MARSEILLE UND DIE WELT: ZUM AUSKLANG DES KULTURHAUPTSTADTJAHRES

Marseille. Alle Fotos © Doris StoisserMarseille. Alle Fotos © Doris Stoisser

„Von Marseille aus sehe ich die Welt“, schrieb Jean-Claude Izzo in einem Essay. „Mediterran“ war der Begriff, der für ihn und für viele in der Stadt den gesamten Lebensraum – das Mittelmeer, den Maghreb und selbst Kleinasien – umschließt. Vom übrigen Frankreich durch die Berge separiert, wendet sich die Stadt dem Meer zu. Jean-Claude Izzo, der viel zu früh verstorbene Autor der sozialkritischen Marseille-Trilogie, war der Nachkomme von Einwanderern, wie die meisten Bürger seiner Heimatstadt: „Woher man auch kommt, in Marseille fühlt man sich zuhause“, schrieb er.

Marseille: Alte Börse

Marseille: Alte Börse

Jean-Claude Izzo (1945–2000) hat Euroméditerranée noch erlebt, das Mitte der 1990er Jahre begonnene riesige Sanierungsprojekt, aber nicht mehr dessen vorläufigen Höhepunkt, die Wahl Marseilles zur Kulturhauptstadt 2013. Mehr als 600 Millionen Euro wurden investiert – in die Restaurierung alter Bausubstanz, wie der beeindruckenden Vieille Charité; es wurden Straßen erneuert und international bekannte Architekten verpflichtet, wie etwa Zaha Hadid, die ein elegantes graues Hochhaus in den neuen Hafen baute. All das kann bei meist idealem Wetter besichtigt werden: 300 Sonnentage sind der Jahresdurchschnitt. Nur wenn der Mistral unvermittelt von Norden her über die Berge fegt, kann es im Winter ungemütlich werden, während man im Sommer den „Meister“ als angenehme Abkühlung empfindet.

Wo beginnt man mit einem Rundgang? Der Vieux-Port, der Alte Hafen, bietet sich an, wo heute nur noch kleinere Segeljachten ihren Liegeplatz haben. Aber es steuern ihn immer noch die Fischer an, die morgens den Fang der Nacht an Ständen am Quai zum Verkauf anbieten. Wer den Blick von dem bunten Angebot hebt, sieht über sich die Attraktion des Vieux-Port, die „Ombrière“. Norman Forster hat ein Sonnendach von mehr als 1000 Quadratmetern auf eine Stahlkonstruktion gesetzt und es an der Unterseite verspiegelt. In diesem Riesenspiegel wird das Meer zum Himmel, von dem die Häuserfassaden der Quais herabzuhängen scheinen und die Menschen kopfüber gehen. Passanten wenden mit kindlicher Freude den Blick nach oben und fotografieren aus ungewohntem Sichtwinkel.

Die Ombrière

Die Ombrière

Dem Hafenbecken entlang sind viele Anziehungspunkte aufgereiht, beginnend rechter Hand mit dem Hôtel de Ville, dem Bürgermeisteramt, von dem eine breite Treppe bergan zum Hôtel-Dieu führt, das heute ein Luxushotel mit prächtigem Hafenblick ist. Marseille ist hügelauf-hügelab gelegen, die Anhöhen sind von markanten Bauwerken gekrönt, die unvergessliche Panoramen bieten. Oft führen die Wege an Plätzen mit Skulpturen vorbei, die Wände sind Freilichtmuseen, mit gesprayten oder gemalten Bildern, die durch Rahmen aus bunten Bändern als Kunstprojekte hervorgehoben werden.

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Nach Westen der Küstenlinie folgend, gelangt man vom alten Hafen zu den beiden neuen  Museen, wo immer noch Bagger an der Freiraumgestaltung werken: Als Zeichen, dass das Kulturhauptstadtjahr zwar der Höhepunkt der bald zwanzigjährigen Stadterneuerung ist, aber längst nicht ihr Ende. Die beiden Museen, MuCEM und Villa Méditerranée, ein Würfel mit dunkler, filigran durchbrochener Fassade das eine, ein aufs Meer hinausweisender strahlendheller Brückenansatz das andere, stellen die Geschichte des mediterranen Raums aus. Links von ihnen liegen die großen weißen Kreuzfahrtschiffe, rechts die Cathédrale de la Major, ein wuchtiger, 145 Meter langer Bau aus dem 19. Jahrhundert.

Kaiser Napoleon III. hat der spröden Stadt Marseille mehrere Symbole der ungeliebten Zentralmacht hinterlassen. Neben dem kleinräumigen Altstadtviertel Panier erstreckt sich die Rue de la République, ein fast eineinhalb Kilometer langer Boulevard. Sogar ein Hügel wurde durchschnitten, um die schnurgerade Ausrichtung zu ermöglichen, so stehen jetzt mitten in der gleichförmigen Häuserzeile einander gegenüber zwei wuchtige Mauern als Befestigung des geteilten Hügels. Die Marseiller haben diese „Pariser Manieren“ nie gemocht, die Rue de la République sieht verlassen aus, die Geschäfte abgesiedelt, die alten Einwohner sind ihnen gefolgt.

Rue de la République

Rue de la République

In der Rue de la République sollen hochwertige Quartiere entstehen, wie es sie in der neuen Hafencity bereits gibt. Hier wurden Bäume gepflanzt, die Plätze und Gehwege mit Steinplatten ausgelegt, die Häuserzeile am Ufer ist renoviert. Geblieben sind einige alte Lagerhallen, die als Ausstellungs- und Veranstaltungsorte genutzt werden. In einem von ihnen, dem „J1“, sind Arbeiten von Le Corbusier ausgestellt, seine selten gezeigten Bilder und Skulpturen, sowie Planzeichnungen und Modelle. Am anderen Ende der Stadt kann man eines seiner wichtigsten Häuser realisiert sehen: die „Cité Radieuse“. Schon in den 1920er Jahren hatte Le Corbusier einen neuartigen Fertigteilbau geplant, in der Wohnungsnot nach dem Zweiten Weltkrieg wurde dieser in den 1950er Jahren errichtet. Auf Stelzen stehend, umfasst die „vertikale Stadt“ 331 Wohnungen, ein kleines Hotel und eine Bibliothek. Die Dachterrasse im neunten Stock bietet einen Rundblick von den angrenzenden Bergen bis zu den Inseln vor der Küste.

Für Euroméditerranée und das Kulturhauptstadtjahr 2013 sollten nicht nur das Zentrum um den Vieux-Port, die Prachtstrasse Canebière oder das Altstadtviertel Panier aufgewertet waren, sondern auch weniger anziehende Bezirke. Die Skepsis war groß: Marseille, die älteste Stadt Frankreichs, galt als schwieriges Terrain, mit hoher Kriminalitätsrate und drängenden sozialen Problemen. Würde die Sanierung alter baulicher Substanz und die Implantierung zeitgenössischer Spitzenarchitektur nur oberflächliche Verbesserungen bringen oder würden die Maßnahmen der Stadt nachhaltig nützen? Für eine Bilanz scheint es noch zu früh, aber die subjektiven Eindrücke lassen vermuten, dass es gelungen ist, Marseille seinen Reiz als widersprüchliche Stadt zu belassen und viele neue Impulse zu geben. Gäste werden freundlich aufgenommen, Busfahrer bleiben ohne Haltestellen stehen, um Fremden den Weg zu zeigen, im arabischen Salon de Thé wird der beste Minztee serviert. Auch ohne den Anreiz des Kulturhauptstadtjahres wird Marseille in Zukunft viel zu bieten haben.

Die Marseille-Trilogie von Jean-Claude Izzo ist 2012 als Taschenbuch im Unionsverlag, Zürich, erschienen.