BRASILIEN: MIT SCHRIFTSTELLERN REISEN

Amazonas

Der Zufall wollte es, dass 2016 zwei Bücher ziemlich gleichzeitig herauskamen, die das Reisen an und für sich und dann – ganz speziell – das Reisen durch Brasilien zum Inhalt hatten. Diese Bücher stammen von Autoren, wie sie verschiedener nicht sein können: Der Schweizer Hugo Loetscher (1929–2009), Feuilletonist, Herausgeber und Schriftsteller, ist der eine. Er näherte sich Brasilien in literarischen Reportagen, die unter dem Titel „Das Entdecken erfinden“ nunmehr zum ersten Mal in Buchform vorliegen. Loetscher brachte Journalismus und Literatur zusammen. Er wollte erfahren und kennenlernen, „was mir als Welt zugefallen war.“

Antonio Tabucchi (1943-2012), der Italiener mit der Liebe zum Portugiesischen („Erklärt Pereira“ ist einer seiner bekanntesten Romane, verfilmt wurde er mit Marcello Mastroianni), war da ganz anders. Auch er ist viel gereist – „Reisen und andere Reisen“ heißt sinngemäß der im Hanser Verlag erschienene Band. Tabucchis Vermächtnis dieses Reisen betreffend lautet: „Der einzige Sinn der Reise besteht darin, eine Reise zu sein. Die Reise ist wie unser Leben, dessen Sinn vor allem darin besteht, dass wir es gelebt haben.“

Hier soll nun von den Orten in Brasilien die Rede sein, die beide Schriftsteller beschrieben haben: die beiden Städte Ouro Preto und Belo Horizonte in der Provinz Minas Gerais und die Region Amazonien.

Hugo Loetscher kam über einen brasilianischen Jesuiten aus dem 17. Jahrhundert, dessen Werk er auf Deutsch herausgab, in dessen Heimat. Er hat Brasilien viele, viele Male bereist, so dass sein Buch „Das Entdecken erfinden. Unterwegs in meinem Brasilien“ – wie der Herausgeber Jeroen Dewulf im Nachwort schreibt – „nicht nur ein Buch über Brasilien, sondern auch, und vielleicht vor allem, ein Buch von Brasilien ist.“

In „Reisen und andere Reisen“ von Antonio Tabucchi ist Brasilien ein Ziel unter vielen. Tabucchi unterteilt das Werk in die Kapitel „Geplante Reisen“, „In Indien“, „Australisches Tagebuch“ und „Durch die Bücher der anderen“. Diese Bücher der anderen lehren nämlich, „wie man in fremden Ländern lebte, dachte, sprach, schrieb…“.

Wie zuvor angekündigt, sollen nun kurze Beschreibungen der Orte folgen, die beide Autoren in ihren Büchern erwähnen: das nebelverhangene Ouro Preto und Belo Horizonte in Minas Gerais, der brasilianischen Goldprovinz, und Amazonien.

Im 18.Jahrhundert wurde in Ouro Preto Gold gefunden. Hugo Loetscher schreibt, dass das Gold nicht nur in die Taschen gesteckt wurde, sondern auch in Architektur, so dass dieses Städtchen heute „Nationalmonument“ als eine der geschlossensten Barockstädte Lateinamerikas ist. Häusergruppenweise, Quartier um Quartier ist diese Stadt – gegen jegliche architektonische Logik – in die Hügel hineingebaut worden.

Und mitten drinnen dreizehn Kirchen und ungezählte Kapellen. Hier wirkte einer der ersten originären Künstler Brasiliens, Antonio Francisco Lisboa, „Aleijadinho“ genannt, das „Krüppelchen“, da er an einer lepraartigen Krankheit litt, die seine Beweglichkeit mehr und mehr einschränkte. Er war Bildhauer, Baumeister, Schnitzer, Zeichner und Stuckateur. In nahezu allen Kirchen von Ouro Preto ist ein Werk von ihm zu finden.

Antonio Tabucchi erzählt von Aleijadinho, dass er sich – als er nicht mehr laufen konnte – in der Sänfte zu den Baustellen tragen ließ, „um mit Meißeln, die er an seinen von der Krankheit zerfressenen Armstümpfen befestigen ließ, seine Statuen in den Stein zu hauen. Der Wind hat die Gesichter zerfressen wie die Krankheit das ihres Schöpfers.“ Er erklärt die Übersetzung des Ortsnamens Ouro Preto, nämlich „Schwarzes Gold“, damit, dass es die schwarzen Sklaven waren, die sowohl in den Goldminen arbeiteten als auch die Kirchen erbauten, und er fordert von den Touristen, die in den Kirchenbänken sitzen oder knien, eine diesbezügliche Denkpause ein.

Als man in Ouro Preto kein Gold mehr fand, wurde es auch als Hauptstadt von Minas Gerais entthront, und zwar durch das zentraler gelegene Belo Horizonte. Diese Stadt wird von beiden Autoren nur erwähnt. Was schade ist, Oscar Niemeyer hat dort gebaut und es gibt breite Straßen, Parks, alte Häuser und moderne Neubauten. Die Stadt, die nach dem schönen Horizont heißt, lädt unbedingt zum Flanieren ein.

Am Beispiel Amazonien, dem Land rund um den Amazonas, zeigt sich das Gegensätzliche von Loetscher und Tabucchi ganz besonders stark. Hugo Loetscher beschreibt eine Schifffahrt auf dem Amazonas: „Dieser Fluss verändert sich fortwährend. Man fährt auf einem See, der sich dann zu einer schmalen Passage verengt, dass man die Äste der Bäume fast in Griffnähe kriegt. Das Vagabundieren der Landschaft hängt mit dem Vagantentum des Wassers zusammen. Und mit dem Wasser ändert sich auch der Urwald…“.

Antonio Tabucchi hingegen schreibt vom Amazonastraum, von der Zerstörung der Landschaft, davon, dass das nicht nur das abschreckendste Beispiel für die Ausbeutung des Planeten infolge der menschlichen Gier sei, sondern auch eine Metapher unserer paranoiden Kultur, die umso mehr verschlingt, je mehr sie hervorbringt. Das alles vergisst man aber, wenn man diesen unvorstellbar beeindruckenden Strom sieht, wenn man an seinen Ufern sitzt, in ihm schwimmt oder sich auf einem Schiff langsam vorwärtsbewegt.

Alle Fotos: © Konrad Holzer

Hugo Loetscher: Das Entdecken erfinden. Unterwegs in meinem Brasilien. Diogenes Verlag, Zürich 2016.
Antonio Tabucchi: Reisen und andere Reisen. Hanser Verlag, München 2016.