EIN LAND AUF ZWEI RÄDERN: VIETNAM IN BEWEGUNG

Alle Fotos: © Doris Stoisser

Das erste, worin Besucherinnen und Besucher bei ihrer Ankunft in Vietnam unterwiesen werden, ist das Überqueren der Straße. Das kann ich doch, mag man denken, aber schnell wird deutlich: hier geht man auf eine für Europäer ungewohnte Weise, mitten durch den dichtesten Verkehr schreitet man zügig, ohne stehen zu bleiben, und kommt wohlbehalten an. Selbst die Hauptstadt Ha Noi mit ihren mehr als sechs Millionen Einwohnern bietet nur wenige geregelte Kreuzungen, Rechtsvorrang ist unbekannt. Die Zahl der Zweiräder entspricht fast der Zahl der Menschen, der Motorroller ist das Hauptverkehrsmittel: Lastkarren, Familienkutsche, Tiertransporter, mobile Werkstatt und vieles mehr. Selten sieht man Frauen am Steuer eines Autos, aber sie sind kühne und geschickte Zweiradfahrerinnen. Um sich vor Sonne und Staub zu schützen, besteigen sie die Fahrzeuge in einer Art Ganzkörperverhüllung, mit Hut unter einem kleinen Sturzhelm, nur die durch Sonnenbrillen geschützte Augenpartie bleibt frei.

Die Zentren der beiden wichtigsten Städte Ha Noi und Ho Chi Minh City (Saigon) sind kleinräumig, mit vergleichsweise niedriger Bebauung, alle Straßen beidseitig mit Bäumen bestanden. Es gibt breite Gehwege, die diesen Namen nicht verdienen, denn sie sind alles Mögliche – Verkaufsfläche, Werkstatt, Restaurant, Wohnraum oder Friseursalon, natürlich Parkraum für dicht gereihte Motorroller und ihre Parkplatzverwalter – aber gehen kann man dort nicht, ausgerechnet dafür fehlt der Platz. Also schlängeln sich Fußgänger durch das Gedränge, oft müssen sie auf die Fahrbahn ausweichen, wollen sie nicht über brutzelnde Kochstellen, Tische und Stühle mit Essenden, ausgebreitete Waren oder spielende Kinder steigen. Die Entspanntheit, mit der die Vietnamesen mit dieser farbenfrohen Zusammenballung umgehen, färbt bald beruhigend auf Besucher ab.

Dass die Gehwege erweiterte Lebens- und Arbeitsräume sind, liegt an der Bauweise, die in Stadt und Land ähnlich ist. Die Schmalseite der langgestreckten Häuser liegt an der Straße, dort ist untergebracht, was den Lebensunterhalt der Bewohner ausmacht und die Gehsteige in Besitz nimmt: die Werkstatt, das Geschäft, die Garküche. Große Gebäude, die mit der Längsseite zur Straße zurückgesetzt in einer Grünanlage stehen, dienen der Verwaltung, der Partei oder öffentlichen Zwecken. Wie in der mittelalterlichen europäischen Stadt herrscht eine Art Monokultur, Handwerk und Gewerbe sind in Quartieren konzentriert, die Läden bieten straßenzügeweise jeweils das gleiche Produkt an: Aluminiumhausrat, pastellfarbene Plüschteddybären, Poloshirts oder Auspuffrohre. Auch die riesigen, mehrstöckigen Markthallen in den Großstädten folgen diesem Prinzip, hier kauft man ein, denn es gibt nur wenige Supermärkte. In den Markthallen können auch Reisende überaus preiswert und gut einkaufen und essen, exotische Früchte und Gemüsesorten kennenlernen.

Wer sich in einem der hübschen kleinen Hotels in den Stadtzentren einquartiert hat, kann – selbst in den Metropolen wie Ha Noi oder Ho Chi Minh City – zu Fuß fast alle wichtigen Sehenswürdigkeiten erreichen, die unvergleichliche einheimische Küche genießen und auf den Wanderungen die Menschen in ihrem Alltag sehen. Wer flanierend den Straßenverkehr beobachtet, lernt die Vietnamesen als wahre Meister der Balance zu bewundern. Die Roller und Mopeds sind beladen, als wären sie Kleinlastwagen: Stapel mit Eierkartons überragen hinten den Fahrer, der nur mühsam über einen zweiten Stapel nach vorne blicken kann. Mehrere Körbe mit Ferkeln oder Hühnern sind übereinander getürmt, sowie riesige Bündel mit Waren aller Art. Fahrräder mit kleinen Anhängern oder Körben werden hoch beladen geschickt durch den Verkehrsstrom gelenkt. Sogar kaputte Mopeds transportiert man, indem man sie auf dem Roller quer zwischen Beifahrer und Fahrer festklemmt. Das traditionelle Bild Vietnams aber verkörpern die vielen zierlichen Frauen in ihren fließenden, seidenartigen Anzügen und kegelförmigen Blätterhüten, die elegant an Tragestangen Lasten mit sich führen, die selbst starke Europäer einknicken ließen.

Angenehm empfindet man auf der Stadtwanderung nicht nur das Grün in schattenspenden Alleen, sondern auch die vielen Parks, deren Bäume noch aus der Kolonialzeit stammen und die schrecklichen Kriege überstanden haben. Der Lärmpegel in den Städten ist niedriger, als man bei der Unzahl von Motorrollern erwarten könnte: um teures Benzin zu sparen oder aus der landestypischen Rücksichtnahme, fährt man nie hochtourig, man rollt eher langsam dahin. Es herrscht auch Sauberkeit, jeder kehrt vor seinem Haus nach Geschäftsschluss akkurate kleine Häufchen Mist an den Gehsteigrand, wo die Stadtreinigung sie entfernt. Müll entsteht kaum, weil alles gesammelt, alles verwertet wird, nichts wird vergeudet. Wo so viel Achtsamkeit herrscht, wird man nie durch üble Gerüche belästigt, immer wieder zieht feiner Blütenduft oder das Aroma von Räucherstäbchen aus einem der zahlreichen buddhistischen Tempel durch die Straßen.

Den Begriff „Shared Space“ kennt man in Vietnam nicht, aber besonders auch bei Fahrten über Land erkennt man, dass das Prinzip gemeinsamer Nutzung des Straßenraums hier traditionell gelebte Praxis ist. An der verkehrsreichen Nord-Südverbindung trocknen am Straßenrand – je nach Region und Erntezeit – Reis, Maiskolben oder Chilischoten, daneben, oder wenn es sein muss dazwischen, bahnen sich Räder und Roller ihren Weg, überholt von Autos, Bussen und Lastwagen. Als wäre des Gewusels auf den großen Durchzugsstraßen nicht genug, kommen querende Fußgänger, die allzeit präsenten Frauen mit ihren Tragestangen, spielende Kinder oder oftmals auch Bauern hinzu, die ruhig ihren trocknenden Reis wenden. Dass alle diese Ströme entspannt ineinanderfließen, ohne unwillige Worte oder Gesten und ohne dass sie sich gefährlich verdichten, ist eines der zahlreichen Wunder, die dieses Land zu bieten hat.

Doris Stoisser, Journalistin, in Printmedien tätig, war Chefredakteurin der Zeitschrift „die frau“ im Vorwärtsverlag, danach Freie Mitarbeiterin in Radio Ö1 (Im Gespräch, Radiokolleg, Hörbilder). 2009 europäischer CIVIS-Medienpreis und Prälat Leopold Unger-Journalistinnenpreis für das Radiofeature: „Karntn is lei ans. Die Geschichte einer Abschiebung“.

(25.6.2013)