„LOST, STOLEN OR SHREDDED“

Pablo Picasso hatte Glück. Zwar wurde er von der Polizei verhört und vor den Untersuchungsrichter zitiert, durfte dann aber, mit der Auflage, Paris nicht zu verlassen, wieder nach Hause. Der Verdacht, dass er irgendetwas mit dem Diebstahl der „Mona Lisa“ zu tun habe, erwies sich als haltlos. Weniger glimpflich kam sein Freund, der Schriftsteller Guillaume Apollinaire davon. Ebenso wie Picasso galt auch er als verdächtiger Anarchist, dem man es zutraute, den Staat durch einen Kunstdiebstahl erpressen zu wollen. Dazu kam, dass der Schriftsteller und der Maler auch mit dem Diebstahl von bronzezeitlichen Statuetten aus dem Louvre in Verbindung gebracht wurden, von denen sich zwei tatsächlich einige Zeit im Besitz Picassos befanden. Apollinaire war mit seiner Verteidigung vor dem Richter weniger erfolgreich als Picasso, wurde fünf Tage in Haft genommen – und war damit die einzige Person überhaupt, die in Frankreich wegen des Diebstahls von Leonardo da Vincis Gemälde in Arrest musste.

Am 21. August 1911 war die „Mona Lisa“ aus dem Louvre gestohlen worden, im Jänner 1914 kehrte sie wieder an ihren Platz zurück. Als Dieb gefasst wurde der im Louvre mit Bilderrahmungen beschäftigte Italiener Vincenzo Peruggia, der das Bild zunächst in seiner Pariser Wohnung versteckt und dann einem Florentiner Kunsthändler zum Kauf angeboten hatte. Seine Tat verteidigte Peruggia damit, dass er die „Mona Lisa“ in ihre „Heimat“ zurückbringen wollte, da er geglaubt habe, das Werk sei von Napoleon als Raubgut nach Frankreich gebracht worden (in Wirklichkeit hatte Leonardo da Vinci das Bild an den französischen König verkauft). Peruggia wurde in Italien zur relativ milden Gefängnisstrafe von sieben Monaten verurteilt und als nationaler Held gefeiert, obwohl seine patriotischen Motive vielfach angezweifelt wurden.

Das Verschwinden der „Mona Lisa“ steht als der wohl berühmteste Kunstdiebstahl der Geschichte am Beginn von Rick Gekoskis Buch „Lost, Stolen or Shredded“. Gekoski ist ein aus den USA stammender Literaturwissenschaftler, der seit langem in Großbritannien lebt und als Publizist, Verleger und Antiquar tätig ist. Seine „Stories of Missing Works of Art and Literature“ – so der Untertitel von „Lost, Stolen or Shredded“ – basieren auf einer erfolgreichen Radioserie, die Gekoski vor einigen Jahren für die BBC gestaltet hat.

Es sind sehr unterschiedliche Fälle von Diebstahl, Verlust und Zerstörung, von denen Gekoski erzählt. So geht es auch im zweiten der insgesamt fünfzehn Kapitel des Buches um den Diebstahl eines Bildes: 1997 entwendeten Angehörige der im Nordosten Neuseelands lebenden Tuhoe-Maori aus einem öffentlichen Gebäude ein Gemälde des Malers Colin McCahon, um damit auf den Raub an Land und Ressourcen, der ihrem Volk angetan worden war, aufmerksam zu machen. Zerstört wurde jenes Porträt, das Graham Sutherland 1954 vom britischen Premier Winston Churchill gemalt hatte – Churchills Ehefrau fand, dass das Bild ihren Mann als „a gross and cruel monster“ darstelle und ließ es daher vernichten. Zu den „missing works of literature“, mit denen sich Gekoski beschäftigt, gehören bislang unpublizierte Schriften von Franz Kafka ebenso wie die „Memoirs“ von George Byron, die von Freunden des Dichters kurz nach dessen Tod verbrannt wurden, weil man befürchtete, dass eine Veröffentlichung der – gerüchteweise sehr freizügigen – Aufzeichnungen dem Ruhm Byrons abträglich sein würde.

„Lost to the World“ nennt Rick Gekoski eines der tragischsten Kapitel seines Buches. Der Titel bezieht sich auf das von Gustav Mahler vertonte Friedrich Rückert-Gedicht „Ich bin der Welt abhanden gekommen“. Das Originalmanuskript der Komposition schenkte Mahler 1905 mit einer persönlichen Widmung dem renommierten jüdischen Wiener Musikwissenschaftler Guido Adler, der es, wie seine gesamte wertvolle Bibliothek, an seine Tochter Melanie vererbte. 1941/42 wurden Melanie Adler die Bibliothek und auch das Mahler-Manuskript von den Nationalsozialisten gegen die Zusicherung persönlicher Sicherheit abgepresst, Melanie Adler aber ins Konzentrationslager Maly Trostinez gebracht und ermordet. Lange Zeit blieb das Mahler-Lied verschwunden, bis es im Jahr 2000 bei Sotheby’s Wien zur Versteigerung angeboten wurde – deklariert als Eigentum des Sohnes jenes Anwalts, der die Verhandlungen zwischen den NS-Behörden und Melanie Adler geführt hatte.

Zu den buchstäblich nicht mehr aufgetauchten Kunstwerken gehört der vermutlich teuerste Bucheinband aller Zeiten: „It was adorned with over 1.000 jewels and precious stones, including rubies, turquoises, amethysts, topazes, olivines, garnets and an emerald, each in its own gold setting, held together by almost 5.000 leather inlays, and 100 square feet of gold leaf was used in its production.“ Geschaffen wurde dieses Kunstwerk zwischen 1909 und 1911 in mehreren tausend Arbeitsstunden vom Londoner Buchbinder Francis Sangorski als Einband für eine überaus aufwändige Ausgabe der „Rubaiyat“, jener philosophischen Sinnsprüche, die der persischen Dichter Omar Khayyam um die Wende vom 11. zum 12. Jahrhundert niedergeschrieben hatte. Sangorskis Einband erregte großes Aufsehen, und das Buch – das unter dem Namen „The Great Omar“ berühmt wurde – fand auch einen Käufer, einen New Yorker Kunst- und Antiquitätenhändler, dem es im April 1912 übermittelt werden sollte. Die, wie es schien, sicherste Frachtmöglichkeit war jenes Schiff, das am 10. April 1912 von Southampton nach New York auslief – die „Titanic“. Zwei Tage später kam es zur Katastrophe: nach der Kollision mit einem Eisberg sank das Schiff, was den Tod von rund 1.500 Menschen und den Verlust der gesamten Fracht, auch des „Great Omar“, bedeutete. Francis Sangorski kündigte an, dass er eine Kopie des Werkes herstellen werde, doch ein paar Wochen nach dem Untergang der „Titanic“ starb er: beim Baden an der Küste nahe dem „Titanic“-Ausgangshafen Southampton konnte der 37-jährige eine Frau aus einer gefährlichen Strömung retten – und ertrank dabei selbst.

Zu all diesen „Fällen“ weiß Rick Gekoski viele Details zu erzählen, er bringt Reflexionen und Verweise ein und regt an, sich mit den einzelnen Werken und deren Geschichte intensiver auseinander zu setzen. Die einzelnen Kapitel können, so Gekoski, „be read individually, for it is not my aim to write generally about the nature of loss, or to give some potted history of works of art that have been lost.“ Der Autor bietet somit keine systematische Übersicht zum Thema des „Kunstverlustes“, aber eine überaus spannenden Rundgang durch die Kunst- und Literaturgeschichte unter diesem sehr speziellen Aspekt.

Rick Gekoski: Lost, Stolen or Shredded. Stories of Missing Works of Art and Literature. London, Profile Books, 2013/14. Das Werk ist in gebundener Ausgabe, als Taschenbuch und als e-book erhältlich.