FLANIEREN ZWISCHEN DEN SPRACHEN: DIE SCHRIFTSTELLERIN TERÉZIA MORA

Buchcover

Terézia Mora ist Schriftstellerin, 1971 in Sopron geboren, wuchs sie mit Deutsch als Muttersprache die ersten 19 Jahre ihres Lebens in einer überwiegend ungarischen Sprachumgebung auf. Literatur schreibt sie deutsch, und zwar auf hohem Niveau, 1999 erhielt sie den Bachmann-Preis, weitere Auszeichnungen folgten, 2013 bekam sie für ihren Roman „Das Ungeheuer“ den Deutschen Buchpreis.
Buchcover „Das Ungeheuer“

Auch wenn Terézia Mora deutsch schreibt, meint sie doch, dass das Ungarische „sichtbare und unsichtbare Spuren hinterlassen hätte.“ In einem kleinen Bändchen mit dem Titel „Der geheime Text“ versucht sie, einen Weg nachzulaufen, den sie (vermutlich) gegangen ist, „von einer Sprache in die andere“. Und für jede, für jeden, der sich nur ein wenig mit Sprachen befasst, der zum Beispiel in der Straßenbahn sitzt und türkisch-stämmigen Kindern zuhört, wie sie in einem Satz vom Türkischen ins Deutsche wechseln, um dann sofort wieder zurückzufinden, für all diejenigen ist es lustvoll, bei Terézia Mora zu lesen, wie sie damit umgegangen ist. Wobei man dieses Hin und Her zwischen den Sprachen ja durchaus auch als Flanieren bezeichnen kann. Ihr Großvater zum Beispiel, sagte Zeit seines Lebens wichtige Dinge sowohl auf Deutsch als auch auf Ungarisch. „Sicher ist sicher!“ Und Terézia Mora macht es mittlerweile genauso, wenn sie mit ihrer Tochter spricht. Nicht so sehr deswegen, damit diese es ja versteht, sondern um sie „mit Freuden darauf hinzuweisen, wenn es irgendwo eine vollständige Übereinstimmung gibt oder aber eine kleine oder große Abweichung.“

Mora schreibt auch vom Kommen und Gehen der Sprachen, wie sie sich zu einer Familie gesellen und dann wieder verschwinden, und sie schreibt von den Sprachen, mit denen sie es in den ersten 28 Jahren ihrer Entwicklungsgeschichte zu tun hatte: Von der Umgangssprache innerhalb der Familie, einem burgenländischen Dialekt, dann von der Schriftsprache, mit der man nur mit ihr sprach. „Ich verstehe alles und kann nichts sagen bzw. wenn ich versuche, etwas im Dialekt zu sagen, hört es sich aufgesetzt an.“ Die Austriazismen aus den österreichischen Medien (Aus „Gendarmerie“ hörte sie „Marie“ heraus!) wurden gegen Berliner Varianten ausgetauscht. Europäische Sprachenvielfalt beschwört sie herauf, wenn sie davon erzählt, dass eines ihrer Lieblingskinderbücher eine Sammlung schwedischer Gedichte mit dem Titel „Was dir auf der Seele liegt“ war. Die Gedichte darin stammen hauptsächlich von drei Schwedinnen, die im deutschen Sprachraum niemand kennt, während nicht wenige ungarische Erwachsene ihres Alters „Mein Haar reicht mir bis zur Taille…“ auswendig hersagen können. Bestechend ist, dass sie genau weiß, welches deutsche Gedicht sie als erstes, als zweites usw. gelernt hat. Von der schönen Zeit in der Sprachklasse im Gymnasium schreibt sie, wie die jugendlichen Angebereien daraus bestanden, „dass wir uns auf dem Weg zur Eisdiele in Sätzen aus den uns bekannten 4 bis 5 Sprachen unterhielten.“ Und da assoziieren wir wieder die türkischen Kinder in der Straßenbahn!

Folgerichtig entwickelt Terézia Mora ihren Umgang mit den Sprachen weiter, schreibt von der Mühsal des Übersetzens – sie hat übrigens Werke des jüngst verstorbenen Péter Esterházy ins Deutsche übertragen – und von der Lust des Schreibens in deutscher Sprache: „Wenn auch nicht in einem Triumphzug, so doch mit einer gewissen Ruhe dahinschreitend, etwas, mit dem man Stärke und Würde entwickeln kann. Ich wünschte mir, ich könnte das auch auf Ungarisch. Aber ich kann es nicht.“ Mora hat schon einmal, in den Frankfurter Poetik-Vorlesungen mit dem Titel „Nicht sterben“, offen, genau und faszinierend das Schreiben im Allgemeinen und ihres im Besonderen behandelt. Von der Kunst ihres Schreibens kann man sich übrigens in ihrem neuesten Erzählband „Die Liebe unter Aliens“ überzeugen.

Terézia Mora: Der geheime Text. Stefan-Zweig-Poetikvorlesung. Sonderzahl Verlag, Wien 2016.
Im Münchner Luchterhand Verlag sind folgende Bücher von Terézia Mora erschienen: „Das Ungeheuer“, „Nicht sterben“, „Alle Tage“, „Der einzige Mann auf dem Kontinent“ und „Die Liebe unter Aliens“.

(22.10.2016)