WIENER KUNST UM 1900

Marie Uchatius: Muster für ein Vorsatzpapier, um 1905. MAK WienMarie Uchatius: Muster für ein Vorsatzpapier, um 1905. MAK Wien

Die „Wiener Secession“ war eine der wichtigsten Reformbewegungen in der europäischen Kunstentwicklung. Um 1900 sagte sich eine Gruppe von Künstlern vom traditionellen Akademismus des Wiener Künstlerhauses los und strebte eine umfassende Erneuerung des menschlichen Lebens an. So hieß es in der ersten Nummer von „Ver sacrum“, der Zeitschrift der Secessionisten, programmgebend: „Wir kennen keine Unterscheidung zwischen ‚hoher Kunst‘ und ‚Kleinkunst‘, zwischen Kunst für die Reichen und Kunst für die Armen. Kunst ist Allgemeingut.“

Nora Exner, Entwurf für eine dekorative Malerei, 1902, aus: Die Fläche I/1, 1902

Nora Exner, Entwurf für eine dekorative Malerei, 1902, aus: Die Fläche I/1, 1902

Mit den auch schon damals enorm teuren Gemälden von Gustav Klimt und dessen Kollegen war dieses Ziel nicht zu erreichen, man begann sich deshalb auch mit der Gestaltung von Alltäglichem, wie Plakaten, Inseraten, Büchern, Stoffen und vielfältigen anderen Produkten zu beschäftigen. Ein wichtiger und bisher noch wenig beachteter Aspekt dieser Entwicklung stellt der Farbholzschnitt in der Wiener Kunst zu Beginn des 20. Jahrhunderts dar. Hatte diese Form der Druckgrafik im 19. Jahrhundert lange Zeit nur die Funktion einer Reproduktionstechnik, begannen um 1900 viele österreichische Künstlerinnen und Künstler sich unter dem Einfluss der japanischen Kunst mit dem Farbholzschnitt als eigenständiger künstlerischen Ausdrucksform zu beschäftigen.

Broncia Koller-Pinell, Mädchen mit rotem Haar, um 1905, Farbholzschnitt in Schwarz, Blau, Orange und Grün auf Japanpapier. Universität für angewandte Kunst Wien

Broncia Koller-Pinell, Mädchen mit rotem Haar, um 1905, Farbholzschnitt in Schwarz, Blau, Orange und Grün auf Japanpapier. Universität für angewandte Kunst Wien

Der Kunsthistoriker Tobias G. Natter, der sich als Ausstellungskurator (in der Schirn Kunsthalle Frankfurt und in der Wiener Albertina) und in Publikationen eingehend mit diesem interessanten Aspekt der österreichischen Moderne beschäftigt hat, meint zum Thema Farbholzschnitt: „Obwohl die Wiener Moderne in den letzten Jahrzehnten intensiver erforscht wurde als jede andere Epoche der österreichischen Kunst- und Kulturgeschichte, wurde ihr Beitrag zur Kunst des Farbholzschnitts bislang kaum thematisiert. Dieser blinde Fleck lässt sich teilweise vor dem Hintergrund des enormen Facettenreichtums der Wiener Moderne erklären, aber auch damit, dass das alles überstrahlende Dreigestirn Gustav Klimt, Egon Schiele und Oskar Kokoschka den Blick auf das Medium verstellte. Keiner der drei interessierte sich sonderlich für den Holzschnitt. Dennoch war die Neuentdeckung des Holzschnitts und verwandter Techniken in der Moderne ein Experiment mit weitreichenden Folgen, nicht zuletzt für nachfolgende Künstlergenerationen.“

Marie Uchatius, Gekko, um 1906, Farbholzschnitt auf Papier, Privatbesitz (Courtesy Natter Fine Arts)

Marie Uchatius, Gekko, um 1906, Farbholzschnitt auf Papier, Privatbesitz (Courtesy Natter Fine Arts)

Bei der Beschäftigung mit dem Wiener Farbholzschnitt der Jahrhundertwende fällt auf, dass relativ viele Arbeiten von Künstlerinnen stammen. Waren viele künstlerische Ausbildungsstätten lange Zeit Frauen verschlossen geblieben, so gab es in der 1867 gegründeten Wiener Kunstgewerbeschule – der Vorgängerinstitution der heutigen „Universität für angewandte Kunst“ – zunächst keine geschlechtsspezifische Zugangsbeschränkung, ab 1886 war jedoch Frauen der Zugang verwehrt. 1899 wurde diese Beschränkung aber wieder aufgehoben, was unter anderem dazu führte, dass um die Jahrhundertwende relativ viele junge Frauen im Bereich der angewandten Kunst aktiv waren und auch die 1903 gegründete „Wiener Werkstätte“ sehr stark von Künstlerinnen geprägt wurde.

Fanny Zakucka, Tramway, um 1903, Holzschnitt in Schwarz, gelb koloriert, auf dünnem Japanpapier, Privatsammlung

Fanny Zakucka, Tramway, um 1903, Holzschnitt in Schwarz, gelb koloriert, auf dünnem Japanpapier, Privatsammlung

Im Bereich des Wiener Farbholzschnitt stechen vor allem Arbeiten von Nora Exner (1879–1915), Broncia Koller-Pinell (1863–1934), Marie Uchatius (1882–1958) oder Fanny Zakucka (1874–1954) besonders heraus. „Weibliche Künstler sind ein äußerst lebendiger Teil der Kunstwelt in Wien um 1900“, so die Kunsthistorikerin Katharina Knacker: „Dass wir sie jedoch heute kaum kennen, liegt unter anderem daran, dass sie im späten 20. Jahrhundert von der Kunstgeschichte kaum wahrgenommen wurden.“

Gemeinsam mit Max Hollein und Klaus Albrecht Schröder hat Tobias G. Natter das Buch „Kunst für alle. Der Farbholzschnitt in Wien um 1900“ herausgegeben. Der reich illustrierte Band ist im Taschen Verlag erschienen.