„AUF DER HOHEN WARTE“

Villa auf der Hohen Warte (Detail). Aus: Oscar Grüner: Moderne Villen in Meisteraquarellen (um 1905)Villa auf der Hohen Warte (Detail). Aus: Oscar Grüner: Moderne Villen in Meisteraquarellen (um 1905)

Werner Rosenberger hielt vor einem Jahr höchst erfolgreich in Buchform fest, wie schön es sich im Wiener Cottage flanieren lässt. Über seine Geschichten vom „Grätzel mit Goldrand“ war auch hier nachzulesen. Und so war es einschlägigen Kennern klar, dass „Das Dorf in der Stadt“ kein Einzelfall bleiben würde. Und wirklich – nach Jahresfrist – fand Rosenberger, hauptberuflich Kulturredakteur der Tageszeitung Kurier, einen grünen Hügel am Rande Wiens, dessen Flair er flanierend entdeckte: die Hohe Warte.

Die Villa Moll-Moser: Ein Doppelhaus, das der Architekt Josef Hoffmann für die Maler Carl Moll und Kolo Moser entwarf. Hohe Warte, Steinfeldgasse. Foto © Werner Rosenberger

Die Villa Moll-Moser: Ein Doppelhaus, das der Architekt Josef Hoffmann für die Maler Carl Moll und Kolo Moser entwarf. Hohe Warte, Steinfeldgasse. Foto © Werner Rosenberger

„Viel Drama, Klatsch und Schicksal im Lauf der Jahrzehnte. Viel Welt in kleiner Umgebung“, schreibt Werner Rosenberger im einleitenden Kapitel mit dem Titel „Das Wien der niedrigen Pulsfrequenz“. Und dieses Stück Wien wäre „voll noch nie gehörter oder längst vergessener, tragischer wie schöner Geschichten und Anekdoten“. Rosenberger erzählt all das „bisher Unbekannte und Kuriose über Orte und Menschen“. Er bringt „Geschichten mit Ausschweifungen“, was sowohl formal als auch inhaltlich zu verstehen ist: Denn er schweift gerne aus und ab, kommt vom Hundertsten ins Tausendste – weil sich halt auch so viel anbietet – kehrt aber regelmäßig wieder zum Ausgangspunkt zurück, wobei dieser Ausgangspunkt eine Person, eine Buchhandlung oder eine Villa sein kann. Er kann sich aber auch voll und ganz zurücknehmen, leitet nur ein und überlässt im Folgenden einer Dame aus Florida das Erzählen, weil ´s halt gerade so gut zu seiner Geschichte davor passt.

Die Villa Moll-Moser in einer Abbildung aus der Wiener Zeitschrift „Der Architekt“, Jg. 9 / 1903.

Die Villa Moll-Moser in einer Abbildung aus der Wiener Zeitschrift „Der Architekt“, Jg. 9, 1903.

Ja, und dann ist natürlich auch von Ausschweifungen die Rede, die sich die auf der Hohen Warte handelnden Personen geleistet haben. Man kennt vielleicht den einen oder die andere, Rosenberger aber weiß, was sie miteinander hatten. Die Rede ist von Freud, Canetti, Schirach, der Jeritza und der Alma, Juden und Nazis, Architekten und Fußballern, von Politikern und Verlegern, Malern und Wissenschaftlern, von den Gärten der Rothschilds und dem Sekt von Kattus. Mit offenem Mund staunend fragt man sich, wo der Autor all diese Geschichten aufgesammelt und wie er sie gefunden hat. (Wahrscheinlich könnte man darüber noch ein Buch schreiben!) Die Buchmacher zeigen gleich nach dem Inhaltsverzeichnis auch eine Karte, sodass man mit dem Buch in der Hand das eine oder andere Objekt finden kann.

Das ehemalige Israelitische Blinden-Institut, Hohe Warte 32. Das Gebäude, entworfen vom Architekten Wilhelm Stiassny, wurde 1871 errichtet. Foto © Werner Rosenberger

Das ehemalige Israelitische Blinden-Institut, Hohe Warte 32. Das Gebäude, entworfen vom Architekten Wilhelm Stiassny, wurde 1871 errichtet. Foto © Werner Rosenberger

Selbstverständlich sind die Geschichten auch adäquat illustriert: alte und aktuelle Fotos, Holzschnitte und Gemälde, Porträts, Plakate, aber auch Karikaturen. Werner Rosenberger erzählt und erzählt, reiht eine Geschichte an die andere, weiß aber – als gelernter Journalist – ganz genau, wie er Aufmerksamkeit erregen kann und vor allem, was er an den Schluss der Geschichte zu setzen hat, mit diesem anscheinend locker Hingesetzten lässt er einen innehalten und über das Gelesene nachdenken.

Hat man nun all das gelesen, bleibt einerseits dieses gewisse nostalgische Gefühl, das sich immer dann ausbreitet, wenn von Vergangenem, Schönem die Rede ist. Und eine mehr oder weniger leise Trauer. Denn, natürlich gehört es zum Lauf der Zeit, dass Vieles, darunter auch viel Schönes, vergeht. Fassungslos ist man aber darüber, dass das Schöne – in der Vergangenheit und jetzt auch wieder aktuell – mutwillig zerstört wird.

Werner Rosenberger: Auf der Hohen Warte. Flair & Mythos des berühmten Wiener Villenviertels. Metroverlag, Wien, 2015.