MALEN „EN PLEIN AIR“

Claude Monet: „Seerosen“ (Ausschnitt)Claude Monet: „Seerosen“ (Ausschnitt)

Zu den Attraktionen der Pariser Weltausstellung von 1889 gehörten der Eiffelturm – und eine neue Pflanzensorte: Es waren Seerosen, deren Farbenspektrum von verschiedenen Gelbtönen über zartes Rosa und kräftiges Rot bis zu samtig-tiefem Violett reichte. Zuvor hatte man in Europa nur weiße Seerosen gekannt. Es war der französische Gärtner Joseph Bory Latour-Marliac, dem es durch Einkreuzung amerikanischer Sorten gelungen war, die farbenprächtigen Pflanzen, die überdies auch winterfest waren, zu züchten. Latour-Marliac  wurde dafür auf der Pariser Weltausstellung mit einer Medaille ausgezeichnet – und sein Betrieb in Le Temple-sur-Lot im Süden Frankreichs entwickelte sich rasch zum international gefragten Produzenten von Seerosen und anderen „exotischen“ Gewächsen.

Zu den frühesten „Stammkunden“ von Joseph Bory Latour-Marliac gehörte Claude Monet (1840–1926). Denn Monet war nicht nur Maler, sondern auch ein begeisterter Gärtner. Daher widmet ihm die Kunsthistorikerin Stephanie Hauschild in ihrem Buch „Gärten im Licht. Impressionisten und ihre Gärten“ auch breiten Raum: Sie berichtet, dass sich Monet intensiv mit Botanik beschäftigte, dass er eine umfangreiche Bibliothek zur Pflanzenkunde hatte, dass er Kontakte zu Experten pflegte (wie etwa zum Direktor des botanischen Gartens von Rouen, der den Künstler mit Ablegern und Stecklingen versorgte) und dass er seine Gärten sehr genau plante – zunächst, in den 1870er Jahren, jenen rund um das Haus, das er in Argenteuil bei Paris gemietet hatte, und dann vor allem jene berühmte, als „Les jardins de Claude Monet“ in die Kulturgeschichte eingegangene Anlage in Giverny, rund 70 Kilometer nordwestlich von Paris. Dort hatte der Maler 1890 ein Haus erworben. Im umgebenden Garten, den er in den folgenden Jahren durch Zukäufe noch erweiterte, ordnete er die Beete nach speziellen Farbkompositionen an, ließ zwei Gewächshäuser bauen und vor allem auch jenen Seerosenteich anlegen, der zu einem seiner berühmtesten Bildmotive wurde.

Berthe Morisot: Bildnis ihres Ehemannes Eugène Manet und ihrer Tochter im Garten von Bougival (1883)

Berthe Morisot: Bildnis ihres Ehemannes Eugène Manet und ihrer Tochter im Garten von Bougival (1883)

Claude Monet war der wohl leidenschaftlichste Gärtner unter den Malerinnen und Malern seiner Zeit, aber er war durchaus nicht der einzige, der eine enge Beziehung zu Gärten und Pflanzen hatte und dies auch künstlerisch umsetzte. „Tatsächlich gehört die Freiluft- oder Plein-Air-Malerei zu den wesentlichen Merkmalen der impressionistischen Bewegung,“ so Stephanie Hauschild, die als typisches Beispiel die Malerin Berthe Morisot (1841–1895) nennt, die viele ihrer Motive in ihrem Garten in Bougival bei Paris fand. Morisots Schwager Édouard Manet (1832–1883) hingegen faszinierte vor allem die üppige Flora von Wintergärten, die er mehrfach in seinen Werken abbildete – und damit durchaus einer Mode seiner Zeit entsprach, denn, so Hauschild: „Im Paris zur Zeit Manets waren solche Wintergärten begehrte Statussymbole. Der Adel begeisterte sich für die dekorativen Räume ebenso wie das aufstrebende Bürgertum oder die Damen der Halbwelt. Wintergärten waren häufig mit fremdländischen Möbeln und Nippes ausgestattet, um den exotischen Reiz des Raumes noch zu steigern. Genutzt wurden sie meist als Gesellschaftsräume und Salons, in denen man Gäste empfing. Der Schriftsteller Emile Zola macht den Wintergarten in seinem Roman ‚Die Beute‘ (1871) sogar zum bedeutungsschweren Zentrum des Pariser Stadthauses. Zola beschreibt darin die feucht-schwüle Atmosphäre des Wintergartens mit seiner exotischen Pflanzenfülle als Symbol für Maßlosigkeit, Verschwendungssucht, Oberflächlichkeit und Freizügigkeit des neureichen Bürgertums.“

Edouard Manet: „Im Wintergarten“ (1879)

Edouard Manet: „Im Wintergarten“ (1879)

Stephanie Hauschild präsentiert in ihrem Buch aber nicht nur Gartenbilder französischer Maler, wie etwa Auguste Renoir (1841–1919) und Gustave Caillebotte (1848–1894), sondern sie führt auch in den berühmten Garten des deutschen Impressionisten Max Liebermann (1847–1935) am Wannsee bei Berlin: „Nach dem Tod des Künstlers 1935 erbte die Witwe Martha Liebermann zwar das Grundstück, musste es als Jüdin aber unter Zwang verkaufen. Hecken und Bäume wurden in den folgenden Jahren gerodet, die Reichspost, ein Krankenhaus und ein Taucherclub nutzten das Gebäude.“ Vom ehemaligen Ensemble war im Lauf der Zeit kaum mehr etwas übrig geblieben, doch die Bilder, die Max Liebermann in und von seinem Garten gemalt hatte, ermöglichten es, dass die Anlage in den vergangenen zehn Jahren rekonstruiert werden konnte, die ehemalige Villa des Künstlers beherbergt heute ein Liebermann-Museum.

Max Liebermann: „Wannseegarten“ (1926)

Max Liebermann: „Wannseegarten“ (1926)

Ergänzend zu den Bildern und den „Gartenbiografien“ der KünstlerInnen weiß Stephanie Hauschild viel Interessantes zu den Maltechniken, zu den Veränderungen im Naturverständnis, zur Pflanzenkunde und über die einstigen Modeblumen zu erzählen. Das 132 Seiten umfassende, reich illustrierte Buch ist damit eine ideale Lektüre für alle gartenliebenden KunstfreundInnen – und kunstliebenden GärtnerInnen.

Stephanie Hauschild: Gärten im Licht. Impressionisten und ihre Gärten. Thorbecke Verlag, Ostfildern, 2013.

Der Betrieb des Seerosen-Pioniers Latour-Marliac in Le Temple-sur-Lot besteht heute noch und wird auch als Schaugarten geführt.

Das Haus und der (rekonstruierte) Garten von Claude Monet in Giverny sind von alljährlich von Ende März/Anfang April bis 1. November für eine Besichtigung geöffnet.

Die Liebermann-Villa am Wannsee kann das ganze Jahr über besichtigt werden.