„DER AFFE IN MIR“ – EINDRÜCKE VON COSTA RICAS TIERWELT

Kapuzineräffchen

Als ich unlängst von einem Aufenthalt in Costa Rica zurückkehrte, erinnerte mich die „Flaneurin“, dass einst mein Artikel über die „Wiener Wanzen“ auf dieser Webseite großen Anklang gefunden hatte. Ich sollte doch wieder ‚was in dieser Art über die wohl noch viel interessantere Fauna des mittelamerikanischen Landes zwischen Nicaragua und Panama schreiben – z.B. über die farbenprächtige Vogelwelt.

Das  Vogel-Kapitel kommt unter dem Motto „Ende gut alles gut“ erst am Schluss. Da ich beim letzten Mal mit Wanzen punkten konnte, will ich mit diesen Erfolgsgaranten beginnen und wenigstens drei nette Exemplare vorstellen, nämlich Edessa rufomarginata (klingt doch besser als Rotfüßige Stinkwanze), Hypselonotus interruptus und Apiomerus vexillarius (die sich auf die etwas unsympathische Aktivität der Verspeisung von Bienen spezialisiert hat).

In Österreich brauchen sich die Bienen nur vor den Chemikalien zu fürchten. Und was man bei uns nur als phantastische Verzierung an mittelalterlichen Kirchen findet, gibt’s in Costa Rica auch wirklich: den Basilisken.

Helmbasilisk (Basiliscus basiliscus)

Zu den hierzulande ungewohnten Reptilien zählen auch die Leguane. Im ersten Foto verspeist einer gerade eine der Halloween Krabben, die eines abends zu Hunderten Richtung Strand wanderten.

Mit dem Fotografieren von Schlangen hab ich’s weniger. Bei meinen  Wanderungen durch den Regenwald wollte ich weder einer Boa constrictor noch einer der vielen Giftschlangen hautnah begegnen. Also stolperte ich so lautstark über die riesigen Baumwurzeln, dass die einschlägigen Reptilien rechtzeitig Reißaus nahmen und ich erst im Park einer Hotelanlage am pazifischen Strand von Manuel Antonio eine Boa constrictor zu Gesicht bekam, die noch ein Jungtier, ein Baby, war und gemütlich in den Rabatten döste. Gar kein Baby ist diese größte Heuschrecke der Gegend, Tropidacris cristata, 12 Zentimeter, mit einer Flügelspannweite von bis zu 23 Zentimetern:

Tropidacris cristataSehr groß ist auch der prächtige Blaue Morphofalter mit seinen leuchtend blauen Flügeloberseiten, den ich durch den dunklen Wald torkeln sah, ohne ihn fotografieren zu können. Zu den größten Schmetterlingen der Welt gehört der nachtaktive Bananenfalter mit einer Vorderflügellänge von bis zu neun Zentimetern, der mich durch das Unterholz immerhin seine geschlossenen Flügel ablichten ließ.

Bananenfalter (Caligo cf. eurilochus)

Leichter macht es dem Fotografen dieser sonnen- und nektarhungrige Tigerwing-Schmetterling.

Tigerwing-Schmetterling (Melinaea lilis imitata)

Falls Sie sich langsam fragen, warum dieser Artikel „Der Affe in mir“ überschrieben ist, so folgt nun die Erklärung: Als ich in Rio Magnolia, einer sogenannten Eco-Lodge in den Bergen nahe San Isidro del General, einmal ans Ende eines Pfads im Regenwald kam, hörte ich in der Ferne das Heulen der sogenannten Mantelbrüllaffen. Ich hatte gelesen, dass diese groß und stämmig gebaut sind und einen langen Schwanz haben. Die Neugier trieb mich an. Also immer weiter durch das Gestrüpp, Markierungen hinterlassend, damit ich auch wieder zurück fände. Nach einer Viertelstunde war es soweit – ich entdeckte eine kleine Gruppe direkt über mir in den hohen Bäumen, die sich freilich recht still verhielt. Ein bewegender Anblick, der mich tief in seinen Bann zog.

Da hörte ich einen lauten Schrei in etwa fünfzig Meter Entfernung. Ein Urwald-Urschrei, der mir durch Mark und Bein ging. Vielleicht der Capo der Gruppe? Ich musste ihn sehen. Wieder schrie er. Also antwortete ich. Und obwohl ich beim Imitieren von Vogelgesang kläglich versage, gelang mir das Gebrüll des Affen ohne jegliche Übung. Er antwortete mir sofort, und legte noch ein paar Dezibel drauf. Es entwickelte sich ein regelrechter Schrei-Wettkampf. Ich rief mit immer stärkerer Inbrunst und vergaß alles um mich herum. Nicht einmal Tarzan kam mir in den Sinn. Alles war ganz einfach: Ich bin Affe. Natürlich einer, der Angst hatte, dass sein Rivale stärker sein könnte als er. Ich hatte mich ja schon vom Schreien verausgabt. So war ich letztlich froh, dass mein Gegenüber unsichtbar blieb. War damit die befürchtete Tragödie ausgeblieben, so folgte doch ein Satyrspiel: Einem der Affen im Baum über mir war das Geschrei offensichtlich zu dumm geworden und er richtete einen kräftigen Strahl Urin auf mich, dem ich nur knapp entkommen konnte. Das brachte mich wieder zu Sinnen. Noch ein paar Abschiedsfotos und ich machte mich auf den beschwerlichen Rückweg. Noch lange spürte ich den Affen in mir!

  • Mantelbrüllaffe (Allouatta Palliata)

Ich hörte Mantelbrüllaffen übrigens noch ein weiteres Mal. Das war im Naturpark von Manuel Antonio an der pazifischen Küste – aber was für ein Unterschied! Auf einem breiten Weg wälzte sich eine Touristenschar. Ich war richtig froh, dass sich die Affen diesmal nicht blicken ließen, es genügte, dass einem die Waschbären zwischen den Füßen herumliefen. Und am nächsten Tag kamen Kapuzineräffchen direkt zu unserem Strandhotel, machten dort ihre Faxen und holten sich die Früchte von den Bäumen.

  • Weissschulterkapuziner (Cebus capucinus)

In denselben Bäumen hatte sich am Morgen schon ein Faultier in Foto-Pose geworfen hatte (bei der Fortbewegungslangsamkeit der Faultiere – rund 0,3 Stundenkilometer – ist „geworfen“ freilich ein unpassender Ausdruck). Robert Wilson muss durch das Beobachten dieser Tiergattung zu seinen frühen, zeitlupenhaften Inszenierungen inspiriert worden sein. Ich habe übrigens dem Faultier meinen ersten Quiz-Sieg zu verdanken. Mit der richtigen Antwort „Um seine Notdurft zu verrichten“, gewann ich bei einer Abendveranstaltung in unserem Hotel eine Gratis-Wanderung mit dem lokalen Vogelexperten. Die Frage hatte gelautet: „Warum klettert das Faultier einmal in der Woche vom Baum?“

Zweifinger-Faultier (Choloepus didactylus)

Das Zweifinger Faultier, das ich fotografieren konnte und das übrigens wie das Dreifinger Faultier drei Zehen hat, schläft rund 15 Stunden am Tag und ist damit fast so faul wie das Dreifinger Faultier, dessen Ruhephasen bis zu 20 Stunden am Tag dauern können. Zum Fotografieren natürlich ideal. Genau wie die Stabschrecken, die kaum etwas aus der Ruhe bringt – im Paarungsakt bleiben sie manchmal mehrere Tage lang umklammert. Dieser Artikel soll freilich jugendfrei bleiben, daher zeigt das nächste Foto  nur ein auf den ersten Blick ähnliches Insekt: eine ziemlich abgemagert aussehende costaricanische Gottesanbeterin, die mich ein ganzes Abendessen lang regungslos beobachtete (ich bekam ein richtig schlechtes Gewissen).

Gottesanbeterin-Art

Eine genaue Identifikation ist mir bisher nicht gelungen, ebenso wenig bei diesem prächtigen Schnellkäfer,  immerhin gibt’s davon 10.000 verschiedene Arten (jedenfalls ist es eine Semiotis sp.):

Käfer Semiotus sp. (Familie Elateridae)

Jetzt ist es aber hoch an der Zeit, dem Auftrag der „Flaneurin“ nachzukommen und etwas über die „bunten Vögel“ zu sagen. Freilich, man muss nicht in den Farbtopf gefallen sein, um ein Foto wert zu sein. Das gilt z.B. für die drei folgenden schwarz-weißen Raubvögel:

  • Schwalbenweih (Elanoides forficatus)

Auch diese Zwergeule lässt einen zweimal hinsehen. Denn was zunächst nach Augen aussieht, stellt sich als täuschende Markierung am Hinterkopf heraus:

Costa Rica-Sperlingskauz (Glaucidium costaricanum)

Pelikane haben die meisten von uns schon gesehen. Aber es bleiben seltsame Vögel mit ihren großen Augen und Schnäbeln – hier ein Braunpelikan:

Braunpelikan (Pelecanus occidentalis)

Die auffälligsten Schnäbel haben natürlich die Tukane, wobei man sich fragt, wozu diese gut sind. Denn weder sollen sie dazu dienen, die Partner zu beeindrucken, noch das Öffnen von Früchten zu erleichtern. Vielmehr haben Wissenschaftler herausgefunden, dass die Tukane ihre Körpertemperatur senken können, indem sie die Hitze per erhöhter Blutzirkulation in ihren Schnabel leiten. Ich wollte das aber gar nicht so genau wissen, sondern den Schnabel samt Tukan einfach nur zu Gesicht bekommen, was in Costa Rica ja ein Leichtes sein soll. Die anderen Gäste der Rio Magnolia Lodge berichteten mir auch täglich freudestrahlend von ihren diversen Sichtungen. Nur vor mir versteckten sich diese Riesendinger. Eines Morgens eröffnete mir sogar meine Frau, der die Fauna, sei es in Österreich oder in Costa Rica, ziemlich egal ist, sie hätte von der Terrasse unserer Hütte aus mehrere Tukane gesehen, die seien besonders bunt gewesen! Als ich die Hoffnung schon fast aufgegeben hatte, bekamen alle Tukane der Umgebung plötzlich Mitleid mit mir, kamen aus dem Nichts und posierten vor meiner Linse.

Das Problem mit den kleinen Kolibris war gegenteiliger Natur. Sie besuchten regelmäßig einen blütenübersäten Busch direkt neben unserem Frühstückstisch, so dass ich rastlos alle paar Minuten aufsprang, um das ultimative Kolibri-Foto zu schießen. Nur hielten sich diese schwirrenden Farbtupfer mit dem – bezogen auf die Körpergröße – größten Beschleunigungsvermögen aller Wirbeltiere meist kürzer an den einzelnen Blüten auf, als mein Autofocus zur Einstellung benötigte. Hoch lebe die Lösch-Möglichkeit der Digitalfotografie! Hier ein paar Überreste meiner tausenden Aufnahmeversuche von Kolibris mit so hübschen Namen wie Violettkronennymphe oder Weißschopfelfe:

Wollte ich hier meine gesamte Sammlung „bunter Vögel“ von Costa Rica zeigen, müsste die „Flaneurin“ den Umfang ihrer Webseite vervielfachen. Daher kann ich nur den Rat geben: Lassen Sie sich von der folgenden kleinen Auswahl inspirieren, selbst nach Costa Rica zu fliegen – und vergessen Sie die Kamera nicht!

P.S. Falls das Budget für den Flug über den Atlantik nicht reicht: Unsere Stieglitze sind auch recht fotogen. Und zum Affen kann man sich bekanntlich überall machen.

Alle Fotos: © Konrad Zobel

Dr. Konrad Zobel war in den 1970-er Jahren Theaterwissenschaftler an amerikanischen Universitäten, danach Kulturredakteur und bis 2006 Leiter der Abteilung „Literatur & Hörspiel“ im ORF.

12.4.2014