DADA – WEIBLICH: KÜNSTLERINNEN DES DADAISMUS

Sophie Taeuber-Arp: Composition Dada (1920)Sophie Taeuber-Arp: Komposition (Ausschnitt), 1931. Muzeum Sztuki, Łódź.

Vor rund hundert Jahren ist in Zürich Dada entstanden. Das genaue Datum steht nicht fest, fest steht auch nicht, ob der Begriff Dada etwas bedeutet, und wenn ja, was er bedeutet. Erhalten hat sich nur das Schrille, Laute, doch dieser Eindruck wird in einigen Büchern zurechtgerückt: Dada war nichts Verrücktes, Dada war primär einmal Protest, eine „Reaktion auf den Ersten Weltkrieg und auf die Bankrotterklärung einer Kultur, die ihn möglich machte (…) Nicht das Ende einer Kunst sollte Dada sein, sondern der Beginn einer neuen“, schreibt etwa Martin Mittelmeier in „DADA Eine Jahrhundertgeschichte.“

Hier aber soll hauptsächlich davon die Rede sein, dass Dada auch von Frauen gemacht wurde. Und das waren nicht nur Dada-‚Musen‘, nein, diese Frauen trugen selbst künstlerisch zu Dada bei. Gleich einmal bei der Erfindung des Namens. Dazu schreibt Martin Mittelmeier, dass schon 1914 der Schriftsteller Klabund und die Sängerin Marietta di Monaco dichteten: „O Eduard steck den Degen ein, / Was denkst du dir denn dadabei‘n?“. Marietta di Monaco, die 1893 in München geboren wurde und eigentlich Maria Kirndörfer hieß, war auch mit dabei, als am 31. Mai 1916 in Zürich Hugo Balls dadaistisches „Simultan Krippenspiel“ aufgeführt wurde. Ebenfalls mit dabei war Emmy Hennings. Hennings, 1885 in Flensburg geboren, war Schauspielerin und Chansonette. Sie „hatte Bekanntschaften mit Georg Heym, Ferdinand Hardekopf, Frank Wedekind und Hugo Ball“, schreibt kurz und nüchtern Karl Riha in „DADA 113 Gedichte“. In diesem Büchlein porträtiert Riha die wichtigsten VertreterInnen des Dada, teilt sie den diversen Spielstätten (Zürich, Berlin, Paris u.a.) zu und bringt einige ihrer wichtigsten Gedichte. Mit Emmy Hennings beginnt er. Ganz intensiv: „Nach dem Cabaret“, in dem sie ihr frühmorgendliches Heimgehen beschreibt: „Das Cabaret ist endlich aus. / In einer Ecke Kinder kauern. / Zum Markte fahren schon die Bauern, / Zur Kirche geht man still und alt….“.

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Sucht man weiter, findet man mehr über die Hennings auf FemBio – Stichwort „Emmy Ball-Hennings“. Diese FemBio, also Frauen-Biografieforschung, „widmet sich der Aufklärung der Gesellschaft über ihre bessere Hälfte“. So findet sich dort eine Biografie der Emmy Hennings, die sehr viel weiter in die Tiefe geht: Da liest man über die Theaterleidenschaft, über die frühe Ehe, das kleine Lebensmittelgeschäft, das sie liegen und stehen ließ, als ihre Theaterbegeisterung durchbrach. „Von einer Spielgier besessen, von einer Wander- und Melodiesucht … als triebe mich ein Dämon.“ Mit Hugo Ball, den sie im Münchner Simplicissimus kennengelernt hatte und später, 1920, heiratete, floh sie während des Ersten Weltkriegs nach Zürich und eröffnete dort als „Überlebenskünstlerin, schmächtig, mystisch, theatralisch, witzig, naiv, respektlos, warmherzig, femme fatale und Organisationstalent“ am 5. Februar 1916 das „Cabaret Voltaire“, die ‚Geburtsstätte‘ des Dada. Auf FemBio ist dann auch noch die Rede davon, dass sie sich in ihren späteren Jahren ganz der Religion zuwandte und autobiografische Werke schrieb. Die drei Romane „Gefängnis“, „Das graue Haus“ und „Das Haus im Schatten“ sind in einem von Christa Baumberger und Nicola Behrmann herausgegebenen Sammelband des Wallstein-Verlages erschienen. Mit Schuld und Strafe, der Frage nach den Auswirkungen behördlicher Prozeduren und des Freiheitsentzugs beschäftigte sich Emmy Hennings in ihrem späteren Schreiben, schreibt Christa Baumberger im Nachwort. Hennings war ja tatsächlich ungefähr drei Monate im Gefängnis gewesen. „Autofiktional“ nennt die Baumberger diese oszillierend-erzählenden Texte. Irgendwo schreibt Hennings: „Man lebt nur einmal und das ist immer“. Die Herausgeberinnen vergleichen die Gefängnisromane mit Oscar Wildes „The Ballad of Reading Gaol“ und bezeichnen Hennings Texte als „Werk von hoher sozialer Bedeutung“. Und man selbst? Wie reagiert man, jetzt, rund hundert Jahre nachdem diese Texte geschrieben wurden? Einerseits mit Erschütterung, doch andrerseits versteht es die Autorin immer wieder, Trost einfließen zu lassen. Sie bleibt nicht allein, dort hinter den Gefängnismauern. Und sie lässt einen auch nicht allein mit ihren Empfindungen. Man spürt, wie wichtig ihr die Religion geworden ist.

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Martin Mittelmeier schreibt in seiner Dada-Geschichte von Geschlechterkämpfen, die von Emmy Hennings am eigenen Leib vollzogen wurden. Eine, die davon profitierte, war Sophie Taeuber, später Taeuber-Arp. Ihren Mann, Hans Arp, kannte man immer schon. Sie, Sophie, erhielt erst nach dem Zweiten Weltkrieg die ihr zustehende Aufmerksamkeit. Sophie Taeuber wurde 1889 in Davos geboren, war Kunsthandwerkerin und leitete die Textilklasse an der Zürcher Kunstgewerbeschule, wobei es, laut Wikipedia, ihr Ziel war „Kunst, Gestaltung, Handwerk und Alltag auf schöpferische Weise zu verbinden, die Grenzen zwischen den Gattungen aufzuheben“. Martin Mittelmeier drückt das in seinem Dada-Buch anders, vielleicht eine Spur unfreundlicher aus. Er meint, dass Taeuber „völlig untalentiert darin war, in ihren Arbeiten eine Grenze zwischen Kunst und Kunsthandwerk anzuerkennen.“ So nimmt es auch nicht wunder, dass sie eine Ausbildung als Ausdruckstänzerin absolvierte und beim großen Sonnenfest im August 1917 auf dem Monte Verità tanzte. In Zürich lernte sie Hans Arp kennen, durch ihn kam sie zu Dada. Im „Cabaret Voltaire“ trat sie maskiert als Tänzerin auf – auch, um ihre Stellung als Lehrerin nicht zu gefährden. Denn auf ihren Gehalt konnte sie nicht verzichten, finanzierte sie doch damit für die nächsten zwölf Jahre ihren Lebensunterhalt und den von Hans Arp. Mittelmeier beschreibt sehr schön das Zusammenleben und Zusammenarbeiten der beiden: „Sie machen aus den Widersprüchen der Moderne ein wahlweise fantastisches oder lässiges Nebeneinander. Mann/Frau, Bürger/Avantgardist, Spießer/Freak, Professor/Tänzerin: Warum nicht alles zugleich?“ Und wie sah der Mann Hans Arp das, was sie, die Frau machte? „Es war Sophie Taeuber, die mir durch das Beispiel ihrer klaren Arbeiten und ihres klaren Lebens den rechten Weg, den Weg zur Schönheit, zeigte. In dieser Welt bestehen Oben und Unten, Helligkeit und Dunkelheit, Ewigkeit und Vergänglichkeit in vollendetem Gleichgewicht.“

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Sophie Taeuber schuf zeitgleich mit Mondrian und Malewitsch konkret/konstruktive Kunst, heiratete Arp, ging mit ihm nach Straßburg, wo sie den Auftrag bekam, ein multifunktionales Vergnügungszentrum zu gestalten, dann weiter nach Paris, gab eine dreisprachige Kunstzeitschrift heraus – bis der Krieg das alles unterbrach. Aus Frankreich mussten die Arps in die Schweiz fliehen, wo Sophie 1943 unter bis jetzt ungeklärten Umständen starb. Und auch hier wieder die Frage nach der persönlichen Reaktion: Es ist ein Déjà-vu. Man kennt Hans Arp und sieht ihn jetzt bei ihren Werken noch einmal, vergleichbar mit Auguste Rodin und Camille Claudel oder Ingeborg Bachmann und Paul Celan. Taeuber schuf in sich Schönes, Vollkommenes, das nichts anderes sein wollte, bedeuten wollte, als das, was man sieht: Flächen, Farben, Linien, Kurven.

Bücher:
Martin Mittelmeier: DADA. Eine Jahrhundertgeschichte. Siedler Verlag, München, 2016. Auch als E-Book erhältlich.
Karl Riha (Hg.) DADA. 113 Gedichte. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2009.
Emmy Hennings: Gefängnis – Das graue Haus – Das Haus im Schatten. Herausgegeben und kommentiert von Christa Baumberger und Nicola Behrmann unter Mitarbeit von Simone Sumpf. Wallstein Verlag, Göttingen 2016.