REISEN IN BÜCHERN

Palast der Winde, Jaipur, IndienPalast der Winde, Jaipur, Indien. Alle Fotos: Konrad Holzer

Reisen IN Büchern und nicht reisen MIT Büchern ist das Thema. Große, dicke Bücher werden vorgestellt, zu groß und zu dick um sie in die weite Welt mitzunehmen, eher dafür geeignet, Abenteuer im Kopf zu erleben:
– In „Von Ozean zu Ozean“ begleiten wir Rudyard Kipling unterwegs in Indien, Asien und Amerika.
– Vor 1948 erschien die erste Ausgabe der Zeitschrift MERIAN. Der frühere Chefredakteur, Manfred Bissinger, hat „Das große MERIAN Buch“ veröffentlicht, in dem er einen einschlägigen Einblick in über siebenhundert Hefte anbietet.
– Rainer Wieland hat „Das Buch des Reisens“ herausgegeben und darin Texte von den Seefahrern der Antike bis zu den Abenteurern unserer Zeit zusammengetragen.
– Das akustische Zwischenspiel stammt von geophon, dem Verlag, der auf CDs „Urlaub im Ohr“ anbietet. Diesmal ist es „Eine Reise durch Thailand“.

Ayutthaya, Thailand

Ayutthaya, Thailand

Es geht in diesen Büchern nicht darum, Information zu vermitteln, eher darum, Wissen weiterzugeben. Und dieses Wissen kommt von jenen, die auch ansonsten darüber Bescheid wissen, wie´s im Menschen aussieht, wie er mit seinen Gefühlen umgehen soll: von Dichterinnen und Dichter, die all das in Worte fassen können, was uns dann bewegt, wenn wir uns nicht mehr zu Hause in den gewohnten vier Wänden aufhalten. „Wir sind keine Helden wie die großen Reisenden, aber wohl gerade deshalb sind wir Amateure ein ziemlich zäher Menschenschlag“, meinte Martha Gellhorn, die amerikanische Journalistin und Schriftstellerin. Dieses Aha-Erlebnis, wenn man Gedanken, die man angesichts der fremden Welten hatte, nun auf einmal – schriftlich niedergelegt – wiederfindet. Oder aber, wenn es den Schreibern gelingt, Ahnungen und Sehnsüchte festzuhalten. Das alles vermitteln diese Bücher.

Rudyard Kipling ist im deutschen Sprachraum hauptsächlich als Autor des „Dschungelbuchs“ bekannt. Es lohnt, dieses Buch wieder zu lesen, als Erwachsener in die faszinierende Welt des Dschungels einzutauchen und sich, so wie damals als Kind, gefangen nehmen zu lassen, jetzt aber auch die immense Kraft, sinnliche Stärke und sprachliche Brillanz des Textes erkennen und genießen zu können. Doch all das findet man auch in „Von Ozean zu Ozean“ wieder. Da schreibt Kipling: „Seit letztem November war ich ein Reisender auf dem Antlitz der Erde“ – und verwendet das seiner Zeit entsprechende Pathos, dem wir Heutige uns gerne überlassen, vor allem, wenn es so wohlgesetzt daherkommt und auch durch eine entsprechende Portion Ironie abgefedert wird. Als Beispiel für letztere sei Kiplings Sicht auf die amerikanische Methode, Indien zu besichtigen, zitiert: „Man nehme einen Zugfahrplan und einen blauen Bleistift, rase das Empire der Länge nach rauf und runter und kreuze die Namen der Stationen als ‚erledigt‘ an. Um dies gründlich zu bewerkstelligen, halte man sich eng an die Bahnhofsgebäude und ziehe seine Schlüsse durch das Zugfenster.“

Kipling beginnt mit seinen Reisenotizen in Jaipur, „einer rosafarbenen Stadt am Ufer eines blauen Sees“. Dort, in der Hauptstadt Rajasthans, konnte man – vor mehr als hundert Jahren – noch flanieren und in den Palästen ungehindert ein- und ausgehen. Liest man Kiplings Notizen als einer, der schon dort war, so fällt man unverzüglich in das damals Erlebte wieder hinein. Kennt man Rajasthan nicht, möchte man sofort dorthin. Weitere Reisen führten Kipling nach Burma, dort sieht er in Rangun – jetzt Yangon – die Shwe Dagon Pagode „Ein goldenes Rätsel am Horizont, ein schönes, flimmerndes Wunder, das in der Sonne glänzte…“

Shwe Dagon Pagode, Yangon, Myanmar

Shwe Dagon Pagode, Yangon, Myanmar

„Literarische Schnappschüsse“, nennt Alexander Pechmann, der die Reisebriefe Kiplings aus dem Englischen übersetzt und herausgegeben hat, dessen bildhafte Beschreibungen: „Verblüffend klar und eindrucksvoll porträtiert er Land und Leute“. Und weil da gerade von den Schnappschüssen die Rede war: eine unvorstellbare Zahl an Bildern wird tagtäglich von den Sehenswürdigkeiten dieser Erde „geschossen“, sodass man sich fragen könnte, ob die Welt nur mehr durch den Fotoapparat gesehen werde? Begibt man sich eines direkten Erlebnisses, wenn man die schönsten Motive, die beeindruckendsten Blickwinkel nur durch den Sucher der Kamera oder auf dem Display sieht und festhalten will? Das mag schon sein. Aber: dann, zu Hause, nach einiger Zeit – und auch nach vielen Jahren – wird man beim Betrachten der Bilder sofort wieder vom Damaligen eingeholt, von den Farben, den Gerüchen, den Stimmen rundherum. Das alles vermögen die Bilder.

Kühlungsborn an der Ostsee, Deutschland

Kühlungsborn an der Ostsee, Deutschland

Zurück zu den Büchern: Das große MERIAN-Buch. Seume und Goethe haben sich die Redakteure und Autoren der Zeitschrift als Vorbilder genommen, wobei sie bewusst vermieden, „sich dem Zeitgeist und den Moden hinzugeben“. Die Journalisten, Fotografen und Schriftsteller zeichnen lieber „das detailgetreueste Bild der Realität, das denkbar ist“. Das beginnt im Buch mit einer hässlichen Straße in Dresden, im Jahr 1945, die Hugo Hartung beschreibt, und endet in einer Berliner Suppenküche. Dazwischen wird die Entwicklung des Reisens in den letzten Jahrzehnten festgehalten, Abenteuer, Kunst und Kultur sind genauso Themen, wie Literatur, Heimat und magische Städte: „Schön und unantastbar, erhaben über die Menschen, über deren Kriege und Gebete. Eine Stadt, anders als alle Städte dieser Welt“ beschreibt da Angelika Schrobsdorff Jerusalem.

Jerusalem, Israel

Jerusalem, Israel

Liest man die Namen der Autorinnen und Autoren, die im MERIAN-Buch vertreten sind, dann ist es sowieso ein Who-Is-Who der deutschsprachigen Literatur mit ganz starker internationaler Ergänzung, auch durch Literaturnobelpreisträger. In die Rolle eines schüchternen Touristen schlüpfte der türkische Schriftsteller und Dramatiker Haldun Taner. Mit dem Homer im Herzen würde er in Troja überall antike Gestalten sehen, „könne sich dem provokatorischen Klima der Gegend kaum entziehen.“

Troja, Türkei

Troja, Türkei

Ein akustisches Zwischenspiel war versprochen: geophon bietet mit CDs an, Urlaub doch im Ohr zu machen. Eine der vielen Destinationen, die so bereist werden können, ist Thailand. Das Gestalter-Team liefert Hörvergnügen mit O-Tönen und Musik, erwähnt natürlich touristische Highlights, geht dann aber eigene Wege, bietet Erlebnisse an, die nicht für jedermann zugänglich sind. Alle Sehenswürdigkeiten, wie Märkte und Lokale, spezielle Touren oder Kochschulen und noch vieles andere mehr, finden sich auch im Begleitheft zur CD, wenn das Gehörte vergessen werden sollte. 87 Minuten thailändische Vielfalt wird angeboten, und man glaubt gar nicht, wie viel man in so kurzer Zeit vermitteln kann. So zum Beispiel eine Fahrt auf (rasend schnellen und höllisch lauten – was einem auf der CD erspart bleibt!!!) Langbooten durch die Kanäle, die dort Khlongs heißen. Das Ziel, einer der schwimmenden Märkte, ist den Stress wert.

Schwimmender Markt in Bangkok, Thailand

Schwimmender Markt in Bangkok, Thailand

Rainer Wieland hatte den nötigen großen Atem und die Kennerschaft, „Das Buch des Reisens“ herauszugeben, versammelt er darin doch Texte von der Antike bis in die Jetztzeit. Die ersten Reisen setzt er fünfhundert Jahre vor unserer Zeitrechnung an, Berichte aus unseren Tagen handeln vom Mond und von Kreuzfahrtschiffen. Auf knapp fünfhundert Seiten trug Wieland literarische Höhepunkte aus Schriften übers Reisen zusammen. Und wenn zuvor Goethe und Seume erwähnt wurden, so ist der eine hier in Rom und der andere in Syrakus wieder zu finden. Aber auch Chatwins „In Patagonien“, einer der Höhepunkte der Reiseliteratur im zwanzigsten Jahrhundert. Zur bibliophilen Gestaltung gehören Illustrationen aus vielen Jahrhunderten. Aus dem 21.Jahrhundert stammt das folgende Bild von Venedig. Warum Venedig, wo doch die ganze Welt – und der Mond – in diesem Buch bereist wird? Weil es die einzige Stadt ist, die darin zwei Mal vorkommt: dem englischen Reisenden und Schriftsteller Thomas Coryate benahm ihre Herrlichkeit schon im 17.Jahrhundert den Atem, und Moby-Dick-Autor Herman Melville schrieb 1857: „Wirkt an einem schönen Tag wie eine Fata Morgana!“

Venedig

Venedig

Rudyard Kipling: Von Ozean zu Ozean. Unterwegs in Indien, Asien und Amerika. Herausgegeben und übersetzt von Alexander Pechmann, mareverlag, Hamburg 2015.
Das große MERIAN Buch. Herausgegeben von Manfred Bissinger, Hoffmann und Campe, Hamburg 2008.
Rainer Wieland: Das Buch des Reisens. Von den Seefahrern der Antike zu den Abenteurern unserer Zeit. Propyläen bei Ullstein, Berlin 2015.
Sascha Lübbe/Matthias Morgenroth: Eine Reise durch Thailand, geophon, Berlin 2015.