„DER UNERREICHTE MEISTER DES UNHEIMLICHEN“

E.T.A. Hoffmann: Selbstporträt (Ausschnitt)E.T.A. Hoffmann: Selbstporträt (Ausschnitt). Alte Nationalgalerie, Berlin

Er zählt zu den schillerndsten Persönlichkeiten der europäischen Kulturgeschichte: E.T.A. Hoffmann – ein Dichter, Musiker und Zeichner, der andere Künstler inspirierte und der selbst zur Kunstfigur wurde. Mit Stefan Herheims neuer, für die Bregenzer Festspiele 2015 geschaffener Inszenierung von Jacques Offenbachs Oper „Hoffmanns Erzählungen“ wird das vielschichtige Hoffmann-Bild, das im Laufe der Zeit entstanden ist, um eine weitere Facette bereichert. Über den „wahren“ E.T.A. Hoffmann allerdings erzählt die Oper – in welcher Inszenierung auch immer – nur wenig, das unbequeme Multitalent des frühen 19. Jahrhunderts bleibt weiterhin hinter seinen eigenen Erzählungen und vielen Klischees verborgen.

Als E.T.A. Hoffmann am 25.6.1822, sechsundvierzigjährig, in Berlin starb, hielt sich die offizielle Trauer in Grenzen. Man war durchaus erleichtert, endlich jenen aufsässigen Kammergerichtsrat losgeworden zu sein, dem auch durch Strafandrohungen und Disziplinarverfahren nicht beizukommen gewesen war, jenen scharfzüngigen Zyniker, der die gutbürgerliche Gesellschaft in Karikaturen verspottete, jenen skurrilen Dichter, dessen literarischer Kosmos von sprechenden Tieren und verzauberten Menschen, von Gespenstern und Doppelgängern bevölkert war.

„Da ging die Türe auf, und eine dunkle Gestalt trat herein, die ich zu meinem Entsetzen als mich selbst, im Kapuzinerhabit, mit Bart und Tonsur erkannte. Die Gestalt kam näher und näher an mein Bett, ich war regungslos, und jeder Laut, den ich herauszupressen suchte, erstickte in dem Starrkrampf, der mich ergriffen. Jetzt setzte sich die Gestalt auf mein Bett und grinste mich höhnisch an. ‚Du musst jetzt mit mir kommen‘, sprach die Gestalt, ‚wir wollen auf das Dach steigen unter die Wetterfahne, die ein lustig Brautlied spielt, weil der Uhu Hochzeit macht. Dort wollen wir ringen miteinander, und wer den andern herabstößt, ist König und darf Blut trinken.‘ – Ich fühlte, wie die Gestalt mich packte und in die Höhe zog, da gab mir die Verzweiflung meine Kraft wieder. ‚Du bist nicht ich, du bist der Teufel‘, schrie ich auf und griff wie mit Krallen dem bedrohlichen Gespenst ins Gesicht, aber es war, als bohrten meine Finger sich in die Augen wie in tiefe Höhlen, und die Gestalt lachte von neuem auf in schneidendem Ton.“ (Ausschnitt aus E.T.A. Hoffmanns 1815/16 erschienenem Roman „Die Elixiere des Teufels“).

„Welcher treue, für die Nationalbildung besorgte Beobachter hat nicht mit Trauer gesehen, dass die krankhaften Werke jenes leidenden Mannes lange Jahre in Deutschland wirksam gewesen sind – und solche Verirrungen als bedeutend fördernde Neuigkeiten gesunden Gemütern eingeimpft wurden!“ – Derart ereiferte sich Johann Wolfgang von Goethe über seinen jüngeren Kollegen E.T.A. Hoffmann, dessen Erfolg der Geheimrat – der die literarische Konkurrenz spürte – mit subtilen Mitteln zu verhindern suchte. Er gab sich besorgt um die psychische Gesundheit der Leserschaft und meinte über die Hoffmannschen Fantasiegestalten: „Fürwahr, die Be-Geisterungen Hoffmanns gleichen den Einbildungen, die ein unmäßiger Gebrauch des Opiums hervorbringt und welche mehr den Beistand des Arztes als des Kritikers fordern!“

E.T.A. Hoffmann: Selbstporträt

Auch Sigmund Freud setzte sich intensiv mit E.T.A. Hoffmann auseinander und widmete dessen Werk in der Studie „Das Unheimliche“ breiten Raum. „E. T. A. Hoffmann ist der unerreichte Meister des Unheimlichen in der Dichtung“ – so das Urteil Freuds. Tatsächlich ist die von Hoffmann erschaffene fiktive Welt überaus vielschichtig, das Unheimliche und das Fantastische brechen in ihr meist plötzlich und unvermittelt in das alltägliche Leben ein. Als etwa der Student Anselmus, die Hauptfigur in der Novelle „Der goldene Topf“, am Himmelfahrtstag durch das Schwarze Tor in Dresden rennt und den Marktkorb einer alten Frau umstößt, lässt nichts an der nüchternen Schauplatzbeschreibung erahnen, dass sich gleich um die nächste Ecke ein Palastgarten mit Schlangenmädchen und Elementargeistern auftut, der sich allerdings ebenso schnell wieder in das gutbürgerliche Haus des Archivarius Lindhorst verwandelt.

E.T.A. Hoffmann wurde am 24.1.1776 in damals preußischen Königsberg geboren. Entsprechend der Familientradition – Hoffmanns Vater war „Hofgerichtsadvokat“ – absolvierte er ein Jurastudium und war ab 1800 als Gerichtsassessor in Posen tätig. Posen (heute Poznań/Polen) gehörte damals erst seit wenigen Jahren zu Preußen. Zur lokalen polnischen Bevölkerung hielten sich die Angehörigen der preußischen Verwaltung und des preußischen Militärs auf Distanz – Hoffmann allerdings druchbrach dieses starre Gefüge, als er eine Polin, Maria Thekla Michalina Rorer-Trzcińska, heiratete. Für einen veritablen Skandal sorgte er im Karneval 1802: Bei einem großen Fest der preußischen Kolonie wurden Karikaturen verteilt, auf denen die Posener Offiziersclique verspottet wurde. Der Zeichner war bald ermittelt: es war Hoffmann, der mit seinen Bildern dem schwelenden Konflikt zwischen den zumeist bürgerlichen Beamten und den aristokratischen Militärs sarkastisch Ausdruck verlieh. Hoffmann wurde daraufhin für zwei Jahre in das abgelegene Städtchen Plock (Płock) strafversetzt.

1804 wurde E.T.A. Hoffmann zum Regierungsrat im – damals ebenfalls preußischen – Warschau ernannt. Hoffmann, der bis dahin kaum an eine Karriere als Künstler gedacht hatte, begann sich nun intensiv der Musik zu widmen. Er wurde Mitbegründer der Warschauer „Musikalischen Gesellschaft“, trat als Dirigent auf und komponierte innerhalb von zwei Jahren eine Messe, eine Klaviersonate, die Musik zu vier Singspielen und eine Symphonie. Auf dem Titelblatt zur Partitur des Singspiels „Die lustigen Musikanten“ (nach einem Text von Clemens Brentano) präsentierte er sich erstmals mit einer leicht veränderten Namensform: aus Ernst Theodor Wilhelm Hoffmann wurde Ernst Theodor Amadeus Hoffmann – als Zeichen seiner Verehrung für Wolfgang Amadeus Mozart.

Mit der Besetzung Warschaus durch die französischen Truppen Napoleons im November 1806 und der Auflösung der preußischen Verwaltung verlor auch E.T.A. Hoffmann seine Anstellung. Seine Bemühungen nach Wien zu übersiedeln scheiterten ebenso wie die Versuche, in Berlin Fuß zu fassen. Hoffmann geriet in eine schwere finanzielle Notlage und sah seine einzige Chance in seinem musikalischen Talent. Nach zahlreichen Bewerbungen wurde er als Musikdirektor nach Bamberg berufen, wo er am 21.10.1808 sein Debüt als Dirigent einer Opernaufführung gab. Doch der Abend wurde zum Debakel: Die Einsätze stimmten nicht, die Intonationen der Sänger waren falsch, das Orchester gab sich lahm, das Publikum pfiff, zischte und johlte. Hoffmann, dem das Image eines skurrilen Sonderlings anhaftete, war Opfer einer Intrige geworden und musste schon nach wenigen Wochen die Orchesterleitung wieder zurücklegen. In den fünf Jahren, die er in Bamberg blieb, lebte er von Musikstunden und Gelegenheitskompositionen, die Verbindung mit dem Theater hielt er als Dramaturg und Theatermaler aufrecht. Und er schuf sich ein literarisches Alter Ego. Es war der Kapellmeister Johannes Kreisler, der in der Folge in Hoffmanns Werken wiederholt auftreten sollte: so etwa in der Textsammlung „Kreisleriana“, in denen der fiktive Kapellmeister in kurzen Erzählungen und Essays seine Kunsttheorie entwickelt, und im Roman „Lebensansichten des Katers Murr nebst fragmentarischer Biographie des Kapellmeisters Johannes Kreisler in zufälligen Makulaturblättern“.

E.T.A. Hoffmann, auf dem Kater Murr reitend, kämpft gegen die preußische Bürokratie

E.T.A. Hoffmann: Der Autor stellt sich selbst, auf dem Kater Murr reitend, im Kampf gegen die preußische Bürokratie dar

Mit dem zweibändigen, 1819 und 1821 erschienenen „Kater Murr“ persiflierte E.T.A. Hoffmann die zu seiner Zeit beliebte Form des Bildungsromans. Die gängigen Bauelemente, Motive und sprachlichen Klischees des Genres werden parodiert, vieles erinnert in satirisch verzerrter Form an Goethes „Wilhelm Meister“. So durchlebt der Kater eine „bildende“ Jugendfreundschaft mit einem Pudel und eine „persönlichkeitsformende“ Liebe zu einer Katze, er versucht in der „großen Welt“ der Hunde zu reüssieren und zieht sich schließlich – in philiströser Selbstzufriedenheit –  in das friedvolle Dasein eines Gelehrten und Schriftstellers zurück. Es war eine Parodie auf bildungsbürgerliche Ideale, die Hoffmann reichlich Gelegenheit zu Seitenhieben auf seine Zeitgenossen gab.

Kapellmeister Johannes Kreisler, gezeichnet von E.T.A. Hoffmann

Kapellmeister Johannes Kreisler, gezeichnet von E.T.A. Hoffmann

E.T.A. Hoffmanns erstes Buch, die „Fantasiestücke in Callots Manier“, erschien 1814, als Hoffmann 38 Jahre alt war. Zwar hatte er schon zuvor in Zeitschriften Essays zu musikalischen Themen veröffentlicht, aber erst jetzt begann er sich der Literatur zu widmen. Sein gesamtes dichterisches Werk entstand innerhalb von nur acht Jahren. Den „Fantasiestücken“ folgte bald eine weitere Erzählsammlung, die „Nachtstücke“. Unter diesen findet sich eine der erfolgreichsten Erzählungen Hoffmanns: „Der Sandmann“ mit der berühmten Figur des Studenten Nathanael, der sich unter dem Einfluss des dämonischen Coppelius in die Automaten-Puppe Olimpia verliebt und darüber wahnsinnig wird

Der „Sandmann“ wurde mehrfach vertont, so etwa von Leo Delibes, der die Erzählung dem Ballett „Coppelia“ zugrunde legte. Auch andere Werke Hoffmanns lieferten Inspirationen: Die Kriminalgeschichte „Das Fräulein von Scuderi“ etwa wurde mehrfach verfilmt und von Paul Hindemith unter dem Titel „Cardillac“ als Oper vertont, die Erzählung „Klein Zaches“ bildete die Basis für Ferruccio Busonis Komposition „Racconti fantastici“. Die populärste szenische Umsetzung von Hoffmanns Lebensgeschichte, verwoben mit einigen seiner Erzählungen, ist Jacques Offenbachs Oper „Hoffmanns Erzählungen“. Das darin präsentierte Hoffmann-Bild hat sehr wesentlich zur Verbreitung des Images vom trinkfreudigen Bohemien Hoffmann beigetragen. Es ist dies ein Klischee, das schon den Zeitgenossen des Dichters geläufig war und das auch Hoffmanns Freund und Biograf Julius Eduard Hitzig (1780–1849) teilweise bestätigte: „Er trank, um sich zu montieren. Dazu gehörte anfangs, wie er noch kräftig war, weniger, später natürlich mehr. Aber war er einmal montiert, wie er es nannte: in exotischer Stimmung, so gab es nichts Interessantes als das Feuerwerk von Witz und Glut und Fantasie, das er dann unaufhaltsam, oft fünf, sechs Stunden hintereinander, vor der entzückten Umgebung aufsteigen ließ. War aber auch seine Stimmung nicht exaltiert, so war er im Weinhause nie müßig, wie man so viele sitzen sieht, die nichts tun als nippen und gähnen. Er schaute vielmehr mit seinen Falkenaugen überall umher; was er an Lächerlichkeiten, Auffälligkeiten, selbst an rührenden Eigenheiten bei den Weingästen bemerkte, wurde ihm zur Studie für seine Werke, oder er warf es mit fertiger Feder auf das Papier.“ Hoffmanns Stammlokal war die Weinstube „Lutter und Wegener“ im Berliner Gendarmenmarkt-Viertel. Bei seinem Tod hinterließ er dort die beträchtliche Summe von 1.116 Reichstalern an Zechschulden. Der Wirt hatte auf das Eintreiben der unbezahlten Rechnungen verzichtet, da er wusste, dass ihm sein Stammkunde Hoffmann die Neugierigen scharenweise ins Lokal zog.

1814 – im selben Jahr, in dem sein erstes Buch erschien, suchte E.T.A. Hoffmann, auf Drängen seiner Freunde, nach acht Jahren freien Künstlertums um Wiederaufnahme in den preußischen Staatsdienst an. Er wurde zunächst als Beamter ohne Gehalt im Justizministerium aufgenommen und nach zwei Jahren zum besoldeten Kammergerichtsrat ernannt. 1819 wurde Hoffmann in die „Immediat-Untersuchungskommission zur Ermittlung hochverräterischer Verbindungen und anderer gefährlicher Umtriebe“ berufen. Damit stand er plötzlich und ungewollt an vorderster Front der Bespitzelungs- und Verleumdungskampagne gegen die sogenannten „Demagogen“ – zu denen die preußische Staatsführung all jene zählte, die sich in irgendeiner Weise mit den reaktionären, anti-demokratischen politischen Verhältnissen unzufrieden zeigten. Zwar war Hoffmann mit vielen Zielen der vermeintlichen Revolutionäre nicht einverstanden – so etwa lehnte er die deutschtümelnden Ideen der Burschenschaftler als „chimärisch“ ab – in seinen Untersuchungen aber verfuhr er streng nach dem Grundsatz, „dass bloße Gesinnungen, sind sie nicht als Tat ins Leben getreten, nicht der Gegenstand einer Kriminaluntersuchung sein können.“ Mehrmals votierte Hoffmann für die Freilassung von Verdächtigen, was ihm selbst den Ruf des heimlichen Demagogentums eintrug. In liberalen Kreisen – von Berlin und Paris bis Wien – erntete er für seine Vorgangsweise Anerkennung. So etwa vermerkte Ludwig van Beethoven: „Hoffmann – du bist kein Hofmann“. Bei seinen Vorgesetzten aber machte er sich viele Feinde. Zum Eklat kam es, als bekannt wurde, dass Hoffmann in sein Märchen „Meister Floh“ eine Satire auf den Berliner Polizeidirektor Karl Albert von Kampz eingebaut hatte. Es war die sogenannte „Knarrpanti-Episode“: Ein Mann wird verhaftet, weil er eine Frau entführt haben soll. Allerdings ist keine Frau als verschwunden gemeldet, doch das beirrt den mit der Untersuchung „entführerischer Umtriebe“ betrauten Geheimen Hofrat Knarrpanti nicht. Denn der „Polizeischnüffler Knarrpanti“, in dessen Namen die Zeitgenossen sehr schnell die Verballhornung von „Narr Kamptz“ entdeckten, hat seine eigenen Grundsätze: „Auf die Erinnerung, dass doch eine Tat begangen sein müsse, wenn es einen Täter geben solle, meinte Knarrpanti, dass, sei erst der Verbrecher ausgemittelt, sich das begangene Verbrechen von selbst finde.“ Als sich herausstellte, dass Hoffmann in „Meister Floh“ auch aus Untersuchungsakten zitiert hatte, wurde ein Verfahren gegen ihn eingeleitet, in das sich auch der Justizminister mit dem Vermerk einschaltete:  „Wenn man mit diesem Vergehen des Kammergerichtsrats Hoffmann sein bisheriges Benehmen in der Untersuchungs-Kommission vergleicht und dabei auf sein früheres Betragen Rücksicht nimmt – indem er schon als Regierungsrat zu Posen auf das ganze Kollegium, dessen Mitglied er war, ein Pasquill gemacht haben soll – sowie auf seine schriftstellerische Tätigkeit; so kann über die offizielle und moralische Unwürdigkeit dieses Mannes ein Zweifel kaum obwalten.“ Daher sei Hoffmann „mit der verdienten Indignation in eine entfernte Provinz zu versetzen und einer strengen Aufsicht zu übergeben.“ Zu einer Verurteilung kam es nicht mehr. Am 22.6.1822 starb E.T.A. Hoffmann an einer Rückenmarkslähmung.

Ein „Standardwerk“ zu E.T.A. Hoffmann ist die von Rüdiger Safranski verfasste Biografie „E.T.A. Hoffmann. Das Leben eines skeptischen Phantasten“, die als Fischer-Taschenbuch und Ausgabe des Carl Hanser Verlages erhältlich ist.

(26.7.2015)