JOSEPH ROTH UND DIE WELT DES KINOS

Buchcover (Ausschnitt) mit dem Foto „Kreuz-Kino in der Wiener Wollzeile“ (1934) von Lothar Rübelt, © Österreichische Nationalbibliothek, WienBuchcover (Ausschnitt) mit dem Foto „Kreuz-Kino in der Wiener Wollzeile“ (1934) von Lothar Rübelt. © Österreichische Nationalbibliothek, Wien

Charlie Chaplins „The Kid“, jener 1921 entstandene Stummfilm, in dem ein Tramp ein weggelegtes Kind findet und es aufzieht, sei der Film, der ihm am besten gefalle. Das antwortete der Schriftsteller Joseph Roth auf eine Umfrage, die von der „Neuen Zürcher Zeitung“ 1934 an eine Reihe von Kulturschaffenden gerichtet worden war. Für „originell und einmalig dargestellt“ halte er, so Roth, die Liebe des Tramps, gespielt von Chaplin, zu dem von Jackie Coogan verkörperten kleinen Knaben, da sie wie echte Mutterliebe sei und „das zweifelhafte Gesetz des Blutes leugnet“. Und auch eine generelle Bemerkung zum Thema Film fügte Joseph Roth in seine Antwort auf die „Filmrundfrage“ ein:

„Betrachte ich Filme, so ist es mir unmöglich, vom Stofflichen, vom ‚Sujet‘ abzusehen. Alle Chaplin-Filme sind (meiner laienhaften Meinung nach) zum Unterschied von anderen Filmen nicht bereits musterhaft bearbeiteten Werken entnommen, sondern a priori von Chaplin selber primär gestaltete Filmstoffe. Ein guter künstlerischer Film kann ohne dichterische Grundlage nicht bestehen. Alle anderen ‚Künstlerisch‘ genannten Filme bleiben Kunstgewerbe.“

Wenn Joseph Roth allerdings von seiner „laienhaften Meinung“ spricht und in seinem Beitrag auch anmerkt, dass er kein „Filmfachmann“ sei, dann gibt er sich damit allzu bescheiden. Denn von seiner Kennerschaft zeugen zahlreiche Artikel: So sind aus dem Zeitraum von 1919 bis 1935 nicht weniger als 99 Zeitungsbeiträge erhalten, in denen sich Roth mit dem Thema Film beschäftigt. Die Texte, die unter anderem im „Berliner Börsen-Courier“, in der „Frankfurter Zeitung“ und in der Zeitschrift „Die Filmwelt“ erschienen, liegen auch gesammelt in Buchform vor. Herausgegeben wurde der sorgfältig editierte und detailreich kommentierte Band von den zwei ausgewiesenen Roth-Experten: Rainer-Joachim Siegel, der eine schon zum Standardwerk gewordene Roth-Bibliographie erstellt hat, und Helmut Peschina, der für mehrere Roth-Editionen verantwortlich zeichnet und der eine Reihe von Hörspiel- und Theaterfassungen von Romanen Roths gestaltet hat.

Als Titel für ihren Sammelband wählten Helmut Peschina und Rainer-Joachim Siegel „Drei Sensationen und zwei Katastrophen“. So nannte Joseph Roth einen Artikel, den er am 14.5.1924 in der „Frankfurter Zeitung“ veröffentlichte. Die drei damals allgemein als Sensationen erwarteten neuen Filme, die Roth in seinem Beitrag bespricht, waren der als „Kriemhilds Rache“ betitelte zweite Teil von Fritz Langs Nibelungenepos, der italienische Spielfilm „Messalina“, bei dem Enrico Guazzoni Regie geführt hatte, und ein Dokumentarfilm über eine britische Mount-Everest-Expedition. Sowohl „Kriemhilds Rache“ als auch „Messalina“ empfand Roth allerdings als Katastrophen, „denn wir haben viel zu tun, um uns wach zu erhalten.“ Zum Glück aber, so Roth, „war die dritte Sensation keine Katastrophe“. Bei der Mount-Everest-Dokumentation langweilte er sich nicht, empfand die Bilder vom Markt in Darjeeling als unvergesslich und „die unendlichen Schneefelder in 7000 Meter Höhe“ als „die größten Sensationen der Welt“. Diese Beurteilung der drei Streifen spiegelt die ambivalente Haltung, die Joseph Roth zum Medium Film hatte.

Während Joseph Roths frühe Texte zu Kino und Film noch von deutlicher Faszination für das neue Medium geprägt sind, wurde seine Haltung im Laufe der Zeit immer kritischer und auch deutlich negativ: „Ich kam nach Hollywood, nach Hölle-Wut, nach dem Orte, wo die Hölle wütet, das heißt, wo die Menschen die Doppelgänger ihrer eigenen Schatten sind. Das ist der Ursprung aller Schatten der Welt, der Hades, der seine Schatten für Geld verkauft, die Schatten der Lebendigen und der Toten, an alle Leinwände der Welt“, schrieb Joseph Roth in seinem 1934 erschienenen Essay „Der Antichrist“. Trotz seiner Distanz zur Filmindustrie aber versuchte sich Roth 1938/39 – als seine finanzielle Lage im Exil immer schwieriger wurde – auch drei Mal als Drehbuchautor, blieb dabei allerdings erfolglos. Die Treatments zu diesen Filmprojekten finden sich ebenfalls in dem Sammelband.

Joseph Roth: Drei Sensationen und zwei Katastrophen. Erschienen ist der von Helmut Peschina und Rainer-Joachim Siegel herausgegebene Band im Wallstein Verlag, Göttingen, 2014. Die Anthologie ist auch als E-Book erhältlich.