NEXTLAND: ZEITGENÖSSISCHE LANDSCHAFTS-ARCHITEKTUR

Salzburg: Garten. Foto: © Sophie Meingassner.Salzburg: Garten. Foto: © Sophie Meingassner.

Zwei Vorbemerkungen. Erstens: Wen Landschaftsarchitektur bis jetzt noch nicht interessierte, der wird – nach der Lektüre dieses Buches – mit anderen Augen besonders unsere Stadtlandschaften betrachten. Und zweitens: Ältere LeserInnen werden sich die Frage stellen, warum man denn „damals“ nicht Landschaftsarchitektur studiert habe, so faszinierend wird diese Kunst hier aufgezeigt. Jüngere haben es da leichter, in den vergangenen zwanzig Jahren ist diese Disziplin hierzulande bekannter geworden. Die Herausgeber, Lilli Lička und Karl Grimm, beide Landschaftsökologen und Landschaftsgestalter, wollen ein Zeitfenster öffnen, ein Zeitfenster, das einen Blick auf die österreichische Landschaftsarchitektur freigibt.

Gmunden: Therapiegarten des Landeskrankenhauses. Foto: © Johannes Hloch.

Gmunden: Therapiegarten des Landeskrankenhauses. Foto: © Johannes Hloch.

Apropos Zeit: Lilli Lička und Karl Grimm beginnen ihre Publikation gleich mit dem wunderschönen Bild der unterschiedlichen Intervalle, in denen sich Veränderungen in der Landschaft ereignen: „In geologischen Zeiträumen, also Jahrtausenden, entstehen Landformen, in Jahrzehnten wachsen Bäume heran, im Jahreswechsel blühen und verblühen Stauden und Gräser, im Tagesverlauf ändern sich Licht und Schatten.“ Um die Zeit wird es dann noch einmal gehen, wenn die schwierige Beziehung zur erfolgsgetriebenen Architektur behandelt wird.

Doch der Reihe nach: zuerst wird Sinn und Zweck der Sammlung „nextland“ dargelegt und erklärt, wie sie entstanden ist. Und: was einer der wichtigsten Antriebe war, nämlich das „Zeigen“. Denn Zeigen wäre eines der Mittel, mit dem man hierzulande an die internationale Entwicklung anschließen könne. Apropos international: das Buch ist zweisprachig, deutsch und vollständig ins Englische übersetzt, so dass „die österreichische Landschaftsarchitektur der internationalen fachlichen und wissenschaftlichen Auseinandersetzung zugeführt“ wird. Im Anschluss an die Einleitung wird die Landschaftsarchitektur als kulturelle Disziplin beschrieben, ihre wandernden Formen aus europäischem Blickwinkel, ihr Weg der Konsolidierung, weiters Strömungen und Tendenzen österreichischer Landschaftsarchitektur in den letzten zwanzig Jahren. Die realen Bedingungen zeigen die Herausgeber dann noch einmal in dem Kapitel „Der Gestaltungsspielraum“ auf, bevor dann die Sammlung gezeigt wird: zuerst die Außenanlagen, das sind Bildungsbauten, Wohnhausanlagen, Gesundheitseinrichtungen, Gewerbe- und Verwaltungsbereiche, dann  Gärten und Parks. In diesem Teil sind auch Dachgärten, Terrassen und Innenhöfe enthalten, Plätze, Straßenraum und Infrastruktur machen einen weiteren Abschnitt aus, bevor man dann mit den Gestaltungen im Landschaftsraum zum Schluss kommt.

Die Objekte: stakkatohaft, hieß es in der Einleitung, seien sie aneinandergereiht. Man fällt von einem zum anderen, von Bild zu Bild, bleibt bei bestimmten Texten hängen, in denen man es sich sofort gemütlich machen möchte, verweilen, bleiben, wenn es zum Beispiel heißt: „Beim Gehen hört man zuerst das Knirschen des Kieses, betritt man die Terrasse, hört man das Holz unter dem Schuh. Bienen summen. Ein Garten der Farben, sie wandern über die Jahreszeiten von Blüte zu Blüte…“ Da ist er wieder, der Zeitbegriff, der für die Landschaftsarchitektur so wichtig ist. Und das dazu passende Foto überrascht dann noch einmal. Parks sind sowieso sehr oft beglückende Beispiele von Landschaftsarchitektur, so zum Beispiel der Bruno-Kreisky-Park in Wien.

Wien: Bruno-Kreisky-Park. Foto: © Gisela Erlacher

Wien: Bruno-Kreisky-Park. Foto: © Gisela Erlacher

Auch am Bregenzer Kornmarkt bringt der Gestalter den Lauf der Zeiten ins Spiel, wenn er schreibt, dass die unterschiedlichen Baumarten ein abgestimmtes Spiel von Blüten-, Blatt- und Herbstfärbungen, Blatttexturen und Aststrukturen zeigen und die Wirkung von Licht und Schatten wechselnde Stimmungen im Verlauf der Jahreszeiten hervorruft. Oder Uferpromenaden. Bei der Grazer Muruferpromenade bietet ein „sensibel in den Ufersaum eingebetteter Weg“ eine Flaniermeile – endlich wird wieder flaniert – und Aufenthaltsbereiche unmittelbar am Wasser.

Graz: Muruferpromenade. Foto: © Johannes Hloch.

Graz: Muruferpromenade. Foto: © Johannes Hloch.

Das Buch bietet so einen Überblick über das, was Landschaftsarchitekten derzeit in Österreich gestalten können. Es ist nicht nur oberflächlich schön, das allein wäre zu wenig, es ist auch intellektuell unterstützt, man merkt bei all dem einen intensiv gestaltenden Willen. Und wem auch immer unter den Buchmachern eingefallen ist, es auf dem Papier Chantaffiche zu drucken, gebührt höchstes Lob. Durch die leichte Rauheit ist das Blättern auch ein haptischer Genuss, und die Fotos bekommen durch ein gewisses mattes Leuchten eine ganz besondere Qualität.

Lillli Lička u. Karl Grimm (Hg.): nextland. Zeitgenössische Landschaftsarchitektur in Österreich. Verlag Birkhäuser, Basel, 2015.
Website von next.land – Landschaftsarchitektur im Netz