DAS COTTAGE: EIN GRÄTZEL MIT GOLDRAND

Villa des Malers Arik Brauer, Colloredogasse. Foto © Werner RosenbergerVilla des Malers Arik Brauer, Colloredogasse. Foto © Werner Rosenberger

Werner Rosenberger ist ein Sammler und ein Zu-Fuß-Geher, also ein Flaneur. Im Hauptberuf ist er Kulturredakteur bei der Wiener Tageszeitung „Kurier“. Und weil einer, der Tag für Tag Kulturelles beschreibt, irgendwann auch das niederschreiben muss, was er sich Tag für Tag ergeht, hat er ein Buch über eine der schönsten Gegenden Wiens geschrieben: „Im Cottage. Wiens erste Adressen und ihre berühmten Bewohner“. Für alle Nicht-Wiener: Das Cottage ist eine Villenlandschaft im Nordwesten Wiens, in den Bezirken Währing und Döbling. Und eines muss auch noch dazu gesagt werden – dass nämlich die Wiener aus irgendeinem Grund „die Koteesch“ sagen, weil man es in dieser Stadt früher mehr mit dem Französischen als mit dem Englischen hatte: man ging „am Trottoir“ (und meinte den Gehsteig) und wusch sich in dem als „Lawua“ bezeichneten „Lavoir“ (dem Waschbecken).

Ansichtskarte, um 1900

Ansichtskarte, um 1900

Zurück ins Cottageviertel. Werner Rosenberger erzählt vorerst einmal die Geschichte dieser Gegend rund um den Türkenschanzpark, erwähnt die Türken, die sich dort 1683 verschanzt hatten, aber nur mit einem Satz und kommt gleich darauf zu reden, wie im 19.Jahrhundert das Cottageviertel nach dem Vorbild englischer Gartenstädte gegründet wurde: nützlich sollte gebaut werden und schön, jeder sollte gleichermaßen ungestört Aussicht, Ruhe, Licht und frische Luft genießen können. Sowieso musste diese Gegend auch verkehrsmäßig erschlossen werden, mit Kutschen vorerst, dann durch die Pferdebahn, und ab 1907 fuhr die Straßenbahnlinie 40 dorthin. Rosenberger weiß, wie viele Menschen im Cottage wohnen und dass  die Suche nach Gaststätten und Cafés vergeblich ist, er kennt auch die Preise der diversen Baujuwelen. Was aber am wichtigsten ist, er kann zum Flanieren überreden: „Spaziergänge lohnen sich dort, wo Wien immer noch wie im Dornröschenschlaf wirkt. Wo sich der Zauber einer verklungenen Epoche erhalten hat.“

Rosenberger kennt sie alle, die traumhaften Villen, die prächtigen Gebäude und auch die betagten Häuser, bei denen ihn die Melancholie überkommt. So schön diese historischen Villen sind, Rosenberger belebt sie mit Geschichte und Geschichten, er macht sie zu „Schauplätzen für berührende, skurrile, komische und tragische Episoden und Ereignisse“. Und so erzählt er von all denen, die dort gewohnt haben oder noch immer wohnen, beginnt mit dem phantastischen Realisten Arik Brauer, setzt fort mit Erzherzögen, Sängerinnen und Schauspielern, Dichtern und Fotografen, Malern und Wissenschaftlern, Frauenrechtlerinnen und Komponisten. Er reiht intensive Kurzbiographien aneinander, hat mit den Leuten gesprochen, die noch dort wohnen, die Nachbarn waren von Prominenten und mischt so oral history unter das, was er sich erlesen hat.

Theodor Herzls letzte Adresse, Haizingergasse 29. Foto © Werner Rosenberger

Theodor Herzls letzte Adresse, Haizingergasse 29. Foto © Werner Rosenberger

Man findet viele berühmte Namen unter den Bewohnern des Cottageviertels, andere werden in diesem Buch vielleicht dem Vergessenwerden entrissen. Natürlich kommt so ein Werk nicht ohne Illustrationen aus, der Sammler Rosenberger hat einschlägig Historisches zusammengetragen, aber auch eigene Bilder in das Buch gestellt. Den Schlussteil des Buches widmet er den Architekten, sind es doch diese, die dem ganzen Viertel sein Gesicht gegeben haben, ein Stück angewandte Architekturgeschichte sozusagen, vom Landhausstil über Historismus zu den Neuerern Hoffmann, Loos und Oerley. Die letzten Zeilen widmet der Autor dem „ersten Baumeister der jüdischen Renaissance“, wie Theodor Herzl seinen Freund Oskar Marmorek genannt hat.

Werner Rosenberger: Im Cottage. Wiens erste Adressen und ihre berühmten Bewohner. Metroverlag, Wien, 2014.