VERSUCH ÜBER DAS FLANIEREN

Alle Fotos: B. Denscher

Der Versuch möge mit dem Ende beginnen. Denn „Das Ende des Flanierens“ ist der Titel eines Gedichts, das Peter Handke 1976, im Alter von 34 Jahren, verfasst hat. Dieses Gedicht ist siebzehn Strophen lang und wurde erstmals in der deutschen Wochenzeitung „Die Zeit“ veröffentlicht. Vier Jahre später ist es in einem schmalen Band mit „Gelegenheitsarbeiten“ zu finden, der sogar seinen Titel trägt: „Das Ende des Flanierens“.

Während der Lektüre kommt ein Verdacht auf: Handke beschreibt nicht nur nicht das Ende des Flanierens, im Gegenteil, er tut es fortwährend. Indem er Gedanken und Beobachtungen aneinanderreiht, ist er in den Straßen von Paris unterwegs. Sein vorherrschender Zustand: das Alleinsein. Die Erwähnung der Métro – in unheimlicher Dunkelheit oder hell erleuchtet – des Friedhofs Montparnasse und des Boulevard St. Germain könnte populären Parisreiseführern entstammen. „Zufrieden mit einer Arbeit“ geht der Ich-Erzähler ins Café. Und erst dann, in der 18. Strophe, landet er bei dem Begriff, der hier von Interesse ist: „Pilger mit den schmerzblinden Augen! Bevor du registriert bist von den uferwechselnden Flaneuren: Gesammelt an der Schreibmaschine halte ich deine offiziell nicht bestätigte ZWISCHENZEIT fest Unerschütterlich stehen meine Worte da für dich ohne mich“.

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Peter Handke, bekennender Nicht-Flaneur, hat sogar eine literarische Form gefunden, die dem Flanieren entspricht: den „Versuch“. Der Versuch ist scheinbar absichtslos, entsteht entspannt in dem Bewusstsein, dass das Werk nicht gelingen, nicht an ein Ziel führen muss. Er kann genauso gut, ohne als Scheitern begriffen zu werden, im Nichts verlaufen, Abschweifungen sind erwünscht, ebenso überraschende Wendungen. Handke unternimmt im Lauf der Jahre mehrere solcher Versuche, beginnend 1989, mit der Müdigkeit: „Früher kannte ich nur Müdigkeiten zum Fürchten. Wann früher?“ Mit Jahresabstand folgten „Versuch über die Jukebox“ und „Versuch über den geglückten Tag“. Fast schien die kleine Reihe der Versuche abgeschlossen, als Handke sich 2012 den „Stillen Ort“ vornahm.

In seinem Gedicht „Das Ende des Flanierens“ hatte er, genau betrachtet, alle seine Versuche schon angekündigt. Der Ich-Erzähler wägt kritisch seine Tage ab, steht zwar an der Musicbox, nicht an der Jukebox, aber er beschreibt einen Stillen Ort: „Betrunken um Mitternacht: In der Cafetoilette vor dem Abfluß im Boden stehend pißt du plötzlich gegen ein gotisches Kirchenfenster“.

Der Flaneur ist ein Müßiggänger (Duden), ein Pflastertreter, ein eleganter Bummler. Wer flaniert, durchschlendert „in behaglicher Beschaulichkeit“ die Straßen (Meyers Lexikon von 1887). Das Wort ist abgeleitet vom französischen „flâner“ was auch faulenzen bedeuten kann.

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Obwohl die alten Nachschlagewerke die weibliche Form nicht kannten, beschrieben sie doch Kennzeichen der Flaneurin, wie sie sich dem Betrachter auf dem Signet ihrer Webseite zeigt: als eine elegante Erscheinung mit zierlichem Schuhwerk, sitzend wandert sie in Gedanken, in all dem ist sie ein urbanes Wesen. Selbstversuche zeigen schnell, dass Flanieren durch die Landschaft, in den Bergen oder am Meeresstrand, nicht möglich ist. Die Natur erfordert praktisches, oft ästhetisch fragwürdiges Schuhwerk und erhöhte Aufmerksamkeit für die Beschaffenheit des Bodens. Entspanntes und absichtsloses Schlendern würde bald im Sturz enden.

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Die Dichterin Elfriede Gerstl, selbst eine elegante Person, wollte keine Flaneurin sein. Für sie war das Wohnen in der Stadt „die Erfüllung eines alten Wunsches“, am Abend alle Orte zu Fuß aufsuchen zu können, fand sie ideal. Ohne Verabredung wollte sie „vollkommen unabhängig umhergehen“. „Flanieren“ nenne sie diesen Zustand dennoch nicht so gern, bekannte sie in einem Gespräch mit Franz Schuh. Flanieren sei für sie ein „absichtsloses Herumgehen“, und absichtslos sei ihr Herumgehen nie, sie habe immer die Absicht, Freunde zu treffen. Hier widersprach ihr Franz Schuh: er glaube schon, dass der Flaneur „Absichten hat und tätig ist. Was ihn zum Flaneur macht, ist, dass seine Arbeit nicht das ist, was im bürgerlichen Lebensverständnis Arbeit heißt.“

Einer solchen Definition schließen sich auch in der Gegenwart immer mehr geistig Tätige an, dazu nur zwei Bespiele: als im Jänner 2013 eine neue Spielstätte im Wiener „Hundsturm“ eröffnet wurde, präsentierte sich der Performancekünstler Otmar Wagner als „Zombie-Flaneur“. Willy Puchner, Fotograf und Illustrator, widmete sein 2011 erschienenes Buch „Welt der Farben“ allen Flaneuren, Spaziergängern und Reisenden.
Wer flaniert mit?

Doris Stoisser, Journalistin, in Printmedien tätig, war Chefredakteurin der Zeitschrift „die frau“ im Vorwärtsverlag, danach Freie Mitarbeiterin in Radio Ö1 (Im Gespräch, Radiokolleg, Hörbilder). 2009 europäischer CIVIS-Medienpreis und Prälat Leopold Unger-Journalistinnenpreis für das Radiofeature: „Karntn is lei ans. Die Geschichte einer Abschiebung“.

Peter Handkes Text „Das Ende des Flanierens“ in der Fassung von 1976 ist über das Online-Archiv der Zeitschrift „Die Zeit“ abrufbar.
Das Gespräch zwischen Elfriede Gerstl und Franz Schuh wurde am 1.6.2012 in der Zeitung „Der Standard“ veröffentlicht.
Willy Puchners Buch „Die Welt der Farben“ ist im G&G Verlag erschienen.