektierte Biographie“, in der das Originalmaterial – in Form von Briefen, autobiographischen Aufzeichnungen, Dokumenten aber auch literarischen Texten – die Priorität hat, in der Leerstellen und Widersprüche zwar aufgezeigt, aber nicht ausgeglichen werden, in der die Multiperspektive dominiert und den Lesern kein fertiges Bild vorgesetzt wird, sondern sie die Möglichkeit bekommen, „sich selbstständig zu verhalten“. Es ist ein Vorhaben, das der Autor – so viel gleich vorweg – mit dieser Biographie überzeugend umgesetzt hat.
Buchcover

„Bürger ist rettungslos verschossen in sie, hegt aber doch leichte Zweifel, ob er sich mit dem ‚närrischen Ding‘ in aller Öffentlichkeit sehen lassen dürfe.“ So beginnt Walter Schübler seinen Text über den Dichter, und wer nicht sorgfältig liest, braucht vermutlich den ganzen ersten originell formulierten Absatz, um mitzubekommen, dass es sich bei der „vorlauten Person“ mit „liederlichem Lebenswandel“ nicht um eine der realen Frauenbekanntschaften Gottfried August Bürgers handelt, sondern um eine fiktive Figur. Es ist Frau Schnips, der Bürger 1777 eine burleske Ballade widmete. Kennengelernt hatte er seine Titelfigur durch die Lektüre der von Thomas Percy einige Jahre zuvor herausgegebenen Textsammlung „Reliques of Ancient English Poetry“. Dort ist sie unter der Bezeichnung „The Wanton Wife of Bath“ Heldin einer anonym erschienenen Ballade aus dem frühen 17. Jahrhundert, die wiederum von „The Wife of Bath’s Prologue“ aus Geoffrey Chaucers „Canterbury Tales“ inspiriert gewesen war.

Bürger übersetzte und bearbeitete die englische Ballade und war, wie er in einem Brief vermerkte, überzeugt, dass ihm der Text „sehr gut gerathen sey“. Auch seine Schriftsteller- und Verlegerfreunde, denen er „Frau Schnips“ präsentierte, waren „ganz hingerissen“, weigerten sich jedoch, ihr „Obdach zu gewähren“. Das heißt: niemand wollte den Text drucken, und Georg Christoph Lichtenberg warnte: „Die Mäntel der Liebe unserer Geistlichen werden alle Tage enger. Ich glaube nicht, daß sie dieses Gedicht darunter bringen können.“

Frau Schnips ist nämlich nie um eine deftig-freche Antwort verlegen – auch nicht, als sie, nach einem „Schlaraffenleben“, bereits in der dritten der insgesamt 48 vierzeiligen Strophen stirbt und an der Himmelstür um Einlass verlangt. Diesen aber wollen ihr nacheinander Adam, Jakob, Lot, Judith, David, Maria Magdalena, Salomo, Petrus, Paulus und eine Reihe weiterer biblischer Persönlichkeiten mit dem Verweis auf ihren sündigen Lebenswandel verwehren. Sie alle jedoch werden mit Schimpfkanonaden bedacht, bei denen Frau Schnips sehr genau auf die wunden Stellen in den biblischen Lebensläufen zu zielen versteht. Adam etwa erinnert sie an seinen „Apfelfraße“, Judith tituliert sie als „Frau Gurgelschneiderin“, Lot als „alten Saufaus“ und Salomo, der ihr vorhält „zu viel Schnaps genommen“ zu haben, heißt sie das Maul halten, denn sie wisse sehr gut, „wie er auf Erden hausgehalten“: „Sieb’nhundert Weiber auf der Streu / Und extra noch darneben / Dreihundert – andre! Meiner Treu! / Das war ein züchtig Leben!“ Erst als Jesus erscheint, stellt sie ihr „Spektakel“ ein, fleht um Erbarmen – nun zwar ein wenig kleinlaut, aber doch stolz bibelfest: „Es hat ja dem verlornen Sohn / Sein Vater auch verziehen“ – und wird in den Himmel eingelassen.

Die wüsten Auslassungen der Frau Schnips, die durchaus als Attacke gegen kirchliches Pharisäertum verstanden werden konnten, stellten eine Provokation dar, und so dauerte es an die fünf Jahre, bis die Ballade endlich veröffentlicht wurde. 1782 erschien sie im „Göttinger Musenalmanach“, der eine Mischung aus Jahreskalender und Literaturzeitschrift war und für den zu jener Zeit Bürger selbst als Herausgeber verantwortlich zeichnete. Wie ihm seine Freunde geraten hatten, ließ er den Text unter Pseudonym – „M. Jocosus Serius“ – abdrucken. Allerdings hatte es sich bald herumgesprochen, dass er der Autor war.

Die Reaktionen auf die Ballade waren sehr unterschiedlich. Wie zu erwarten gewesen war, gab es einiges an Empörung und heftige Kritik. Der Text wurde von den Rezensenten als „plattes um nicht zu sagen rohes Machwerk“ bezeichnet, als „poetische Ungezogenheit“, die man nicht vor einem „ehrsamen Publikum zur öffentlichen Schau ausstellen“ dürfe, als eine „Posse“, durch die der himmlische Schauplatz „entweiht“ werde. Auch Johann Wolfgang von Goethe fand das Werk nicht nach seinem Geschmack. Es war ihm, so schrieb er in einem Brief aus Weimar, „gräßlich zu Muthe wenn eine wohlerzogene Hofdame, im galantesten Négligé, die Frau Fips oder Faps wie sie heißt, mit Entzücken vordeclamirte.“ Goethes Bemerkung beweist allerdings auch, wie populär die Ballade war. Der sehr eingängige, bildhafte, humorvolle Text war bald weit verbreitet und Frau Schnips wurde zur Symbolfigur für energische Durchsetzungskraft. Selbst Goethes Mutter soll sich einmal auf sie berufen haben, als sie ihren Ärger über eine häusliche Unstimmigkeit in einem Brief mit den Worten „Bürger’s Frau Schnips soll ein Kind gegen mich sein“ kommentierte.

Walter Schübler hat es klug angelegt, dass er das Kapitel über „Frau Schnips“ an den Anfang seines Buches stellt. Denn einerseits vermag gerade dieser Text auch ein heutiges Publikum unmittelbar anzusprechen, und andererseits macht er sehr klar deutlich, warum Bürgers Werke oft vehemente – begeisterte ebenso wie ablehnende – Reaktionen hervorriefen. Bei so manchen anderen, durchaus ebenso packenden Texten lässt sich eine derart heftige Resonanz nicht mehr ganz so leicht nachvollziehen. Zum Glück aber liefert Schübler durchwegs die zum Verständnis notwendigen Informationen. So etwa zu Bürgers bis heute berühmtestem Gedicht, der Ballade „Lenore“. 1773 entstanden und ebenfalls erstmals im „Göttinger Musenalmanach“ veröffentlicht war das Werk in kurzer Zeit im gesamten deutschen Sprachraum bekannt und machte bald auch in zahlreichen Übersetzungen international Furore. Die Ballade inspirierte zu zahlreichen Illustrationen und Vertonungen – so etwa komponierte Franz Liszt eine „Melodramatische Pianoforte-Begleitung zur Deklamation“ des Werkes.

Illustration zu „Lenore“ von Johann David Schubert

Illustration zu „Lenore“ von Johann David Schubert

Lenore ist eine junge Frau, die mit Gott hadert, weil ihr Geliebter nicht aus einer Schlacht zurückgekehrt ist. Dann aber erscheint der Ersehnte doch: als Geist, der sie zu einem wilden Ritt durch die Nacht mitnimmt, der mit dem Tod Lenores endet. Diese schaurige Geschichte (die von der Zensur in Wien übrigens wegen Gotteslästerung verboten wurde) wirkt auch heute überaus eindringlich, doch, so Schübler: „Der Erfolg der Lenore schuldet sich keineswegs allein dem populär und spontan Eingängigen der Spukgeschichte; sie entwickelt ihren untergründigen Sog ins Schauerliche, ins Dämonisch-Übernatürliche vielmehr aus den Anleihen aus dem religiösen Sprachbereich, aus der Amalgamierung von volkstümlichen Vierhebern und Kirchenlied-Bruchstücken; ein Sog, dem sich Bürgers Zeitgenossen, denen die Gesangsbuchtexte in Fleisch und Blut übergegangen waren, schwer entziehen können.“ Vor allem war zur Zeit Bürgers auch die Rezeptionssituation eine ganz andere: denn Balladen wie „Lenore“ waren auf Rezitation angelegt, sie sollten nicht gelesen, sondern gehört werden. Das Vorlesen oder das Vortragen von auswendig gelernten Gedichten war ein Bestandteil geselligen Beisammenseins, und da entfaltete die stark auf lautmalerische Effekte angelegte „Lenore“ – wie auch viele andere Werke Bürgers – eine besondere Wirkung.

Gottfried August Bürger gilt als einer der Begründer der deutschen Kunstballade. Zu den bekanntesten Werken, die er in diesem Genre geschrieben hat, gehört „Des Pfarrers Tochter von Taubenhain“. Die Ballade berichtet vom Schicksal eines Mädchens, das, von einem Adeligen verführt, zur Mörderin an ihrem neugeborenen Kind wird. Der Text, der weite Verbreitung fand, beschäftigte sich mit dem zu jener Zeit vieldiskutierten Thema der sozial stark stigmatisierten unehelichen Schwangerschaft. Bürger selbst hatte während seiner Tätigkeit als Amtmann eine Untersuchung gegen eine Kindesmörderin zu führen, und einige Motive aus deren Lebensgeschichte übernahm er in die Ballade. Neben der sozialen Anklage ist auch diese wieder eine Attacke gegen die Härte der protestantischen Orthodoxie. Denn der Pfarrer verstößt seine schwangere Tochter, nachdem er sie im Zorn schwer misshandelt hat: „Er schlang ihr fliegendes Haar um die Faust; / Er hieb sie mit knotigen Riemen. / Er hieb, das schallte so schrecklich und laut! / Er hieb ihr die samtene Lilienhaut / Voll schwellender blutiger Striemen.“

Leider sind weder diese Ballade noch die anderen Gedichte Gottfried August Bürgers in einer aktuellen Buchausgabe erhältlich. In einer ganzen Reihe von unterschiedlichen Editionen, so auch als E-Books und Hörbücher, hingegen liegt jenes Werk vor, das dem Autor zu Lebzeiten keinerlei Ruhm einbrachte: die „Wunderbaren Reisen zu Wasser und zu Lande, Feldzüge und lustigen Abenteuer des Freiherrn von Münchhausen“. Zwar fand das Werk, das eine Bearbeitung früherer Geschichten rund um den „Lügenbaron“ ist, schon beim zeitgenössischen Publikum breiten Anklang, aber es erschien anonym, und erst nach Bürgers Tod wurde bekannt, dass er der Autor gewesen war. Bis heute ist Bürgers „Münchhausen“ die am weitesten verbreitete und populärste Fassung des Stoffes – und das nicht nur, weil die berühmtesten Abenteuer von ihm erfunden wurden: nämlich der Ritt auf der Kanonenkugel und jene Szene, in der sich Münchhausen am eigenen Haarschopf aus dem Morast herauszieht. „Viel mehr“, so Walter Schübler, ist es „des Tons wegen, auf den Bürger die Schnurrpfeifereien des ruhmredigen ‚Lügenbarons‘ stimmt. (…) Erst unter Bürgers Hand verwandeln sich die derben, bärbeißigen Aufschneidereien des hannoverschen Haudegens, der, auf dem ‚hochbepolsterten Sofa‘ sitzend, siebenmeilenstiefelnd radomontiert, in jene augenzwinkernde Prahlerei im Nebenbeiton der Salon-Causerie, die Münchhausen einen Platz neben Till Eulenspiegel und den Bürgern von Schilda sichert.“

Illustration zu „Münchhausen“ von August von Wille

Illustration zu „Münchhausen“ von August von Wille

Natürlich kommt Walter Schübler nicht umhin, in seiner Bürger-Biographie auch auf das aufsehenerregendste Detail aus der Lebensgeschichte des Schriftstellers einzugehen: auf die „Ehe zu dritt“. 1774 hatte Bürger seine erste Frau, Dorette, geheiratet, einige Monate später entstand das erste der so genannten „Molly-Lieder“, die von der Liebe des Dichters zu Dorettes Schwester Auguste handeln. Eine dramatische und für alle Beteiligten peinvolle Zuspitzung erfuhr die Situation, als Auguste 1777, nach dem Tod ihres Vaters, zeitweilig bei ihrer Schwester – und damit auch bei Bürger – wohnte. „Wir haben mehr denn einmal beide gegen diese unglückliche Leidenschaft mit allen unseren Kräften gekämpft“, schrieb Bürger in einem Brief an einen Freund, jedoch war „alles vergeblich“. Schließlich willigte Dorette ein, so Bürger „mein Weib öffentlich und vor der Welt nur zu heißen, und die Andere, in geheim es wirklich zu seyn.“ Während dieser Dreierverbindung brachten beide Frauen ein Kind zur Welt: Auguste einen Sohn und Dorette eine Tochter. 1784 starb Dorette an Tuberkulose, ein Jahr später heirateten Bürger und Auguste, die jedoch schon nach wenigen Monaten ebenfalls der Tuberkulose zum Opfer fiel.

Für die Zeitgenossen war Bürgers Beziehung zu den beiden Schwestern ein Skandalon, das den Dichter später auch in vielen literaturgeschichtlichen Darstellungen in Verruf bringen sollte. Walter Schübler enthält sich in seiner Darstellung jeden Kommentars, jedes „spekulative ‚psychologische Einfühlen‘“ lehnt er ab. Stattdessen liefert er eine detailreiche, durch viele unterschiedliche Aussagen belegte Darstellung der Ereignisse. Dieses Bemühen um Objektivität, die Betonung des „Eigenwerts des Quellenmaterials“, macht die Qualität nicht nur dieses Kapitels, sondern des gesamten Buches aus. Anerkennung verdient der Band aber nicht nur als gründlich recherchierte und gut lesbare Schriftsteller-Biographie, sondern auch als interessantes und sehr facettenreiches Zeitbild – und vor allem als Anregung, sich mit dem Werk eines heute zu Unrecht weithin vergessenen Dichters zu beschäftigen.

Walter Schübler: Bürger, Gottfried August. Biographie. Verlag Traugott Bautz, Nordhausen 2012.