THEOPHIL HANSEN – EIN DÄNISCHER ARCHITEKT IN WIEN

Das Parlament an der Wiener Ringstraße. Alle Fotos © B. DenscherDas Parlament an der Wiener Ringstraße. Alle Fotos © B. Denscher

Das Parlament, die Börse und der Musikverein gehören zu den markantesten und bekanntesten Bauwerken der Wiener Innenstadt. Entworfen wurden sie vom dänischen Architekten Theophil Hansen, der mit diesen und zahlreichen weiteren Gebäuden das Erscheinungsbild der österreichischen Hauptstadt entscheidend mitgeprägt hat. Begonnen hatte die Karriere des am 13.7.1813 in Kopenhagen zur Welt gekommenen Theophil Hansen allerdings weder in seiner Heimatstadt, wo der Sohn eines Amtsdieners eine Ausbildung an der Königlichen Kunstakademie absolviert hatte, noch in Wien, wo Hansen mehr als vier Jahrzehnte lang lebte, – sondern in Athen. Dort war sein älterer Bruder, Hans Christian Hansen (1803–1883), der ebenfalls Architekt war, seit den frühen 1830er Jahren sehr erfolgreich tätig. Nach einer Studienreise durch Deutschland und Italien kam Theophil Hansen 1838 nach Griechenland und arbeitete in der Folge gemeinsam mit seinem Bruder an einer Reihe von Projekten – so etwa entstand das Gebäude der Athener Universität aus der Zusammenarbeit der beiden Dänen. Bald machte Theophil Hansen in Athen aber auch mit eigenständigen Werken auf sich aufmerksam. Vor allem jedoch nutzte er die Zeit, die er in Griechenland verbrachte, zur intensiven Beschäftigung mit der antiken und byzantinischen Architektur, was prägend für seinen Stil wurde.

Nach einer Revolte im Jahr 1843 wurde die Situation für Ausländer in Griechenland zunehmend schwieriger. „Ich wußte also, daß in Athen nicht mehr lange meines Bleibens sein würde“, erinnerte sich Theophil Hansen später (Neue Freie Presse, Wien, 13.7.1883). „Da erhielt ich eines Tages (1845) von meinem Freunde Schaubert [Eduard Schaubert, deutscher Architekt, mit dem die Brüder Hansen in Athen zusammengearbeitet hatten], der das Land bereits verlassen hatte und damals in Wien weilte, ein Schreiben, worin er mit mittheilte, daß der Gründer der Wiener Bauzeitung, der angesehene und vielbeschäftigte Architekt Ludwig Förster, mir den Antrag machen ließe, in sein Atelier einzutreten“. Hansen nahm das Angebot an, blieb aber noch bis 1846 in Griechenland, um den Bau der von ihm entworfenen der Athener Sternwarte fertigzustellen.

Sechs Jahre lang, von 1846 bis 1852, arbeitete Theophil Hansen in Ateliergemeinschaft mit Ludwig Förster. Ihr Ende fand die Partnerschaft, als die beiden gemeinsam den Auftrag zur Errichtung einiger Gebäude im Wiener „k.k. Artillerie-Arsenal“ erhielten, jedoch der Bau des auf dem großen Militärgelände vorgesehenen „Waffenmuseums“ (das heutige „Heeresgeschichtliche Museum“) Hansen allein übertragen wurde.

Heeresgeschichtliches Museum im Wiener Arsenal, Seitentrakt

Heeresgeschichtliches Museum im Wiener Arsenal, Seitentrakt

1856 kehrte Theophil Hansen noch einmal nach Athen zurück, um dort den Bau der Akademie der Wissenschaften zu übernehmen. Beauftragt hatte ihn Simon von Sina, ein Angehöriger einer griechisch-österreichischen Unternehmer- und Bankiersfamilie. Sina förderte als Mäzen zahlreiche Architekturprojekte, und er hatte auch die von Hansen entworfene Athener Sternwarte finanziert. Im Auftrag von Simon von Sina führte Theophil Hansen 1856–1858 den Umbau der griechisch-orthodoxen Kirche in der Wiener Innenstadt durch, und er übernahm 1860 die Neugestaltung der Fassade des „Palais Sina“ am Hohen Markt. Das prunkvolle Gebäude, das 1945 durch Bombentreffer schwer beschädigt und später abgerissen wurde, diente übrigens 1948 als einer der zentralen Schauplätze für den Film „Der dritte Mann“.

Griechisch-orthodoxe Kirche, Wien 1

Griechisch-orthodoxe Kirche, Wien 1

Theophil Hansen setzte den für ihn typischen byzantinischen Stil nicht nur bei der Umgestaltung der Wiener Griechenkirche um, sondern auch bei einem Kirchenneubau, nämlich bei jenem der 1860 eingeweihten Christuskirche auf dem Evangelischen Friedhof Matzleinsdorf im 10. Wiener Gemeindebezirk. Für die evangelische Gemeinde entwarf er 1860 auch ein Schulgebäude am Wiener Karlsplatz (Resselpark), das bis heute bestimmungsgemäß genutzt wird.

Christuskirche, Wien 10

Christuskirche, Wien 10

„In einer Reihe gerade zur rechten Zeit geschaffener Werke, unter denen nur die protestantische Schule, die Façade des Palais Sina, der Heinrichhof und das Palais Erzherzog Wilhelm genannt werden möchten, hast Du in so überzeugender Weise die alleinige Berechtigung der classischen Architektur auf dem Gebiete unseres Profanbaus nachgewiesen, daß diese Richtung fortan die maßgebliche blieb.“ So schrieb der Architekt Heinrich von Ferstel 1883 an Theophil Hansen zu dessen 70. Geburtstag. Den Heinrichhof gegenüber der Staatsoper plante Hansen im Auftrag des Industriellen Heinrich Drasche als Mietshaus. Für die Zeitgenossen war das 1861–1863 errichtete Gebäude „das schönste Zinshaus in Wien“ (Neue Freie Presse, 18.2.1891). 1945 wurde der Heinrichshof durch Bombentreffer beschädigt. Eine Instandsetzung war durchaus realistisch und auch geplant, 1954 jedoch wurde das Gebäude abgerissen und durch einen Neubau ersetzt.

An der Wiener Ringstraße entwarf Theophil Hansen noch einige weitere repräsentative Wohnbauten: so etwa das Palais Epstein, erbaut 1868–1871 für den Industriellen Gustav Epstein, später lange Zeit Sitz des Wiener Stadtschulrates; sowie das Palais Ephrussi am Universitätsring, das Hansen 1872/73 für den Bankier Ignaz Ephrussi errichtete. Das Gebäude blieb bis 1938 im Besitz der Familie Ephrussi, die aber nach der nationalsozialistischen Machtübernahme wegen ihrer jüdischen Herkunft aus Österreich fliehen mussten. Von der Geschichte der Familie und auch über das Palais an der Ringstraße erzählt Edmund de Waal, ein Nachkomme der Wiener Ephrussis, in seinem Roman „Der Hase mit den Bernsteinaugen“. Für die Weltausstellung 1873 plante Theophil Hansen ein Hotel als weiteren repräsentativen Ringstraßenbau: das heutige „Palais Hansen“ unweit der Börse, das jahrzehntelang als Amtsgebäude genutzt wurde, nach einer umfassenden Renovierung aber seit 2013 wieder ein Luxushotel beherbergt.

Zu den markantesten Bauten, die Theophil Hansen für Wien geplant hat, gehört ohne Zweifel das Musikvereinsgebäude mit dem nicht nur wegen seiner prunkvollen Ausgestaltung, sondern auch wegen seiner perfekten Akustik berühmten „Goldenen Saal“. Eröffnet wurde das Haus am 6.1.1870 mit einem großen Festakt, an dem Kaiser Franz Joseph und, so die „Neue Freie Presse“, „Nobilitäten aller Stände“ teilnahmen: „Jeder der Eintretenden blieb wie geblendet, wie festgebannt von der Schönheit des Saales einige Augenblicke lautlos stehen. (…) Die Feier schloß mit der trefflichen Aufführung von Händel’s ‚Allelujah‘, welche uns die Ueberzeugung schaffte, daß Hansen das Haus nicht nur sehr schön, sondern auch sehr zweckmäßig gebaut; die Akustik ist tadellos, nirgends ein Widerhall, alle Stimmen wirken gleichmäßig zu schönem Einklang. Jeder Theilnehmer dieses Festes verließ das Prachtgebäude durchdrungen von der Empfindung, es sei dem Meister gelungen, ein Werk hinzustellen, das in seiner wohlthuenden Harmonie ein würdiges Heim sei für die Musik“ (Neue Freie Presse, 6.1.1870).

1866 wurde Theophil Hansen österreichischer Staatsbürger und bekam das Heimatrecht in Wien, 1868 wurde er zum Leiter der Spezialschule für Architektur an der Wiener Akademie der bildenden Künste ernannt – ein Amt, das er bis zu seiner Pensionierung 1883 innehatte. Als einer der renommiertesten Architekten seiner Zeit erhielt er die Aufträge für eine Reihe von öffentlichen Bauten, die das Wiener Stadtbild sehr wesentlich prägen sollten: so etwa die Akademie der bildenden Künste am Schillerplatz und vor allem auch das Börsengebäude an der Ringstraße. Bei allen seinen Projekten legte Hansen – im Sinne der Idee eines Gesamtkunstwerkes – auch großen Wert auf die Gestaltung der Innenräume, die er bis ins kleinste Detail mitbestimmte.

Im großen Börsensaal

Im großen Börsensaal

Als der Höhepunkt von Theophil Hansens architektonischem Schaffen gilt das Parlamentsgebäude, das ihm das höchste öffentliche Prestige einbrachte. Allerdings konnte Hansen bei diesem – 1874 bis 1884 errichteten – Bau sein künstlerisches Konzept nicht zur Gänze durchsetzen. Er hatte geplant, das Gebäude in der für ihn typischen Weise auch außen polychrom zu gestalten, scheiterte damit aber am Widerstand der Baukommission. Vollends zufrieden hingegen war man mit Hansens finanzieller Bauausführung: vorsichtshalber hatte er bei den Einreichungen an die Kommission die projektierten Kosten um rund 20 Prozent zu hoch angesetzt, wodurch er während der Bauzeit genügend Mittel für Änderungen und die Umsetzung einiger eigener, kostspieligerer Gestaltungsideen hatte – und dennoch das Projekt mit einem Budgetplus abschließen konnte. Zum stilistischen Konzept des Parlamentsgebäudes, das auf griechische Tempelformen zurückgeht, vermerkte Hansen: „Es handelt sich für den Architekten von heute, der auf der Höhe seiner Aufgabe steht, vor Allem darum, daß er die nie genug zu bewundernden, nie zu übertreffenden griechischen Bauformen den modernen Bedürfnissen anzupassen verstehe“ (Neue Freie Presse, 18.2.1891).

Anders als sein Bruder Hans Christian Hansen, der 1850 nach Dänemark zurückkehrte und dort zahlreiche Bauten schuf, war Theophil Hansen niemals in seiner Heimat als Architekt tätig. Wien blieb sein Lebens- und Arbeitsmittelpunkt, einige Projekte verwirklichte er in Brünn (Brno, Tschechien) und Lemberg (Lwiw, Ukraine). Am 17.2.1891 starb Theophil Hansen in Wien und wurde in einem Ehrengrab auf dem Wiener Zentralfriedhof beigesetzt.