DER PROFESSOR UND SEINE „NARRISCHE IDEE“

Büste von Eduard Suess vor dem Hochstrahlbrunnen, der Teil der I. Wiener Hochquellenleitung am Schwarzenbergplatz in Wien ist. Foto © Lois Lammerhuber/Edition LammerhuberBüste von Eduard Suess vor dem Hochstrahlbrunnen, der Teil der I. Wiener Hochquellenleitung am Schwarzenbergplatz in Wien ist. Foto © Lois Lammerhuber/Edition Lammerhuber

„Schaun’s Professor, i hab‘ Ihnen so gern, d’rum bitt‘ i Ihnen um All’s in der Welt, lassen’s die Idee fahr’n, sie is gar zu narrisch“ – so soll der Kommentar von Bürgermeister Andreas Zelinka gelautet haben, als ihm der Geologieprofessor und Leiter der Wiener „Wasserversorgungskommission“ Eduard Suess den Bau einer rund 90 Kilometer langen Wasserleitung vorschlug, über die Wien Wasser aus dem niederösterreichischen Rax-Schneeberggebiet erhalten sollte (dokumentiert ist Zelinkas Ausspruch in der Wiener Zeitschrift „Der Floh“ vom 25.10.1873). Zum Glück ließ Suess seine Idee nicht fahren – und so konnte 1873 die „I. Wiener Hochquellenleitung“ in Betrieb genommen werden, mit der die Basis zur Versorgung der rasch anwachsenden Stadt mit sauberem Trinkwasser geschaffen wurde.

Eduard Suess, der am 26.4.1914 starb, war nicht nur der „Vater der I. Wiener Hochquellenleitung“, sondern auch einer der renommiertesten Wissenschaftler seiner Zeit. Er wurde am 20.8.1831 in London geboren, wo sein aus Sachsen stammender Vater eine Wollhandlung betrieb. 1834 übersiedelte die Familie nach Prag, später dann nach Wien. Dort absolvierte Eduard Suess eine Ausbildung am „k.k. polytechnischen Institut“ (der späteren Technischen Universität), war dann zunächst als Assistent am „Mineralogischen Hof-Cabinet“ (das heute ein Teil des Naturhistorischen Museums ist) tätig und wurde 1857 – als 26-jähriger – von der Universität Wien zum Professor für Paläontologie ernannt, zehn Jahre später, 1867, folgte die Ernennung zum Professor für Geologie. Außerdem war Eduard Suess ab 1860 Mitglied der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, die er ab 1893 als Vizepräsident und von 1898 bis 1911 als Präsident leitete.

Spanien, Zumaia. Steil stehende Flyschablagerungen aus der Kreidezeit (Detail). Aus: The Face of the Earth. The Legacy of Eduard Suess. Foto © Lois Lammerhuber/Edition Lammerhuber

Spanien, Zumaia. Steil stehende Flyschablagerungen aus der Kreidezeit (Detail). Aus: The Face of the Earth. The Legacy of Eduard Suess. Foto © Lois Lammerhuber/Edition Lammerhuber

Die beeindruckende Karriere von Eduard Suess basierte auf einem umfangreichen wissenschaftlichen Oeuvre, mit dem Suess die Forschung seiner Zeit nachhaltig beeinflusste. Er gilt als „Pionier der Geowissenschaft“, der mit seiner Studie „Die Entstehung der Alpen“ (1875) Grundlagen der Tektonik erarbeitete und der mit seinem Hauptwerk „Das Antlitz der Erde“ (4 Bände, 1883 – 1909) erstmals ein globales geologisches Gesamtbild zeichnete. Er prägte in diesem Buch, das in zahlreiche Sprachen übersetzt wurde, wissenschaftliche Begriffe wie Biosphäre, Hydrosphäre und Lithosphäre, und er lieferte wichtige Thesen zur Erdgeschichte, vor allem zum Urkontinent Gondwana und zum Urozean Tethys, deren Namen ebenfalls auf Suess zurückgehen.

Eduard Suess war Wissenschaftler und auch Politiker. Beeinflusst von den Ideen der Revolution des Jahres 1848 gehörte er der liberalen Partei an, war von 1863 bis 1873 Mitglied des Wiener Gemeinderates und 1873 bis 1897 Reichstagsabgeordneter. In seiner politischen Tätigkeit engagierte sich Suess vor allem im Bereich von Schule und Bildung. So etwa setzte er sich vehement für das umstrittene, 1869 erlassene „Reichsvolksschulgesetz“ ein. Dieses umfasste die Verlängerung der Unterrichtspflicht auf acht Jahre, die Einrichtung von interkonfessionellen Schulen und die Verbesserung der Lehrerausbildung, es stärkte die staatliche Schulaufsicht und beendete damit den bis dahin dominierenden Einfluss der katholischen Kirche auf den Unterricht. Allerdings war Eduard Suess bei seiner Tätigkeit im öffentlichen Leben auch einer Reihe von Attacken ausgesetzt, die vor allem von politisch rechter Seite kamen. Die jüdische Herkunft seiner Mutter führte zu antisemitischen Auslassungen gegen ihn, und derartige Anwürfe von Seiten deutschnationaler Burschenschaften waren der Grund dafür, dass Suess sein 1888 angetretenes Amt als Rektor der Universität Wien nach nur wenigen Monaten wieder zurücklegte.

Zu den Ehrungen, die Eduard Suess für sein vielfältiges Engagement erhielt, gehörte auch die Ehrenbürgerschaft der Stadt Wien. Diese wurde ihm 1873 verliehen – in jenem Jahr also, in dem auch die von ihm initiierte Hochquellenleitung in Betrieb genommen wurde. Die Inbetriebnahme erfolgte am 24.10.1873 mit einem Festakt rund um den aus der Hochquellenwasserleitung gespeisten „Hochstrahlbrunnen“ auf dem Wiener Schwarzenbergplatz.

„Es war ein erhebendes Fest. Im herrlichsten Sonnenstrahle erglänzte der mit Fahnen und Reisig geschmückte Platz vor dem Schwarzenberg-Palais, in weitem Kreise umsäumt von einem Meere dichtgedrängter Zuschauer. An allen Fenstern, auf allen Dächern der nahen Häuser, auf der Galerie der Karlskirche Schaaren Neugieriger. […] Präcise halb 12 Uhr fuhr der Kaiser im offenen zweispännigen Wagen, begleitet von dem Kronprinzen Rudolf, unter den Klängen der Volkshymne und den begeisterten Hochrufen der Anwesenden, vor das in den Farben Wiens prangende Zelt“  – so der Bericht in der Zeitschrift „Der Floh“ vom 25.10.1873. In den Reden des Festaktes wurde Eduard Suess als der „eigentliche Urheber des Projectes“ entsprechend geehrt; eine bleibende Erinnerung an ihn findet sich auch heute noch in Form eines Denkmals beim Hochstrahlbrunnen.

Eine Hommage an Eduard Suess ist das 2014 in der Edition Lammerhuber herausgekommene Buch „The Face of the Earth. The Legacy of Eduard Suess”. Darin beschäftigen sich die Geologen Thomas Hofmann, Günter Blöschl, Werner Piller und A.M. Celâl Sengör mit Aspekten und Bedeutung von Suess‘ Werk. Ergänzt wird der in englischer Sprache abgefasste Band durch Fotos von Lois Lammerhuber.

Buchcover

Eine deutschsprachige Publikation zum Werk von Suess ist: Johannes Seidl: Eduard Suess und die Entwicklung der Erdwissenschaften zwischen Biedermeier und Sezession. Vienna University Press bei V&R unipress, Göttingen, 2009. Auch als E-Book erhältlich.