LOST SPACES, INVISIBLE CITIES, FORGOTTEN ISLANDS

Sandy Island auf der Karte „Australian and New Zealand ports“ in dem 1922 in London erschienenen „Philip's Mercantile Marine Atlas” Alle abgebildeten Karten stammen aus der David Rumsey Map Collection © 2000 by Cartography AssociatesSandy Island auf der Karte „Australian and New Zealand ports“ in dem 1922 in London erschienenen „Philip's Mercantile Marine Atlas” Alle abgebildeten Karten stammen aus der David Rumsey Map Collection © 2000 by Cartography Associates

Sandy Island gehört natürlich dazu, wenn sich der britische Geograf Alastair Bonnett im ersten Kapitel seines Buches „Off the Map“ mit „Lost Spaces“ beschäftigt. Denn die kleine Insel im Korallenmeer zwischen Australien und Neukaledonien ist tatsächlich verloren gegangen – weil es sie niemals gegeben hat. Im späten 18. Jahrhundert gelangte das Eiland, dessen Phantomexistenz vermutlich auf optische Täuschungen zurückzuführen ist, auf die geografischen Karten, behauptete dort ihren Platz für mehr als 200 Jahre – und war auch auf Google Earth in Sekundenschnelle und mit höchster Präzision (19° 14‘ 53“ S; 159° 55‘ 59“ O) ortbar.

Erst als 2012 ein australisches Forscherteam die Gewässer rund um Sandy Island genauer ergründen wollte, stellte sich heraus, dass dort, wo die Insel sein sollte, nichts ist – nichts anderes als 1400 Meter tiefes Meer. Google Earth löschte daraufhin am 26.11.2012 die vermeintlichen Umrisse von Sandy Island von der Weltkarte. Doch die Stelle, wo die Insel platziert gewesen war, wurde von Web-NutzerInnen in kreativer Weise mit Fotos von glitzernden Tempeln und düsteren Hinterhöfen bestückt, eine Ansicht des „Sandy Island Resorts“ wurde ebenso hochgeladen wie ein Bild vom „Sandy Island Atomic Testing“. „As the clutter of outrageous, fantastical photographs that today occupy Sandy Island’s place on Google Earth suggest, Sandy Island’s disappearance established it as a rebel base for the imagination, an innocent and an upstart that managed to escape the vast technologies of omniknowledge”, vermerkt dazu Alastair Bonnett.

In Richard Andrees 1881 in Leipzig erschienenem „Allgemeinen Handatlas“ sind sogar zwei Inseln mit dem Namen Sandy Island verzeichnet.

In Richard Andrees 1881 in Leipzig erschienenem „Allgemeinen Handatlas“ sind sogar zwei Inseln mit dem Namen Sandy Island verzeichnet.

Bonnett ist Universitätsprofessor für Sozialgeographie im britischen Newcastle upon Tyne. Mit einer Reihe von Publikationen hat er sich über den akademischen Bereich hinaus einen Namen gemacht – so etwa mit dem 2004 erschienenen Buch „The Idea of the West“, in dem er die Entstehung, die Komplexität und die Problematik der Vorstellung des sogenannten politischen Westens analysiert; mit dem Übersichtswerk „What is Geography?“ (2008) und mit dem ideologiegeschichtlichen Band „Left in the Past: Radicalism and the Politics of Nostalgia” (2010).

In „Off the Map” lenkt Bonnett das Interesse auf die Ortsbezogenheit, die „Topophilie”, des Menschen: „Place is a protean and fundamental aspect of what it is to be human. We are a place-making and place-loving species.” Allerdings gelte es, so Bonnett, den Begriff des Ortes immer wieder neu zu hinterfragen, um ihn in seiner Vielschichtigkeit und Vieldeutigkeit auszuloten. In seinem Buch tut er dies am Beispiel von 47 Orten, die er acht verschiedenen Orts-Kategorien zuordnet: Zu den „Hidden Geographies“ gehören dabei die uralten unterirdischen Städte Kappadokiens ebenso wie das 1950 gegründete Schelesnogorsk nordöstlich von Krasnojarsk in Sibirien. Zu Sowjetzeiten war Schelesnogorsk, als ein Zentrum der Plutoniumproduktion, namenlos und auf keiner Landkarte zu finden, und bis heute ist die Stadt, in der rund 85.000 Menschen leben, ein geschlossener Ort, der nur mit Sondergenehmigung betreten werden darf. Dass dies so ist, hat nichts mit strategischer Geheimhaltung zu tun – sondern weil die Menschen in Schelesnogorsk dies so wollen. Bei einer Abstimmung votierte 1996 eine überwiegende Mehrheit für den geschlossen Status – weil, so das Hauptargument, die Stadt dadurch ruhig und friedlich bleibe.

Die Region Tomsk – Krasnojarsk auf einer 1838 in London erschienenen Sibirien-Karte (herausgegeben von der Society for the Diffusion of Useful Knowledge)

Die Region Tomsk – Krasnojarsk auf einer 1838 in London erschienenen Sibirien-Karte (herausgegeben von der Society for the Diffusion of Useful Knowledge)

Als „Spaces of Exception“ – definiert als „places in which normal rules do not apply” – präsentiert Alastair Bonnett unter anderen den Berg Athos, die somalische Piratenstadt Hobyo, den Genfer Freihafen, den internationalen Luftraum und auch „Gutterspace“, jene sehr kleinen Flächen zwischen Häusern von New York City, die der Konzeptkünstler Gordon Matta-Clark in den 1970er Jahren aufkaufte und ins Zentrum seines Projektes „Fake Estates“ stellte.

Zu den „Dead Cities“ gehören in Bonnetts Buch die nahe Tschernobyl gelegene Stadt Pripyat ebenso wie das im armenisch-aserbaidschanischen Konflikt um Berg-Karabach völlig zerstörte Aghdam und die australische Geisterstadt Wittenoom, die durch den Asbestabbau unbewohnbar wurde. „Enclaves and Breakaway Nations“ sind unter anderen das autonome Gebiet Gagausien in Moldawien und die in den Grenzgebieten von Bangladesch und dem indischen Westbengalen gelegenen Chitmahal Enklaven. „No Man’s Lands“ findet Bonnett zwischen den Grenzposten von Staaten, aber auch eine Grünfläche inmitten eines Autobahndreiecks in Newcastle wird für ihn zum erforschenswerten Niemandsland. Zur Kategorie „Floating Islands“ gehört nicht nur das futuristische Projekt der schwimmenden Inseln der Malediven, sondern auch die in den Weltmeeren treibenden, oft riesigen Plastikmüll-Inseln; und im Kapitel „Ephemeral Places“ führt Bonnett seine Leserschaft unter anderem auf einen Parkplatz des Los Angeles International Airports und zum spanischen Nowhere-Festival.

Ausschnitt aus der 1890 in Chicago erschienenen „Railroad And County Map Of California“

Ausschnitt aus der 1890 in Chicago erschienenen „Railroad And County Map Of California“

Alastair Bonnett ist Wissenschaftler – und ein guter Erzähler, der es versteht, die 47 von ihm ausgewählten Plätze mit vielen interessanten Details auszustatten und in anschaulichen Bildern zu präsentieren. Zur Qualität des Buches gehört zudem, dass Bonnett die einzelnen Orte stets auch exemplarisch setzt und am konkreten Beispiel Verweise auf historische, politische, ökologische oder kulturelle Fragestellungen ansetzt, auf parallele Erscheinungen an anderen Orten hinweist und den Blick der Leserschaft für mögliche künftige Entwicklungen schärft. So etwa wenn er in seinem Text über Leningrad, der sich in der Kategorie der „Lost Spaces“ findet, nicht nur über die unterschiedlichen Namen des heutigen Sankt Petersburg und deren Stellenwert in der russischen Geschichte reflektiert, sondern sich generell mit Orts-Benennungen und vor allem auch –Neubenennungen auseinandersetzt: „Renaming places became a talisman of progress in the twentieth century. Everything from villages to countries was rebranded, a seemingly simple act that often had profound consequences for their inhabitants. Some involved imposing a new ethno-national identity on an old place. When the Ottoman Empire became ‘Turkey’ in 1923 and Siam ‘Thailand’ in 1939, loosely defined, multi-ethnic categories were turned into ethnically exclusive ones. Overnight citizens who were ethnically non-Turkish or non-Thai lost their homeland; they became anomalous and therefore very vulnerable.”

Ihm gehe es mit seinem Buch darum, so Alastair Bonnet im Schlusskapitel, darauf hinzuweisen, wie sehr Begriffe wie Freiheit, Zuflucht und auch Kreativität mit der Vorstellung von Orten verbunden sind – und dass die Welt immer noch voll von ungewöhnlichen Plätzen ist. Sein Buch ist ein hervorragender Wegweiser dorthin.

Alastair Bonnett: Off the Map. Lost Spaces, Invisible Cities, Forgotten Islands, Feral Places and What They Tell Us About the World. London, Aurum Press, 2014.
Die 2016 im Verlag C.H. Beck herausgekommene deutsche Übersetzung von Bonnetts Buch trägt den Titel „Die seltsamsten Orte der Welt“.