„VERSCHWUNDENE ARBEIT“

Der Böttcher. Aus: „Was willst du werden“, um 1880Der Böttcher. Aus: „Was willst du werden“, um 1880

Was ist ein „Schopper“, womit handelt ein „Planetenverkäufer“ und was macht ein „Fischbeinreißer“? Die Antwort auf diese Fragen gibt der Schriftsteller Rudi Palla in seinem Buch „Verschwundene Arbeit. Das Buch der untergegangenen Berufe“.

Schopper wurden früher im süddeutschen Sprachraum jene Schiffsbauer genannt, die Lastschiffe für den Gütertransport auf den Flüssen herstellten. Der Name leitete sich vom Arbeitsgang des Abdichtens des Schiffsrumpfes her. Denn dabei wurden die Fugen zwischen den Brettern mit trockenem Moos verstopft oder, wie es damals hieß, „verschoppt“.

Die Planetenverkäufer handelten nicht mit Himmelskörpern, sondern mit kleinen, in Wien als „Planeten“ bezeichneten Glücksbriefchen. Diese enthielten Nummern, die von den Käuferinnen und Käufern dann als, wie man hoffte, besonders gewinnträchtige Tipps im Lotto gesetzt wurden. „Die Attraktion der Planetenverkäufer war, dass die Briefchen, die in einer Art Bauchladen eingeordnet waren, von einer weißen Maus oder einem Papagei herausgezogen wurden“, weiß Rudi Palla und berichtet, dass der letzte Planetenverkäufer Wiens bis in die 1970er Jahre tätig war.

Auch das Gewerbe der Fischbeinreißer gehört zu den mittlerweile ausgestorbenen Berufen. Die Fischbeinreisser „verarbeiteten die Hornplatten des grönländischen Bartenwales“, die sich durch hohe Elastizität und Teilbarkeit auszeichneten und die nach entsprechender Zurichtung durch die Fischbeinreißer als Streben für Schirme, Versteifungen von Reifröcken und Miedern, als Einlagen für Hüte und für vieles mehr verwendet wurden.

Auch der Aschenmann gehört in die Gruppe der untergegangenen Berufe. Zu literarischen Ehren kam er in Ferdinand Raimunds Zaubermärchen „Der Bauer als Millionär“. Die Abbildung zeigt Ferdinand Raimund in der Rolle des Aschenmanns (Lithographie von Josef Kriehuber, um 1825)

Auch der Aschenmann gehört in die Gruppe der untergegangenen Berufe. Zu literarischen Ehren kam er in Ferdinand Raimunds Zaubermärchen „Der Bauer als Millionär“. Die Abbildung zeigt Ferdinand Raimund in der Rolle des Aschenmanns (Lithographie von Josef Kriehuber, um 1825)

Rudi Palla ist ein ausgewiesener Experte für „untergangene Berufe“. Schon 1994 publizierte er zu diesem Thema in Hans Magnus Enzensbergers „Anderer Bibliothek“ einen sehr erfolgreichen Band, der dann 2010 vom Brandstätter Verlag neu aufgelegt wurde. Nun hat Brandstätter Pallas Sammlung all jener beruflichen Tätigkeiten, von denen man heute oft nicht einmal mehr den Namen kennt, in einer erweiterten Ausgabe herausgebracht. Alphabetisch angeordnet reicht der Bogen dabei vom Abdecker und Abtrittanbieter über den Kalfaterer und den Löher bis zum Theriakkrämer und zum Walker.

Mit dem rund 270 Seiten starken und reich illustrierten Band lädt Rudi Palla zu einem interessanten Streifzug durch vor- und frühindustrielle Arbeitswelten. Die einzelnen Berufsfelder werden in vielen Details beschrieben, Palla gibt Einblicke in die oft sehr harte soziale Realität, weiß aber auch so manches Kurioses zu berichten, er zitiert Zeitzeugen und hat auch in literarischen Werken eine Reihe von Spuren untergegangener Berufe gefunden. So etwa in Joseph Roths Roman „Das falsche Gewicht“, der folgendermaßen beginnt:

„Es war einmal im Bezirk Zlotogrod ein Eichmeister, der hieß Anselm Eibenschütz. Seine Aufgabe bestand darin, die Maße und die Gewichte der Kaufleute im ganzen Bezirk zu prüfen. In bestimmten Zeiträumen geht Eibenschütz also von einem Laden zum andern und untersucht die Ellen und die Waagen und die Gewichte. Es begleitet ihn ein Wachtmeister der Gendarmerie in voller Rüstung. Dadurch gibt der Staat zu erkennen, dass er mit Waffen, wenn es nötig werden sollte, die Fälscher zu strafen bedacht ist“.

Der Eichmeister wurde auch als Aicher bezeichnet und gehört damit zu jener Gruppe von Berufen, die sich bis heute in Familiennamen erhalten haben. Von ihnen finden sich in Rudi Pallas Sammlung auch der Bogner, der Gürtler, der Lederer, der Nadler, der Plattner, der Wollschläger und noch etliche andere.

Der Lohgerber. Aus: „Was willst du werden“, um 1880

Der Lohgerber. Aus: „Was willst du werden“, um 1880

In die Reihe der untergegangenen Berufe hat Rudi Palla auch einen hineingeschmuggelt, den es in Wirklichkeit nie gegeben hatte – nämlich den Wassertrompeter. Gefunden hat er ihn in einem Text des Schriftstellers Fritz von Herzmanovsky-Orlando. Die beiden Wassertrompeter, deren kuriose Bekanntschaft der Erzähler bei einer Eisenbahnreise macht, üben allerdings keine absonderliche Tätigkeit aus, sondern kommen, wie sich nach einigen komischen Verwirrungen herausstellt, aus dem Ort Wassertrompeten, der heute unter dem Namen Ostromec Teil der tschechischen Gemeinde Velký Malahov ist.

Rudi Pallas „Verschwundene Arbeit“ ist auch in der neuen Edition ein lesens- und empfehlenswertes Werk, das viele Informationen zur Alltagsgeschichte bringt und zu weiterer Beschäftigung mit dem Thema anregt. Als „hilfreiches Nachschlagewerk“, wie es vom Verlag angekündigt wird, eignet es sich allerdings nur bedingt. Denn leider hat man bei der „vollständig neu gestalteten und erweiterten Ausgabe“ nur sehr wenig Sorgfalt für die Erstellung des Registers aufgebracht. Sucht man da etwa nach dem untergegangenen Beruf des Rastelbinders – der ja immerhin sogar zu Operettenehren gelangt ist – dann wird man enttäuscht: Er kommt im Register nicht vor, das „Nachschlagewerk“ würde man in diesem Fall also gleich wieder zur Seite legen. Dabei hat Palla durchaus nicht auf den Rastelbinder vergessen, sondern ihn beim Drahtbinder als Synonym angegeben – und ebenso finden sich auch bei anderen Stichwörtern noch zahlreiche weitere Berufe oder Berufsbezeichnungen, die alle im Register nicht auffindbar sind. Bei einer nächsten Ausgabe, die dem Werk durchaus zu wünschen ist, sollte dieser Mangel behoben werden… und auch die Orthografie geändert werden – oder ist auch die „untergegangene Rechtschreibung“ dem Autor und dem Verlag ein besonderes Anliegen?

Rudi Palla: Verschwundene Arbeit. Das Buch der untergegangenen Berufe. Christian Brandstätter Verlag, Wien, 2014.