„LONDON 2000“

London. Foto: B. DenscherLondon. Foto: B. Denscher

Alfred Bossom (1881–1965) war ein britischer Architekt, der nach dem Studium an der Londoner „Royal Academy of Arts“ ab 1903 in den USA tätig war. Zu den bekanntesten seiner zahlreichen Arbeiten gehören das „First National Bank Building“ in Richmond/Virginia, das „Magnolia Hotel“ in Dallas/Texas, das „Liberty Building“ in Buffalo/New York und das Gebäude der „Federal-American National Bank“ in Washington/D.C. 1926 kehrte Alfred Bossom nach England zurück, begann eine politische Karriere und war von 1931 bis 1959 Parlamentsabgeordneter der Konservativen Partei. In dieser Funktion widmete er sich auch Fragen der Stadtplanung. Über sein 1932 vorgelegtes Zukunftsprojekt für London, das auch international auf Interesse stieß, berichteten u.a. die „Altonaer Nachrichten“:

„Alfred Bossom, Mitglied des englischen Unterhauses und einer der bekannten englischen Architekten, veröffentlichte in der Londoner Presse sein Projekt der Umgestaltung und des Ausbaus der Hauptstadt unter dem Titel ‚London im Jahr 2000‘. Man sieht, Engländer, die aus der Geschichte des Landes gelernt haben, für die Zukunft vorzusorgen, lassen sich durch die Schwierigkeiten der Gegenwart nicht einschüchtern. Bossom sieht vor, dass die heutigen Geschäfts- und Wohnviertel Londons im Laufe der nächsten Jahrzehnte völlig verschwinden und neuen Bauten Platz machen sollen. Nur Gebäude, die für die Geschichte Londons charakteristisch sind, eine kulturhistorische oder sonstige in der englischen Tradition begründete Bedeutung haben, sollen verschont bleiben.

Ähnlich wie die New Yorker Konstrukteure widmet Bossom seine größte Aufmerksamkeit dem Verkehrsproblem. Neben zahlreichen neuen Themsebrücken plant er die Anlegung von einem Netz unterirdischer Verkehrstunnels, die fast den gesamten Schnellbahnverkehr der Weltstadt aufsaugen sollen. Für die Fußgänger sollen Steige etwa in Höhe eines Stockwerks errichtet werden, die zur Erleichterung der Zirkulation an allen Straßenkreuzungen mit automatischen Fahrstühlen versehen werden. Während die oberirdische Bahn ausschließlich dem Fußverkehr und die unterirdischen Straßen der Schnellbahnverbindung überlassen werden, soll eine dritte Bahn nur dem Lastverkehr und eine vierte, zum Teil auch unterirdisch angelegte, Straße dem Automobilverkehr dienen. Somit würde sich die gesamte Flut der Fußgänger, Last- und Personenwagen und Schnellbahnen auf vier Stockwerke verteilen.

London Underground. „Ein Netz unterirdischer Verkehrstunnels…“

London Underground. „Ein Netz unterirdischer Verkehrstunnels…“, Foto: B. Denscher

Dem Luftverkehr wird im Siebzigjahresplan Londons selbstverständlich eine hervorragende Bedeutung beigemessen. In allen Teilen der Weltstadt sollen auch oberirdische Flughäfen, Start- und Landungsplätze errichtet werden. Der erste Schritt wird bereits in nächster Zukunft durch Anlegung eines neuen Zentralflughafens in London gemacht, der in der Art einer gewaltigen stählernen Plattform etwa hundert Meter hoch über der Erde sich erheben soll. Ein besonderes Kapitel im Plane Bossoms bilden die sogenannten Lufttaxis. Ihre ungeheure Ausbreitung wird im Jahre 2000 in der Errichtung eines weit verzweigten Netzes von Luftparkplätzen ihren Ausdruck finden.

Das letzte Kapitel des Projektes ist der Umgestaltung der Wohneinrichtungen gewidmet. Selbstverständlich sind Kohle und Gas im Jahre 2000 aus der derzeitigen Weltstadt vollkommen verschwunden. Kraft, Licht, Wärme werden durch Elektrizität erzeugt, die ihrerseits durch Sprengung des Atoms und Nutzbarmachung der atmosphärischen Energiequellen in Riesenmengen gewonnen werden kann, die für alle Bedürfnisse des Menschengeschlechts unter minimaler Verwendung menschlicher Arbeit den maximalen Nutzeffekt bringen.“

Aus: Altonaer Nachrichten, 24.10.1932. Leicht gekürzte Textfassung.