LITERATUR-MINIATUREN

Franz Hohler: 113 einseitige Geschichten. Buchcover (Ausschnitt)

„Spielstand: Es steht 10 zu 1. Für beide“ – das ist der kürzeste und vielleicht auch originellste jener Texte, die der Schriftsteller und Kabarettist Franz Hohler für die Anthologie „113 einseitige Geschichten“ zusammengestellt hat. Der Autor dieser Miniatur ist der siebenjährige Simon (auf die Nennung des Familiennamens verzichtet Herausgeber Hohler). Simon steht da in einer Reihe mit berühmten Schriftsteller-Kolleginnen und -Kollegen, wobei der zeitliche Bogen von der Antike bis zur Gegenwart reicht, von Epiktet bis Ilma Rakusa. Vertreten sind in dem Band unter anderen Ingeborg Bachmann, Thomas Bernhard, Bertolt Brecht, Elias Canetti, Karel Čapek, Daniil Charms, Heimito von Doderer, Johann Peter Hebel, Marie Luise Kaschnitz, Heinrich von Kleist, Gotthold Ephraim Lessing, Luigi Malerba, Christine Nöstlinger, Robert Walser und Urs Widmer – sie alle mit „Einseitigen Geschichten“. Das „Einseitig“ hat dabei absolut nichts mit dem Inhalt zu tun, sondern vielmehr mit der Länge: Denn keiner der Texte ist länger als eine Seite, manche sind nur ein paar Zeilen kurz, andere – wie etwa Franz Kafkas „Zerstreutes Hinausschaun“ – nicht mehr als gerade einmal drei Absätze.

Franz Kafka: Zerstreutes Hinausschaun
   Was werden wir in diesen Frühlingstagen tun, die jetzt rasch kommen? Heute früh war der Himmel grau, geht man aber jetzt zum Fenster, so ist man überrascht und lehnt die Wange an die Klinke des Fensters.
   Unten sieht man das Licht der freilich schon sinkenden Sonne auf dem Gesicht des kindlichen Mädchens, das so geht und sich umschaut, und zugleich sieht man den Schatten des Mannes darauf, der hinter ihm rascher kommt.
   Dann ist der Mann schon vorübergegangen und das Gesicht des Kindes ist ganz hell.

Franz Hohler, der als einer der bedeutendsten zeitgenössischen Schriftsteller der Schweiz gilt und der als Liedermacher und Kabarettist seit langem im gesamten deutschen Sprachraum sehr erfolgreich ist, liebt kurze Erzählungen und hat im Laufe der Zeit eine große Sammlung derartiger Miniaturen zusammengetragen. Die Auswahl, die er nun in der Anthologie präsentiert – und auch durch einige eigene Texte ergänzt – zeigt seine Vorliebe für hintergründigen Humor, für die Poetik des Alltags und für Groteskes und Bizarres.

Peter Altenberg: Die Kindesseele
Sie war mit ihrer Vierjährigen, Süßen, Lieblichen bei ‚Schneewittchen‘ im Theater. Sie war sehr besorgt wegen seelischer Aufregungen des zarten Kindesorganismus. Als es hieß, Schneewittchen werde also nicht im Walde geschlachtet, sondern nur ein Reh an ihrer Stelle, war sie ganz entlastet. Da sagte die Vierjährige: ‚Nein, wenn ich schon nicht Schneewittchen abschlachten sehen soll, wird wenigstens das Reh wirklich vor uns geschlachtet?!‘ Und als die böse Stiefmutter in glühenden Pantoffeln tanzen sollte, sagte sie: ‚Das wird ja wieder nur bloß erzählt werden!‘

Franz Hohler: 113 einseitige Geschichten. Buchvover

Franz Hohler (Hg.): 113 einseitige Geschichten. btb Verlag, München 2016.