„INS KAFFEEHAUS“

Eine „Melange“Eine „Melange“ (Foto B. Denscher)

„Du hast Sorgen, sei es diese, sei es jene – – – ins Kaffeehaus!
Sie kann, aus irgendeinem, wenn auch noch so plausiblen Grunde, nicht zu dir kommen
– – – ins Kaffeehaus!

Du hast zerrissene Stiefel – – – Kaffeehaus!
Du hast 400 Kronen Gehalt und gibst 500 aus – – – Kaffeehaus!
Du bist korrekt sparsam und gönnst Dir nichts – – – Kaffeehaus!
Du bist Beamter und wärest gern Arzt geworden – – – Kaffeehaus!
Du findest Keine, die Dir paßt – – – Kaffeehaus!
Du stehst innerlich vor dem Selbstmord – – – Kaffeehaus!
Du haßt und verachtest die Menschen und kannst sie dennoch nicht missen – – – Kaffeehaus!
Man kreditiert Dir nirgends mehr – – – Kaffeehaus!“

So schrieb vor rund hundert Jahren Peter Altenberg, und natürlich meinte er, der als der Inbegriff des „Kaffeehausliteraten“ gilt, mit diesem Zufluchtsort für alle Lebenslagen das Wiener Kaffeehaus. Dieses gilt bis heute als eine Institution mit ganz eigenem, spezifischen Charakter. Vor einigen Jahren wurde die „Wiener Kaffeehauskultur“ daher von der österreichischen UNESCO-Kommission in das Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes aufgenommen. In der Begründung dazu heißt es: „Die Tradition der Wiener Kaffeehauskultur reicht bis an das Ende des 17. Jahrhunderts zurück und ist durch eine ganz spezielle Atmosphäre geprägt. Typisch für ein Wiener Kaffeehaus sind Marmortischchen, auf denen der Kaffee serviert wird, Thonetstühle, Logen, Zeitungstischchen und Details der Innenausstattung im Stil des Historismus. Die Kaffeehäuser sind ein Ort, ‚in dem Zeit und Raum konsumiert werden, aber nur der Kaffee auf der Rechnung steht‘.“

Natürlich handelt es sich bei dem Kaffee, der auf der Rechnung steht, nicht einfach um „Kaffee“, sondern um einen „Großen Braunen“ oder um einen „Verlängerten Schwarzen“, einen „Überstürzten Neumann“, einen „Kapuziner“ oder vielleicht um eine „Schale Gold“ oder, oder, oder… Denn die Liste der Wiener Kaffeespezialitäten ist bekanntlich lang. „Einspänner, Mokka und Melange“ gehören auch dazu – und diese drei hat Susanne Schaber als Titel für ihr vor Kurzem im Insel Verlag erschienenes Buch gewählt und durch den Untertitel „Wiener Kaffeehäuser: eine Verführung“ ergänzt.

Im Café Raimund

Im Café Raimund (Foto B. Denscher)

Nun ist das Thema „Wiener Kaffeehaus“ nicht neu, Publikationen dazu gibt es viele. Dennoch gelingt Susanne Schaber die „Verführung“ zur Lektüre ihres rund 190 Seiten starken Buches. Denn als Reiseschriftstellerin und Literaturkritikerin versteht sie sich nicht nur aufs gelungene Formulieren, sondern auch aufs exakte Recherchieren – und so liefert sie zahlreiche Details zur Geschichte des Wiener Kaffeehauses, ohne sich dabei allzu sehr auf altbekannte Klischees einzulassen. Außerdem stehen ohnehin das Kaffeehaus und überhaupt die Kaffee-Kultur, so wie sie sich heutzutage präsentieren, im Mittelpunkt. Dazu gehören die Porträts von 26 der bekanntesten Wiener Kaffeehäuser – von Diglas, Hawelka und Landtmann bis Raimund, Ritter und Westend weiß Schaber dabei jeweils auf das Spezielle, Typische hinzuweisen – plus kurzen Informationen zu zahlreichen weiteren Cafés. Außerdem gehört dazu aber auch ein Abschnitt über die „Vienna School of Coffee“, eine Schule der besonderen Art, in der Hobby-Kaffeeköchinnen und -köche ebenso wie Profis zu perfekten Baristas ausgebildet werden. Besonders interessant ist das ausführliche Kapitel über die Kaffeeröstereien: Darin ist viel über die Kaffeepflanzen an sich zu erfahren, über die Technik des Röstens, über die vielen verschiedenen Aromen, die im Kaffee stecken, darüber, dass geröstete Kaffeebohnen nicht sofort, aber doch bald verbraucht werden sollten – und darüber, dass es Hunderte und Tausende verschiedene Kaffees gibt, die sich verkosten ließen. Susanne Schabers Buch macht Lust darauf, zumindest einige davon zu probieren!

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Susanne Schaber: Einspänner, Mokka und Melange. Wiener Kaffeehäuser: eine Verführung. Mit zahlreichen farbigen Fotografien von Karl Mühlberger. Insel Verlag, Berlin 2016.

(7.12.2016)