AM GELÄNDER. EINE WANDER-AUSSTELLUNG

Alle Fotos: © Konrad Zobel

„Ich fliege“: Kate Winslet und Leonardo di Caprio mit ausgebreiteten Armen am Bug-Geländer der Titanic – wer erinnert sich nicht an diese Ikone der Kinematographie. Dafür tauscht man doch gerne drei  Dutzend Szenen mit TV-Kommissaren, die – über das Balkongeländer gelehnt – vermuten, dass das Opfer nicht freiwillig gesprungen ist.

Warum in der „Flaneurin“ nun von Geländern die Rede sein soll? Zum Flanieren braucht man sie wahrlich nicht. Wozu sonst ist ein Geländer noch gut? Zum Anhalten. Soll heißen: Zum Sich-Anhalten, denn meist geht (!) es ja nicht ums Stehenbleiben. Vielmehr soll diese Konstruktion, wo sie uns nicht nur vor dem Abgrund schützt, die Fortbewegung erleichtern. Sei es, um besser eine Steigung zu bewältigen oder um im Dunkeln nicht zu stolpern.

Nun bin ich zwar zu alt, um ein Geländer auf dem Hosenboden hinunterzurutschen, anderseits aber noch rüstig genug, um auf seine Geh-Hilfefunktion verzichten zu können. Auch als Fitness-Gerät reizt es mich nicht. So kommt es, dass ich Geländern bis vor kurzem kaum Aufmerksamkeit geschenkt habe. Auf vielen Wegen waren sie nur unbeachtete Begleiter. Ein schlichtes Eisengeländer auf einem der Wiener Hausberge, am sogenannten Nasenweg auf den Leopoldsberg, hat mich freilich bekehrt. Dieses Geländer entpuppte sich nämlich bei näherem Hinsehen als äußerst facettenreiches Phänomen und bietet mir auf meinen Spaziergängen eine Wander-Ausstellung mit ungeahnt vielfältigen Exponaten.

Manche Aspekte sind relativ stationär, bleiben Fixpunkte für den aufmerksamen Beobachter. Das beginnt bei der Beschaffenheit des Anstrichs. Bei „meinem“ Eisengeländer ist die oberste Schicht eine grüne Farbe, aber die Grundierung scheint rot, zum Teil auch weiß zu sein, und besonders an Aussichtspunkten und an Steilstücken ist das Geländer so abgenützt, dass schon das blanke Eisen glänzt. Das Design variiert je nach Geländelage, ist freilich auch nicht immer nachvollziehbar.

 

Erkennbar ist auch das Dekorbedürfnis des Herstellers: eine Verzierung mit kugeligen Knöpfen. Gerade diese Kugeln entwickeln mit der Zeit einen großen Variantenreichtum.

 

Überhaupt kann man im Detail vielfältige Muster und Zeichen studieren. Abbröckelnde Farben lassen unbekannte Landkarten entstehen, chemische Prozesse Hieroglyphen, Blätter hinterlassen Abdrücke und so fort.

 

Auch unbefugte Menschenhand nimmt so manche Veränderung vor: da gibt es Aufkleber und kleine Plakate, die von Saubermachern auch wieder entfernt werden, und selbstverständlich auch das eine oder andere Graffito.

 

Der Dialog mit benachbarten Bäumen ist manchmal praktischer, manchmal auch recht skurriler Natur.

 

Mir dient der Leopoldsberg nicht nur als zwitschernder Konzertsaal und als Blütenduftbad, sondern ich schätze diese Naturoase auch als Biotop für eine Unzahl von Lebewesen. Und hier spielt mein Geländer eine Hauptrolle, seit ich es als Landeplatz und Laufsteg für unzählige animalische Benutzer entdeckt habe. Und anders als im Schönbrunner Tiergarten ist der Eintritt frei. Auf meiner Safari brauche ich kein Fernglas. Bei vielen Tierchen aber muss man schon genau hinsehen, um sie überhaupt wahrzunehmen. Da freut sich der Laie, wenn ihm solche begegnen, die er gleich erkennt: Schau, ein Marienkäfer! Bei näherem Hinsehen offenbart sich ein großer Variantenreichtum, zum Teil sogar innerhalb derselben Art wie beim Asiatischen Marienkäfer (Harmonia axyridis).

  • Harmonia axyridis

 

Käfer mögen die meisten, bei den Spinnen stimmt wohl das Gegenteil. Aber die Exemplare auf dem Geländer sind meist so klein, dass die Neugier die Oberhand bekommen kann – wenn man wirklich etwas sehen will, hat man ohnehin ein Vergrößerungsglas zwischen sich und der Bestie. Hier eine Auswahl aus einigen Spinnenfamilien, die gern auf dem Geländer turnen: Kürbisspinnen, Baldachinspinnen, Laufspinnen, Springspinnen, Krabbenspinnen, Streckerspinnen und Weberknechte.

  • Araniella sp. - Kuerbisspinnen-Art

 

Zu den Spinnentieren gehören übrigens auch die Milben, hier zwei Exemplare, die durch ihre Winzigkeit (zirka ein Millimeter) Hobbyfotografen wie mich vor kaum lösbare Aufgaben stellen.

  • Anystidae sp. - Milben-Art

 

Auch auf den ersten Blick kaum wahrzunehmende Pflanzenläuse machen das Geländer zu einem wahren Minimundus. Hier Beispiele für Blattläuse, Staubläuse, Wollläuse, Grasläuse, Baumläuse und Blattflöhe.

  • Roehrenblattlaus-Art

 

Nur den wenigsten dieser Winzlinge eignet so etwas wie eine für uns erkennbare Persönlichkeit. Eine etwa drei Millimeter große Ausnahme bilden da für mich die Larven der Echten Käferzikade. Diese urtümlich gepanzerten kleinen „Monster“ mit ihren aus dem Hinterteil ragenden „Besen“ haben offensichtlich großen Spaß daran, mit dem Fotografen Versteck zu spielen, wollen immer aus seinem Gesichtsfeld krabbeln und warten dann knapp unter dem Horizont der Geländer-Wölbung, bis sie gefunden werden. Freilich kann man sie mit dem Finger immer wieder an eine gewünschte Stelle lenken, doch sobald man die Kamera auf sie richtet, rennen sie schon wieder los. Dieses Open Air Event kann man x-Mal durchexerzieren, bis es dem Tierchen doch zu blöd wird und es einfach in großem Bogen auf Nimmerwiedersehen vom Geländer in die Büsche springt.

  • Issus coleoptratus (Larve) - Echte Kaeferzikade

 

Bei den Zikaden erlebe ich fast bei jeder Wanderung eine Premiere auf der Geländer-Bühne. Besonders gefällt mir die Ribaut-Winkerzikade, auch ein eher geduldiges Tier, das nicht gleich das Weite sucht. Sehr charakteristisch ist auch die Japanische Ahornzirpe. Andere sind kleiner und besonders „sprunghaft“, d.h. sie lassen dem Fotografen selten Zeit für ein gutes Foto. Auch ist ihre Bestimmung äußerst schwierig und meist ist man – wie fast bei allen Insekten – auf die Hilfe von einschlägigen Internet-Foren angewiesen. Ich darf mich an dieser Stelle besonders beim Insektenfotos.de-Forum von Jürgen Peters und der dort tätigen Expertenschaft bedanken.

 

Wie die Pflanzenläuse und die Zikaden gehören auch die Wanzen zu den sogenannten Schnabelkerfen. Und natürlich nutzen auch sie manchmal das Geländer als Direttissima von Punkt A zu B. Mein Wanzenartikel zeigte ja schon eine große Auswahl, daher an dieser Stelle nur vier Exemplare aus der Freiluft-Ausstellung auf dem Geländer.

  • Palomena prasina - Gruene Stinkwanze

 

Jede Visite am Geländer bietet natürlich auch eine Vernissage von Fliegen. Für sie ist es meist nur ein kurzer Zwischenaufenthalt, und die richtige Bestimmung kann dann oft erst über’s Foto erfolgen. In Mitteleuropa allein gibt es ja über 5.000 Fliegenarten. Hier nur eine kleine Auswahl aus einigen Fliegenfamilien: Blumenfliegen, Halmfliegen, Baumfliegen, Scheufliegen, Rennfliegen, Faulfliegen, Echte Fliegen und Schwebfliegen.

  • Hylemya sp. - Blumenfliegen-Art

 

Gehören die Fliegen wie die Mücken zu den Zweiflüglern, so machen natürlich auch die Hautflügler nicht vor dem Geländer halt. Wenn wir uns da nur einmal um die Unterordnung der Taillenwespen kümmern und davon die Teilordnung der Stechimmen betrachten, dann kommen wir zur Überfamilie der Vespoidea, zu der die Familie der Faltenwespen gehören, die wiederum z.B. die Feldwespen als Unterfamilie haben. Schon schwindelig? Aus deren Gattung Polistes haben sich zwei Exemplare auf mein Geländer gesetzt. Das dritte Foto zeigt eine Grabwespe, deren taxonomische Einordnung ich Ihnen erspare.

  • Polistes dominula - Gallische Feldwespe

 

Wenn Sie Kinder haben, empfehle ich das Geländer vor allem für die Raupen-Besichtigung. Wo ein Erwachsener bald einmal einen Schädling vermutet, können sich Kinder allein schon an der eigenartigen Fortbewegung dieser ziemlich geduldigen Gesellen erfreuen. Hier ein paar Spanner-Raupen und eine Spinner-Raupe.

  • Erannis defoliaria (Raupe) - Grosser Frostspanner

 

Nicht alle Raupen werden zu Schmetterlingen. Aber bleiben wir zum Abschluss bei diesen beliebten Geschöpfen. Ich brauche Ihnen kein Tagpfauenauge, keinen Admiral oder Zitronenfalter zu zeigen. Aber ist Ihnen schon einmal die Diurnea lipsiella aus der Familie der Chimanachidae aufgefallen, oder die Dialectica scalariella aus der Familie der Gracillariidae?

  • Diurnea lipsiella

 

Gar keinen Falter vermutet der Laie auf den folgenden Fotos, die Weibchen des Großen und des Kleinen Frostspanners zeigen. Mit höchstens rudimentären Flügelstummeln sind sie flugunfähig, und da auch ihre Saugrüssel verkümmert sind, können sie keine Nahrung aufnehmen und leben daher nur wenige Tage.

  • Operophtera brumata - Kleiner Frostspanner (Weibchen)

 

Zugegeben, schön sind sie nicht, die Frostspanner-Weibchen, aber was ist in der Tierwelt schon schön oder hässlich. Die Ameise freut sich nicht, dass wir sie niedlich finden, und die Assel ärgert es nicht, dass wir sie eher zu den ekligen Lesewesen zählen. Ich sage: Auf dem Geländer sind sie alle gleich.

  • Formica (Serviformica) cf. fusca - Grauschwarze Sklavenameise

 

Der Winter wird vor meine gesamte Geländer-Menagerie ein großes „Geschlossen“-Schild hängen. Für die tägliche Vernissage von neuen Exponaten muss man dann auf den Frühling warten.

gelaender21