„GLAMOUR“: BILDER AUS DER ZAUBERWELT DES THEATERS

Emilie Drexler, Rui Tamai und Juky Sento in Kostümen aus „Der Nussknacker“ Foto: Lois Lammerhuber/Edition LammerhuberEmilie Drexler, Rui Tamai und Juky Sento in Kostümen aus „Der Nussknacker“ Foto: Lois Lammerhuber/Edition Lammerhuber

Glamour – dieser Begriff, der meist mit der Vorstellung des Glanzvollen verbunden wird, hat in seiner ursprünglichen Bedeutung mit Magie und Verzauberung zu tun. Damit ist „Glamour“ der ideale Titel für ein Buch, das in die Zauberwelt der Theaterkostüme führt. Wie faszinierend, vielfältig und spannend diese Welt ist, zeigt Starfotograf Lois Lammerhuber in 158 großformatigen Bildern, die den Entstehungsprozess der Kostüme von den ersten Entwürfen bis zur abschließenden Anprobe dokumentieren. Lammerhuber hat dafür die Kostümwerkstätten des „ART for ART“-Theaterservices der Österreichischen Bundestheater besucht, das in der Wiener Staatsoper, der Volksoper, an Burg- und Akademietheater, aber auch an internationalen Bühnen und bei Festivals für Glanz und Glamour sorgt.

Corps de Ballett in „Der Nussknacker“, © Foto: Lois Lammerhuber/Edition Lammerhuber

Corps de Ballett in „Der Nussknacker“, © Foto: Lois Lammerhuber/Edition Lammerhuber

Die Einleitung zu dem glamourösen Band – der die „Herrenspende“ beim Wiener Opernball 2013 war – schrieb Staatoperndirektor Dominique Meyer. Er beschäftigt sich in seinem Essay mit der Funktion des Kostüms als dramaturgisches Element und geht der Frage nach, wie weit die in den Regieanweisungen vorgegebenen Intentionen des Autors und wie weit die Vorstellungen des Regisseurs für die Kostümgestaltung bestimmend sein sollten:

„Soll ein sogenanntes historisches Kostüm ein Kleidungsstück der Zeit sein, in der die Handlung stattfindet, oder vielmehr ein Element, das uns diese Epoche oder eines ihrer Merkmale suggeriert? Soll es eine wortgetreue Beschreibung sein, auf die Gefahr hin, zur Paraphrase zu werden, oder soll es vielmehr interpretieren, auf die Gefahr hin, uns von den Gedanken des Autors abzulenken? Und ist nicht jeder Blick in die Vergangenheit unvermeidlich eine Interpretation? Um uns davon zu überzeugen, genügt es, wenn wir uns beispielsweise mehrere Produktionen derselben Oper in „historisierenden“ Kostümen anschauen. Unsere heutige Sichtweise des 18. Jahrhunderts entspricht nicht mehr derjenigen, die vor zwanzig oder fünfzig Jahren den Ton angab. Und wenn wir diesen Vergleich auf andere Länder ausweiten, wird die Vielfalt der Standpunkte noch größer. Im Übrigen sollte man sich vor morphologischen Anachronismen hüten: Der Kanon sowohl männlicher als auch weiblicher Schönheit unterschied sich im 18. Jahrhundert deutlich von unserem. Heute eine Gestalt früherer Tage wieder auferstehen zu lassen, kann recht schwierig sein. Hinzu kommt das Problem der Entfernung: Zehn oder fünfzehn Meter von der Bühne entfernt sieht der Zuschauer nichts mehr von den Seidenapplikationen, die für die Betrachtung aus der Nähe geschaffen worden sind. Der Kostümbildner muss also dem Zuschauer die Illusion geben, von seinem Theatersessel aus zu sehen, was er sehen würde, wenn er dem Schauspieler nahe wäre.“

Monika Bohinec und Stephanie Houtzeel in Kostümen aus „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“. © Foto: Lois Lammerhuber/Edition Lammerhuber

Monika Bohinec und Stephanie Houtzeel in Kostümen aus „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“. © Foto: Lois Lammerhuber/Edition Lammerhuber

Der Band „Glamour“ ist auch eine Hommage an Annette Beaufaÿs, die zwei Jahrzehnte lang die Kostümwerkstätten leitete und nunmehr in Pension geht. Dass sie es so lange in dieser Funktion aushalten würde, hatte sie (so erzählt sie in dem im Buch abgedruckten Interview mit Christian Fillitz) nicht gedacht, als sie 1993 ihren Einstiegsvertrag unterschrieb. Die Kostümwerkstätten, deren Geschichte bis in die k.k. Monarchie zurückreicht, erschienen ihr, so sagt die aus Westfalen stammende Kostümbildnerin, veraltet, „in den 50er Jahren stecken geblieben“. Beaufaÿs hingegen war seit Mitte der 1970er Jahre in der damals aktuellen internationalen Szene tätig, hatte für Theater-, Film- und Fernsehproduktionen die Ausstattungen geschaffen und an einigen Projekten von André Heller mitgearbeitet. Heller war es auch gewesen, der sie nach Wien an die Bundestheater empfohlen hatte – wo sie dann die Kostümwerkstätten völlig umkrempelte und aus dem ehemaligen „Kostümwesen“ eine moderne und vor allem auch sehr erfolgreiche Produktionsstätte machte.

Suzanna Kostandinovic bei der Arbeit an einem Kostüm für „Der Nussknacker“. © Foto: Lois Lammerhuber/Edition Lammerhuber

Suzanna Kostandinovic bei der Arbeit an einem Kostüm für „Der Nussknacker“. © Foto: Lois Lammerhuber/Edition Lammerhuber

Die Kostümwerkstätten „erhalten Berufe am Leben, die ohne Theater, Oper und Tanz seit langem verschwunden wären“, schreibt Dominique Meyer in seiner Einleitung – und Lois Lammerhuber liefert dazu mit seinen Fotos beeindruckendes Anschauungsmaterial. Die Bildstrecke führt von der Schneiderei, in der aufwändigste Näh- und Stickarbeiten ausgeführt werden, zur Malerei, Färberei und Schmuck- und Dekorationsherstellung, zu den Schuhmachern, die auch für die ausgefallensten Modelle die entsprechenden Leisten bereit halten, und zu den ModistInnen, die für den zu den Kostümen passenden Kopfschmuck sorgen.

Eva Wolfbeisser fertigt einen Hut für „Madame Pompadour“. © Foto: Lois Lammerhuber/Edition Lammerhuber

Eva Wolfbeisser fertigt einen Hut für „Madame Pompadour“. © Foto: Lois Lammerhuber/Edition Lammerhuber

Ein wesentliches Kriterium für die Qualität eines Bühnenkostüms ist die Funktionsfähigkeit. Denn der schönste Entwurf taugt nichts, wenn die SchauspielerInnen und TänzerInnen sich darin nicht entsprechend bewegen können, sich nicht wohlfühlen. Ein ganz entscheidender Moment im Produktionsprozess ist daher die Anprobe – und auch da durfte Lois Lammerhuber mit seiner Kamera dabei sein.

Annette Beaufaÿs, Dominique Meyer, Lois Lammerhuber: Glamour. Edition Lammerhuber, Baden 2013.