EIN FLUGFELD WIRD ZUR SEESTADT

Kräne in der Seestadt Aspern

Ein neuer Stadtteil muss benannt werden. Denn der Name gibt Identität, ist Ausdruck lokaler Zusammengehörigkeit („wir Wiener“, „wir Donaustädter“, „wir Asperner“, „wir … Seestädter“), bringt den Ort auf die Landkarte und ins Bewusstsein der näheren und weiteren Umgebung. Aus dem „Stadterweiterungsgebiet“ wird so eine Ansiedlung mit individuellem Charakter.

In der Region rund um den neuen Wiener Stadtteil „Seestadt Aspern“ gibt es zahlreiche Ortsnamen, die belegen, dass die Benennung in früheren Zeiten oft gesellschaftliche Machtstrukturen widerspiegelte. Denn als Namenspatrone fungierten Regenten, Grundbesitzer und generell Personen, die Herrschaftsrechte für sich beanspruchten. So etwa soll sich der Name des benachbarten Bezirksteiles Eßling (erstmals erwähnt 1258 als „Ezzelarn“) von der einflussreichen Familie der Ezzelarn – manchmal auch Esselarn oder Eslarn geschrieben – ableiten. Aus dieser Familie kamen im 13. und 14. Jahrhundert übrigens auch mehrmals Wiener Bürgermeister. Wesentlich später als Eßling, nämlich 1836, erhielt das rund acht Kilometer südöstlich, im Marchfeld, gelegene Franzensdorf seinen Namen. Der Ort war auf dem Gebiet des 1830 durch Donauhochwasser und einen Eisstoß zerstörten Kimmerleinsdorf aufgebaut wurden, der regierende Kaiser Franz wurde zum Namenspatron (Patroninnen finden sich in der Region selten, für ein entsprechendes Beispiel muss man sich von der Seestadt schon an die fünfzig Kilometer in den Süden begeben, in das nach der Regentin Maria Theresia benannte Theresienfeld bei Wiener Neustadt). Derartige „hochherrschaftliche“ Namensgebungen sind hierzulande – glücklicherweise – mittlerweile nicht mehr in Mode. Entsprechende Hommagen an den amtierenden Bürgermeister – so etwa „Häuplstadt“ oder das durchaus wienerisch anmutende „Michelstetten“ – standen somit für das im Mai 2007 durch einstimmigen Gemeinderatsbeschluss initiierte Bauprojekt ebenso wenig zur Diskussion wie etwa eine Benennung nach dem Wohnbaustadtrat (wenn auch „Ludwigsburg“ durchaus wohlklingend gewesen wäre).

Lange Tradition haben auch Ortsnamen, die sich auf typische Merkmale der Umgebung beziehen. „Aspern“ etwa soll sich, so erklären es die Lokalhistoriker, von den Espen herleiten, die es in der Region früher in großer Zahl gegeben hatte, und daher ist im Wappen des 22. Wiener Gemeindebezirkes jener Bezirksteil, zu dem auch die Seestadt gehört, mit einem grünen Baum vertreten, der – vor silbernem Hintergrund – auf einer ebenso grünen Wiese steht. Ob in Zukunft auf der heraldischen Abbildung noch ein Fleckchen Blau als Symbol für die Seestadt hinzukommen wird, ist fraglich. Auf jeden Fall aber hat die Wahl des Namens einiges für sich: Denn im Zentrum des neuen Wohngebietes liegt tatsächlich eine Wasserfläche, rund um die sich, wenn das Bauprojekt voraussichtlich 2028 fertiggestellt sein wird, auf einer Gesamtfläche von 2.400.000 Quadratmetern zahlreiche Wohnblocks mit insgesamt 8.500 Wohnungen befinden werden, in die 20.000 Menschen einziehen sollen. Dazu kommen Bauten, die für rund 20.000 Arbeitsplätze Raum bieten (ein „Business District und großzügige Gewerbeflächen“ heißt es dazu auf der Website der Seestadt), außerdem Kindergärten und Schulen, Freizeiteinrichtungen, Sportstätten und natürlich auch „Shopping-Angebote und Lokale“. Und mittendrin – ein kleiner See, ein sehr kleiner See.

See in der Seestadt Aspern

„Das soll ein See sein?“, hört man immer wieder von Leuten, die zum ersten Mal hierher kommen. Sie sind erstaunt, vielleicht auch, weil sie auf der Seestadt-Website gelesen haben, dass in Aspern nicht nur „das größte Stadtentwicklungsprojekt Wiens“, sondern vor allem auch eines der „Top-Bauprojekte Europas“ ist. Allzu viel ist davon allerdings noch nicht zu sehen, einige Wohnbauten sind zwar schon vorhanden, von jenem „urbanen Charakter“, von dem in den Publikationen zum neuen Stadtteil immer wieder zu lesen ist, bekommt man bislang noch kaum etwas zu spüren. Und dann eben dieser namensgebende – aber selbst noch nicht benannte – „See“: fünf Hektar Fläche, zehn Meter tief. „Das ist doch kein richtiger See“, ätzen da so manche, „das ist bestenfalls ein Baggersee“. Tatsächlich ist das Gewässer künstlich angelegt, das Aushubmaterial (insgesamt waren es 600.000 Tonnen Schotter und Kies) wird für Bauarbeiten und als Schüttmaterial für die Anlage der Straßen verwendet. Ein echter Schotterteich also, wie es in der Gegend viele gibt – so etwa gleich im benachbarten Stadtteil Hirschstetten eine schon vor mehreren Jahrzehnten aufgelassene Schottergrube, die mehr als vier Mal so groß ist wie der Seestadt-See. Niemand ist allerdings auf die Idee gekommen, da von einem „See“ zu sprechen: „Teich Hirschstetten“ lautet der offizielle, im Wiener Stadtplan eingetragene Name, und meist wird das Gewässer „Badeteich“ genannt, weil es im Sommer ein beliebter Schwimmplatz ist.

So wie im großen Teich von Hirschstetten wird man, sind die ersten Bauabschnitte der Seestadt erst einmal fertiggestellt, auch im kleinen See von Aspern baden können. An dem weitverbreiteten Gerücht, dass dies verboten sein werde, sei nichts dran, versichert man in der Seestadt-Projektleitung. Zwar habe es in frühen Planungsphasen einige Diskussionen darüber gegeben, Fragen der Sicherheit und der Wasserqualität waren dabei Themen, mittlerweile aber steht fest, dass es am See Badeplätze geben werde. Überhaupt soll der See – geht es nach dem Willen der Planer – eine zentrale Rolle im sozialen Leben des neuen Stadtteils spielen: „In der Mitte liegt der See, der alles verbindet. Mit seinen Uferanlagen und der Promenade bildet er den Kern der Stadt, wird der Treffpunkt für die Bewohnerinnen und Bewohner sein und für alle, die hier arbeiten.“ So steht es, in zukunftsfroher Gewissheit, auf der Seestadt-Website: Der See, so heißt es da, ist „die zentrale Idee der Stadt“ – und immer wieder wird die kleine Wasserfläche als Garant für das Gelingen des monumentalen Stadterweiterungsprojektes beschworen. Die Benennung ist damit immerhin schlüssig.

Bus- und U-Bahnstation in der Seestadt

Das neuentstehende Siedlungsgebiet am östlichen Wiener Stadtrand ist übrigens nicht der einzige Ort, der in letzter Zeit den Namen „Seestadt“ erhielt. Auch in Bregenz ist ein, wenn auch wesentlich kleinerer, Stadtteil „Seestadt“ im Entstehen, direkt am Ufer des Bodensees – womit sich ein weiteres Hinterfragen des Benennungsmotivs erübrigt. Und auch die Stadt Großräschen in der Niederlausitz, nördlich von Dresden, verwendet seit ein paar Jahren den Namenszusatz „Seestadt“. Zwar reicht die Geschichte Großräschens bis weit ins Mittelalter zurück, und der See, um den es hier geht, ist rund hundertfünfzig Mal größer als jener in Aspern, dennoch gibt es gewisse Gemeinsamkeiten. Denn auch in Großräschen gilt der See als Symbol für eine positive Zukunft der Stadt, und auch dieser See ist ein künstlich angelegtes Gewässer: Es füllt jenes riesige Becken, das zu DDR-Zeiten durch den Braunkohletagebau entstanden ist. Seit 2007 wird das sogenannte „Restloch“ geflutet, so dass nach und nach das schwer geschundene Areal im Wasser versinkt. Wenn demnächst der See seine endgültige Ausdehnung erreicht haben wird, werden in ihm, so hofft man, auch die Erinnerungen an die Ausbeutung von Menschen und Natur verschwunden sein.

Auch im Asperner See sollen, so scheint es, Erinnerungen an die Vergangenheit des Areals verschwinden. Dabei sind es durchaus keine negativen Reminiszenzen, die hier zu finden sind. Immerhin beherbergte das Gebiet ab 1880 ein Flugfeld und ab 1912 den ersten voll ausgebauten Wiener Flughafen, der sich rasch zu einem der modernsten und am stärksten frequentierten Airports in Europa entwickelte. Die Lokalchronik überliefert viele Berichte über das große Aufsehen, das frühe Flugmeetings oder die Landung eines Zeppelins hervorriefen, und auch heute noch erinnern sich Zeitzeugen begeistert an spektakuläre Flugtage, die bis in die 1990er Jahre hier stattfanden, und vor allem auch an jene Autorennen, die von 1957 bis 1977 auf dem Asperner Flugfeld ausgetragen wurden. Bereits 1977 wurde der reguläre Flugbetrieb in Aspern eingestellt – zahlreiche Relikte der einstigen aeronautischen Glanzzeiten blieben jedoch erhalten. Das Ende kam mit dem Baubeginn des neuen Stadtteils. 2009 fing man an, die noch bestehende Rollbahn abzubrechen, und auch die allerletzten Reste davon sollen nun endgültig verschwinden. Dabei wurde die nunmehrige Seestadt in den frühen Planungsentwürfen stets als „Flugfeld Aspern“ bezeichnet, aus den Projektbeschreibungen – auch online – ist diese Benennung zwar noch nicht getilgt, im neuen Stadtimage aber haben sie nichts mehr verloren. Denn, so erklärt man in der Projektleitung, ein Flugfeld sei ein „Nicht-Ort“. In einem „City Branding“-Projekt (das 2009 auch mit dem österreichischen Staatspreis für PR ausgezeichnet wurde) vollzog man die Transformation von Flugfeld und Autorennbahn zur Seenlandschaft. Diese Neupositionierung brachte offenbar auch gleich positive Effekte – denn wie ist doch auf der Seestadt-Website zu lesen: „Das Seestadt-Feeling hat uns geholfen, viele wichtige Partner und Unterstützer an Bord zu holen.“ Und damit ist wohl nicht an Bord eines Flugzeuges gemeint.

Dieser Text ist auch erschienen in: Transit für Karl Aspern. Karlsplatz versus Seestadt Aspern, hg. von PRINZpod und f.m.podgorschek, 2014.

(7.9.2014)