KEIN FEUERWERK FÜR DEN PHILOSOPHEN?

Søren Kierkegaard in einer 1854 entstandenen Zeichnung von H.P. Hansen (Original in Det Kongelige Bibliotek, Kopenhagen)Søren Kierkegaard in einer 1854 entstandenen Zeichnung von H.P. Hansen (Original in Det Kongelige Bibliotek, Kopenhagen)

„Ich hatte überlegt, meinen Geburtstag mit etwas Neuem zu zelebrieren, etwas, das ich noch nie zuvor versucht hatte, nämlich mit Rizinusöl“, vermerkte Søren Kierkegaard in seinen Aufzeichnungen aus dem Jahr 1852. Ob er seinen 39er tatsächlich mit einer Kostprobe des altbewährten, aber ziemlich übel schmeckenden Abführmittels begangen hat, geht aus der Notiz nicht hervor – deutlich aber wird, dass Kierkegaard durchaus eine gewisse ironische Distanz zum Feiern von Geburts- und anderen Festen hatte. Das entsprach der Lebens- und Weltsicht des dänischen Philosophen, dessen Geburtstag sich 2013 zum 200. Mal jährte.

Søren Kierkegaard war Wegbereiter der Existenzphilosophie, und wie niemand anderer vor ihm beschrieb er mit äußerster analytischer Präzision die innere Zerrissenheit des Menschen in einer zunehmend fragmentierten Welt. Mit seinen zahlreichen Schriften, darunter vor allem mit seinen Hauptwerken „Entweder – Oder“ (1843), „Der Begriff Angst“ (1844) und „Die Krankheit zum Tode“ (1849), übte er nachhaltigen Einfluss auf zahlreiche Philosophen, Theologen und Schriftsteller aus: von Martin Heidegger, Karl Jaspers und Ernst Bloch über Karl Barth und Martin Buber bis zu Theodor W. Adorno, Jorge Luis Borges, Albert Camus, Franz Kafka, Jean Paul Sartre, John Updike und vielen anderen.

Zu seinen Lebzeiten allerdings fand Søren Kierkegaard kaum Anerkennung. Vor allem in seiner Heimatstadt Kopenhagen wurde er durch seine Kritik an der dumpfen Saturiertheit der dänischen Kaufmannsgesellschaft und durch seine Attacken gegen die Überheblichkeit und Selbstgefälligkeit der Vertreter der lutherischen Staatskirche zum verhassten Außenseiter. Er musste zahllose Schmähschriften über sich ergehen lassen, wurde in Karikaturen verspottet, auf der Straße beschimpft und manchmal sogar mit Steinen beworfen.

Søren Kierkegaard um 1840. Porträt nach Zeichnung von Niels Christian Kierkegaard (Original in Det Kongelige Bibliotek, Kopenhagen)

Søren Kierkegaard um 1840. Porträt nach Zeichnung von Niels Christian Kierkegaard (Original in Det Kongelige Bibliotek, Kopenhagen)

„Die Leute verstehen mich so wenig, dass sie nicht einmal meine Klagen darüber verstehen, dass sie mich nicht verstehen“ – so Søren Kierkegaard. Zum besseren Verständnis des – bis heute oft als schwierig bezeichneten – Werkes von Søren Kierkegaard und zu einem breiteren Wissen um die Bedeutung des Philosophen sollten 2013, zum 200-Jahr-Jubiläum, Ausstellungen, Symposien, Vortragsreihen, Buchpublikationen, Filme und vieles mehr beitragen. Allerdings war in Dänemark rund um die Geburtstagsfeiern eine heftige öffentliche Diskussion entbrannt. Zu Wort gemeldet hat sich dabei auch Sven Hakon Rossel, renommierter Literaturwissenschaftler und langjähriger Leiter des Skandinavistik-Institutes der Universität Wien. Sein Debatten-Beitrag, den Rossel in der Kopenhagener Tageszeitung „Berlingske“ veröffentlichte, trägt die Überschrift „Kierkegaard, for Søren!“ – und das bedeutet nichts anderes als „Kierkegaard, zum Teufel!“ (im Dänischen ist der Vorname Søren auch eine geläufige euphemistische Bezeichnung für den Satan). Rossel hat damit jedoch durchaus keine Schmähung des Philosophen im Sinn – ganz im Gegenteil. Es sei, so schreibt er, „skandalös, dass die Regierung für die Finanzierung der Aktivitäten rund um Søren Kierkegaards 200. Geburtstag nur den bescheidenen Betrag von 2,5 Millionen Kronen zur Verfügung stellt. Beim H.C. Andersen-Jubiläum waren es 150 Millionen Kronen“.

Tatsächlich hatte die dänische Regierung im Jahr 2005, als der 200. Geburtstag des Märchendichters zu feiern war, rund 20,1 Millionen Euro bereitgestellt. Das Jubiläum des Philosophen hingegen war ihr nur einen Bruchteil davon, nämlich umgerechnet  335.000 Euro, wert. Und das empörte nicht nur Sven Hakon Rossel. Dass die geringen öffentlichen Mittel mit der Finanzkrise zusammenhängen, sei eine „bequeme Ausrede“, meinte etwa der Kommunikationswissenschaftler Olav Harsløf: „Wäre in diesem Jahr Andersens Geburtstag zu feiern, dann wären die bereitgestellten Mittel dafür mindestens ebenso groß wie 2005 – wenn nicht sogar größer“, sagte er in einem Interview mit der Tageszeitung „Information“. Die Politik orientiere sich eben an den Interessen der Wirtschaft, und Andersen sei eine Marke mit hohem Verkaufswert: „Er ist eine Cashcow, was bei Kierkegaard nicht in dieser Weise der Fall ist“, so Harsløf.

Zwar gab es ein durchaus engagiertes Jubiläumsjahr-Programm, für das hauptsächlich das „Søren Kierkegaard Research Center“ der Universität Kopenhagen verantwortlich zeichnete, doch befürchteten viele, dass Kierkegaard und seine Werke auch weiterhin ein Minderheiten- und Spezialistenthema bleiben werden. Für ein breiter angelegtes, stärker öffentlichkeitswirksames Programm fehlte einfach das Geld. „Die Feierlichkeiten zu H.C. Andersens rundem Geburtstag wurden mit einem Festfeuerwerk abgeschlossen, das Søren Kierkegaard-Jahr hingegen wird wohl als kleiner, feuchter Knallkörper enden“, ätzte daher die Tageszeitung „Information“.

Der Philosoph Søren Kierkegaard und der Märchendichter Hans Christian Andersen sind die beiden großen Antipoden der dänischen Kultur. Deutlich wird dies nicht nur bei den jeweiligen Jubiläumsfeiern und in der Rezeption ihrer Werke – sondern das war schon zu ihren Lebzeiten so. „Seelenmarter gefühlt wegen Kierkegaards noch nicht erschienener Kritik“, notierte Hans Christian Andersen am 30. August 1838 in seinem Kalender. Als Märchendichter hatte der damals 33-jährige bereits zahlreiche Erfolge feiern können. Mit Geschichten wie „Die Prinzessin auf der Erbse“, „Des Kaisers neue Kleider“ und „Die kleine Meerjungfrau“ hatte er bereits eine begeisterte Leserschaft gefunden. Im Spätherbst des Jahres 1837 hatte Andersen seinen dritten Roman herausgebracht. Er trug den Titel „Nur ein Spielmann“ und war die Geschichte eines armen Geigers, dem wegen seiner Herkunft und seiner labilen Psyche sowohl der künstlerische Erfolg als auch die große Liebe verwehrt bleiben. Das Buch kam beim dänischen Publikum sehr gut an und wurde bereits 1838 auch ins Deutsche übersetzt.

Nun also wollte Sören Kierkegaard den Roman rezensieren. Andersen kannte den um acht Jahre jüngeren Studenten der Theologie und Philosophie bereits seit einiger Zeit. Die beiden Männer waren einander in Kopenhagener Kaffeehäusern, im Theater und in den literarischen Zirkeln der Stadt öfters begegnet, allerdings mochten sie einander nicht besonders – vermutlich, weil sie allzu unterschiedliche Persönlichkeiten waren. Kierkegaard, heute berühmt als Wegbereiter der Existenzphilosophie, hatte von seinem Vater, einem wohlhabenden Kopenhagener Kaufmann, ein ansehnliches Vermögen geerbt.

Søren Kierkegaard in einer 1870 entstandenen Karikatur von Wilhelm Marstrand (Original in Det Kongelige Bibliotek, Kopenhagen)

Søren Kierkegaard in einer 1870 entstandenen Karikatur von Wilhelm Marstrand (Original in Det Kongelige Bibliotek, Kopenhagen)

Er führte das Leben eines intellektuellen Dandys, der sich ohne alle materiellen Sorgen seinen Studien widmen konnte. Andersen, Sohn eines armen Schuhmachers aus der Provinzstadt Odense, war als 14-jähriger völlig mittellos nach Kopenhagen gekommen und hatte viele Bittbesuche absolviert, bis er endlich Gönner fand, die ihm eine Schulausbildung finanzierten. Gesellschaftliche Anerkennung war ihm sein Leben lang überaus wichtig – während Kierkegaard vor keinem Konflikt zurückscheute. Kierkegaard hatte den Märchendichter Bekannten gegenüber wiederholt als allzu sentimental, naiv und unmännlich bezeichnet. Andersen wiederum erzählte in seinem Märchen „Die Galoschen des Glücks“ von einem seltsamen Papagei, der philosophische Sprüche von sich gibt, die aber niemand so recht versteht. So manche Zeitgenossen meinten darin eine Karikatur Kierkegaards zu erkennen.

1838, als „Nur ein Spielmann“„ erschien, hatte sich Sören Kierkegaard zwar schon als scharfzüngiger Querdenker einen Namen gemacht, allerdings hatte er noch kaum etwas veröffentlicht. Von der Rezension des Andersen-Romans erwartete man daher nichts anderes als eine der üblichen Buchbesprechungen. Merkwürdig – und für Hans Christian Andersen beunruhigend – war nur, dass sich Kierkegaard dafür mehrere Monate Zeit ließ. Endlich, am 7. September 1838, erschien der Text – und zwar nicht, wie man erwartet hatte, in einem Literaturjournal, sondern in Form eines neunzigseitigen Buches. Es war Sören Kierkegaards allererste Buchpublikation: Sie trug den Titel „Aus eines noch Lebenden Papieren“. Kierkegaard lieferte darin einen Totalverriss des Romans und heftige Attacken gegen Andersen. Was ihn so aufbrachte, war vor allem jene passive, resignative Weltsicht, die ihn auch schon in den Märchen des Dichters gestört hatte. Andersen, den Kierkegaard auch schon einmal als „Jammerlappen“ bezeichnet hatte, sei ein unreifer, naiver Mensch, ohne „Lebensanschauung“, ohne eine klare Haltung gegenüber den wahren Problemen des Lebens. Genau das aber forderte Kierkegaard von Literatur und Philosophie, und daher vermerkte er an anderer Stelle: „Andersen schreibt über die Galoschen des Glücks, ich aber schreibe davon, wo der Schuh drückt.“

Weitere Informationen:
Søren Kierkegaard Research Center der Universität Kopenhagen.
Barbara Denscher: Lesereise Kopenhagen. Der Philosoph und die Meerjungfrau. Picus Verlag, Wien, 2013.