MÖCHTE ICH IN VENEDIG ZUHAUSE SEIN?

Venedig. Alle Fotos: B. Denscher

Alle Städte gleichen sich mehr oder weniger, nur diese gleicht keiner anderen, schrieb der Dichter Carlo Goldoni über seine Heimatstadt. Der Philosoph Georg Simmel schwärmte, dass alle Menschen in Venedig „wie über die Bühne“ gehen… Ich betrete diese Bühne jedes Jahr, aber möchte ich mit 16 Millionen Touristen leben?

Venedig, San Giorgio

Venedig, San Giorgio

Am Tag davor hatte die Riva degli Schiavoni noch den gewohnten Anblick geboten, das Halbrund der Häuser am Ufer, gegenüber sah man San Giorgio im Abendlicht – am Morgen aber lag hier das riesige Kreuzfahrtschiff. Es überragte die Kirchtürme, war bildfüllend mit einer Wucht von mehr als 93.000 Tonnen, 293 Metern Länge und 32 Metern Breite: dreitausend potenzielle Kunden für Besitzer von Luxusgeschäften rund um San Marco, aber eine Schadstoffbelastung im Ausmaß von 14.000 Autos für alle. Mehr als 1.600 Mal fuhr 2012 einer dieser Riesen an San Marco vorbei. Besorgte Venezianer fürchten um die alten Fundamente ihrer Häuser, beobachten bang die Risse in den Wänden und kleben Bilder fest, wenn sie durch die Erschütterungen immer wieder herabfallen.

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Das Beispiel der Kreuzfahrtschiffe zeigt deutlich, in welchem Dilemma die Venezianer gefangen sind. Einerseits lebt die Stadt vom Tourismus – jeder zweite arbeitet in dieser Branche – gleichzeitig werden die Besucherströme immer mehr zum Problem. Die Kampagne „No grande navi“ erfasste im Sommer 2013 immer mehr Menschen.  Am Höhepunkt der Proteste legten Aktivisten in hunderten Booten, mit bunten Luftballonen und Transparenten bewaffnet, den Canal Grande lahm, gleichzeitig blockierten Schwimmer den Giudecca-Kanal. Die italienische Regierung reagierte sogar und beschloss eine Reduzierung der Kreuzfahrten mit 1. Jänner 2014 um 20 Prozent, seit Jahresbeginn ist die Durchquerung des Giudecca-Kanals durch Fähren verboten. Wie der Schiffsverkehr sich künftig gestalten wird, ist unsicher, denn in Zeiten leerer Kassen liegen die Pläne für einen Offshore-Hafen außerhalb der Lagune und für einen entlastenden Kanal auf Eis.

Auch in der Auseinandersetzung mit dem Modeschöpfer Pierre Cardin gingen die Venezianer als Sieger hervor, besonders, weil sich ihren Protesten bald ganz Italien anschloss. Cardin hatte exakt zur Eröffnung der Architekturbiennale 2012 verkündet, er werde auf dem venezianischen Festland das 250 Meter hohe „Palais Lumière“ errichten lassen. Der Turm stünde zwar außerhalb der als Weltkulturerbe geschützten Altstadt, aber das weithin sichtbare Bauwerk hätte die Skyline der Stadt völlig verändert. Überrascht von der, wie er sagte, „feindlichen Aufnahme“ zog Cardin das „Geschenk“ an seine Herkunftsregion zurück.

Gebaut wurde dagegen die „Ponte della Constituzione“ nach einem Entwurf des spanischen Architekten Santiago Calatrava. Sie verbindet seit 2008 in einem eleganten Bogen über den Canal Grande den Bahnhof Santa Lucia mit der Garage auf der Piazzale Roma. Bereits drei Jahre nach der Inbetriebnahme zeigten sich aber Mängel an beiden Brückenlagern, die geplante Kabine zur Hilfe für Rollstuhlfahrer fehlt bis dato. Aber eine barrierefreie Stadt wird Venedig nie sein: die Stadt liegt auf 118 Inseln, 400 Brücken sind nötig, um 1.500 Wasserwege zu überqueren. Nahezu alle werden über Treppen begangen, die Brücken mussten relativ steil angelegt sein, um über den schmalen Kanälen jene Höhe zu erreichen, die die Durchfahrt für Boote erlaubt.

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Die Lage in der Lagune stellte immer eine besondere Herausforderung dar, andererseits bot sie einen besseren Schutz als jede Stadtmauer. Venedig war in seiner Blütezeit mit 190.000 Einwohnern eine der größten Städte der Welt und die Metropole eines Reiches, das sich bis Griechenland erstreckte. Im 15. Jahrhundert verfügte die Republik über 3.340 Handelsschiffe, die Werft im Arsenal, dessen Reste heute als einzigartiger Ausstellungsraum dienen, war in seiner vorindustriellen Blütezeit die größte Produktionsstätte der Welt.  Eine straffe Leitung der Republik hatte seit dem 15. Jahrhundert die Nutzung der Lagune und der Wälder auf dem Festland mit Bedacht organisiert, denn der Bedarf an soliden Eichenstämmen, nicht nur für den Schiffsbau, sondern vor allem für die Fundamente der Bauten, wie für Befestigungen gegen den Ansturm des Meeres, war enorm.

Wie sich die Bewohner Venedigs heute fühlen, kann Sigrid Grössing erzählen: Sie stammt aus Haus im Ennstal, kam 1973 in die Stadt und erwarb 1978 gemeinsam mit ihrem italienischen Mann ein altes Haus im Sistiere Castello. Man könne sich heute gar nicht vorstellen, wie grau Venedig damals war, viele Häuser standen leer und verfielen. Erst ab den 1990er Jahren begann man, immer mehr Häuser zu renovieren, um sie in Hotels oder Pensionen umzuwandeln, auf diese Weise konnten in der Altstadt immer mehr Reisende beherbergt werden. Der gleichzeitig boomende Tagestourismus erwies sich mittlerweile zunehmend als Verlustgeschäft: Die Besucher, die meist aus den benachbarten Badeorten kommen, konsumieren wenig und lassen Abfälle zurück. 58.000 Tonnen Müll muss die Stadt jährlich verkraften, in speziellen Booten wird der Abfall aufs Festland gebracht. Die Masse der Besucher konzentriert sich aber im Wesentlichen auf den Markusplatz und die Geschäftsstraßen Richtung Rialto. Wer in der Stadt zuhause ist, weiß das Gedränge zu vermeiden, wählt andere Orte, andere Zeiten, und schon sind die Einheimischen unter sich, genießen ungestört die Schönheit ihrer Stadt. Im Viertel Castello gibt es noch eine vergleichsweise gute Infrastruktur, die auch die in der Nachbarschaft wohnende Krimiautorin Donna Leon zu schätzen weiß, die mit ihren Romanphantasien das Venedigbild von Millionen Lesern prägte.

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Die Schattenseiten des Massentourismus zeigt der Streifen „Das Venedig Prinzip“ des Dokumentarfilmers Andreas Pichler. Alteingesessene Bewohner der Stadt erzählen, wie nach und nach die Geschäfte in ihrer Umgebung von Andenkenläden und Bars verdrängt werden. Immer mehr Nachbarn ziehen aufs Festland, weil sie sich die steigenden Mieten nicht mehr leisten können. In den Vorstädten Marghera und Mestre leben mittlerweile dreimal so viele Menschen wie im historischen Zentrum. Die verlassenen Quartiere werden großzügig, aber oft auch sehr oberflächlich renoviert und an zahlungskräftige Interessenten aus aller Welt verkauft. Diese aber nutzen ihr Haus oft nur für kurze Besuche, die meiste Zeit des Jahres steht es leer. Andreas Pichler stellt in seinem Film die Frage, was aus einer Stadt wird, die sich dem Tourismus völlig hingibt, und er versteht diese Frage als Warnung. Eine Stadt als Museum? Noch ist es nicht soweit, Optimismus ist angebracht: Venedig hat sich in seiner Geschichte von vielen Krisen erholt. Aber vielleicht ist es doch besser, sich einfach den Traum vom Leben in Venedig zu bewahren und ihn bei Besuchen immer wieder aufzufrischen.

Andreas Pichlers Dokumentarfilm „Das Venedig Prinzip“ ist als DVD erhältlich. Label: Good Movies.

Literaturtipps von Doris Stoisser:
Casanovas Venedig. Ein Reiselesebuch von Lothar Müller. Verlag Klaus Wagenbach, 2009.
Die beiden Bände:
Piero Bevilacqua: Venedig und das Wasser. Campus Verlag, 1998, und
Jan Morris: Großmacht Venedig. Piper Verlag, 1981, sind antiquarisch erhältlich.