DAS WIENER FUNKHAUS: EIN STÜCK RADIOGESCHICHTE

Großer Sendesaal des Wiener Funkhauses. Alle Fotos © Hertha HurnausZugang zum Großen Sendesaal des Wiener Funkhauses. Alle Fotos © Hertha Hurnaus

Es ist derselbe Hang, der vom Süden her zur Stadt hinunterfällt – der Blick vom Oberen Belvedere hinunter zum Schwarzenbergplatz, von Canaletto für immer festgehalten, ist in Ansätzen jetzt noch zu erkennen – der sich ein paar Gassen weiter westlich von der Elisabethkirche hinunter zur Karlskirche senkt. Alleegasse hieß die Straße bis zum Jahr 1921 und dann, die Millionenspende Argentiniens nach dem Ersten Weltkrieg würdigend, Argentinierstraße. Viel Grün ist dort, viel Licht, wenn man die buntbemalte Theresianums-Mauer stadteinwärts, hügelab geht. Und dann, links, ein „wuchtiger Gebäudeblock, ein Monument der frühen Moderne“, das Funkhaus.

Mit dieser umständlich-langwierigen Einleitung soll nur allzu viel Gefühligkeit verhindert werden, die schon aufkommen kann, wenn man über ein Buch zum Thema „Funkhaus Wien“ schreibt – jenes Funkhaus, wo man weit über dreißig Jahre Tag für Tag ein- und ausgegangen ist. „Mehr Ort als Haus“ heißt der das Buch einleitende Artikel. Er stammt von Ute Woltron, die neben vielen anderen Tätigkeiten auch die einer Architekturkritikerin ausübt. Und sie meint in ihrem Beitrag, dass dieses Funkhaus zwar „zuallererst Arbeitsplatz, jedoch auch Lebensraum“ sei. Und ich würde diesen „Arbeitsplatz“ gerne ein wenig zur „Wirkungsstätte“ erhöhen. Denn für die allerwenigsten, die dort tätig sind, ist diese Tätigkeit nur Arbeit. Da kommt schon noch was dazu, in Richtung Sinnerfüllung, Verwirklichung zum Beispiel.

Großer Sendesaal des Wiener Funkhauses

Großer Sendesaal des Wiener Funkhauses

Zurück zum konkreten Haus. Ute Woltron skizziert „In Würde gealterte Architektur“, stellt in „Urahn aller Sendegebäude“ historische Bezüge her, würdigt „Zubau und RadioCafé“ und den Charme, der im Detail liegt. Das wäre also – neben dem Vorwort von Peter Stuiber – der einleitende Textteil dieses Buches rund um das Funkhaus Wien, das den Untertitel „Ein Juwel am Puls der Stadt“ trägt. Was dieses Buch über ein Juwel diesem aber so besonders adäquat macht, sind die Fotos von Hertha Hurnaus: Architekturfotografie auf allerhöchstem Niveau in ein kühles, allzeit präsentes Licht getaucht. Diese Lichtdurchflutung ist ja auch der erste optische Eindruck, den man beim Betreten des Foyers und dann in den Gängen und Studios hat: natürliche Helligkeit überall.

Foyer des Funkhauses

Foyer des Funkhauses

Was diese Fotos so ganz besonders und besonders künstlich erscheinen lässt, ist, dass – bis auf eine Geigerin im Sendesaal – keine Menschen zu sehen sind. Das Haus steht also in diesen Bildern für sich alleine, so wie es sich ja nie darbietet. Denn natürlich sind es die Menschen, die dieses Gebäude beleben, ihm die gewisse Atmosphäre geben. Das Gebäude wiederum räumt dieser Atmosphäre jeden nur gewünschten Raum ein. Die Fotografin ließ auch die Außenwelt, wie etwa die Bäume des benachbarten Theresianums, hereinscheinen, sie bildet aber hauptsächlich Architektur ab, die großen Räume und die kleinen Details.
Zugang zum Sendesaal

Daneben ist natürlich auch Technik zu sehen. Zwischen den Bildern sind Statements derer festgehalten, die das Haus in Gastrollen bespielen: Autorinnen und Schauspieler, Sängerinnen und Poeten. Die schreiben von einer „phantastischen Spieluhr“, vom „intellektuellen Ventilator zur Durchlüftung Österreichs“, einer „Heimat“, einem „Zentrum, das nicht aufgegeben werden darf“, einem „Stück Radiogeschichte“ und – „dass Goldstaub in der Luft liegt“. Man kann süchtig danach werden, den einzuatmen.

Funkhaus Wien. Ein Juwel am Puls der Stadt. Fotografien von Hertha Hurnaus, Texte von Peter Stuiber und Ute Woltron. Müry Salzmann Verlag, Salzburg, 2015.