DER MUFF: EINST GROSS IN MODE

Francesc Masriera: Hivern de 1882 (Ausschnitt)Francesc Masriera: Hivern de 1882 (Ausschnitt)

„Das, was man im Französischen sehr bezeichnend manchon, im Hochdeutschen Muff, und in unserer Wiener Localsprache Stutzen nennt, wird in Paris fast allgemein getragen, sogar die Männer haben es angenommen, und gehen auf der Straße, einen enormen Muff an ihre Brust gedrückt. Viele Frauen tragen den ihren um den Hals, wie an einem Bandelier.“ So berichtete die „Wiener Zeitschrift“ in der Ausgabe vom 26.1.1830 über die aktuelle Pariser Mode. Im späten 18. und im gesamten 19. Jahrhundert gehörte der Muff, jene meist aus Pelz gefertigte Röhre, in die man die Hände steckte, um sie vor der Kälte zu schützen, zu den populärsten Modeaccessoires.

Links: Paul César Helleu: Mademoiselle Vaughan (1905). Rechts: Elisabeth-Louise Vigée-Le Brun: Madame Molé-Reymond (1786)

Links: Paul César Helleu: Mademoiselle Vaughan (1905)
Rechts: Elisabeth-Louise Vigée-Le Brun: Madame Molé-Reymond (1786)

Nachweisbar ist der Muff in der europäischen Bekleidungsgeschichte ab dem späten 16. Jahrhundert. Zuvor hatte es oft an den Enden der Ärmel von Kleidern, Jacken oder Mänteln hülsenartige Stoffbahnen gegeben, in die man die Hände stecken konnte, und vermutlich hat sich der Muff daraus als selbständiges Bekleidungsstück entwickelt. Wurde er später fast ausschließlich mit der weiblichen Garderobe assoziiert, so war er anfangs als wärmendes Teil durchaus auch für Männerhände willkommen.

Links: Jean Dieu de Saint-Jean: Homme de Qualité en Habit d'Hiver (1683). Rechts: Giovanni Battista Tiepolo: Karikatur eines Mannes mit Muff (um 1760)

Links: Jean Dieu de Saint-Jean: Homme de Qualité en Habit d’Hiver (1683)
Rechts: Giovanni Battista Tiepolo: Karikatur eines Mannes mit Muff (um 1760)

Aufgrund des teuren Materials – außer aus Pelz wurden Muffe oft auch aus Kaschmirwolle oder Samt gefertigt – bekam der Muff den Status eines teuren Prestigeobjekts. Deutlich wird dies auch in der Erzählung „Der Muff“ der österreichischen Schriftstellerin Marie von Ebner-Eschenbach (1830–1916): Eine alte Bettlerin bekommt darin an einem kalten Winterabend von einer mitleidsvollen Generalsgattin einen Muff geschenkt und wird kurz darauf von einem Wachmann, der glaubt, sie habe den Muff gestohlen, in Arrest genommen.

Auch wenn der Muff hin und wieder in Designerkollektionen auftaucht (wie etwa Pradas Fuchsfellmuff), so gilt er doch seit langem als altmodisch, bieder – und eben auch etwa muffig. Zum letzten Mal groß in Mode war er zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Damals zeigten die Modeblätter übergroße, fast tonnenförmige Modelle, und auch die Wiener „Neue Freie Presse“ widmete dem Muff einen umfangreichen Beitrag:

„Wenn im Sommer und Frühjahr der Hut für die elegante Dame das Wichtigste, Wesentlichste und Entscheidendste ihrer Eleganz ist, so ist es im Winter der Muff. Dieser Muff hat im Laufe der Jahrzehnte die unglaublichsten Wandlungen durchgemacht. Es gab Zeiten, wo man nur einen Hermelinmuff tragen konnte, dann wieder war er aus Seide, aus Samt oder gar aus Tuch, er war schmal und lang, breit und kurz, er wurde an einer Schnur um den Hals getragen, er hatte die Form eines Halbkreises, eines mürben Kipfels, eines Rechteckes, und einmal trug man sogar ganz runde Muffs. Und wie in der Mode nur selten etwas ganz zufällig und willkürlich ist, so trug auch gewöhnlich der Muff das Gepräge seiner Zeit und deren Ziele. Damals, vor etwa fünfundzwanzig Jahren, als die Welt mit süßlich verzuckerter Literatur versorgt wurde, die zu dem wahren Leben in gar keinem Zusammenhang stand, damals trug man Muffs, die so klein waren, dass kaum die Fingerspitzen in ihm Platz hatten. Klein, niedlich, aber unfähig, ihren Zweck zu erfüllen und zu wärmen.

Links: Axel Ender: Pike på skøyter - Mädchen auf Schlittschuhen (um 1910) Rechts: Andrei Petrowitsch Rjabuschkin: Moskauer Frau des 17. Jhdts. (1903)

Links: Axel Ender: Pike på skøyter – Mädchen auf Schlittschuhen (um 1910)
Rechts: Andrei Petrowitsch Rjabuschkin: Moskauer Frau des 17. Jhdts. (1903)

Heute, wo wir in einer Zeit leben, da man auf allen Gebieten die natürliche Linie und das Zweckmäßige zu suchen vorgibt, macht natürlich auch die Mode mit. Da sie aber nicht nur widerspiegelt, sondern auch karikiert, so ist aus dem kleinen sinnlosen Muff ein ungeheuer großer geworden, in dem nicht nur die zwei Hände, sondern der halbe Körper Platz hätte. Es scheint, als wenn diese Dimensionen des modernen Muffs ins Unermessliche wachsen wollten. Man sieht jetzt welche in den Auslagen und bei eleganten Frauen, die so enorm sind, dass man sie auch als Schlafsack benützen könnte. Außerdem werden an die Dauerhaftigkeit dieses Riesenmuffs enorme Anforderungen gestellt. Die Damen drücken ihn fest an sich, sie stopfen die ganzen Ergebnisse ihres „Shoppings“ in ihn hinein, er muss die Sandwiches für einen ausgewachsenen Afternoon Tea, zwölf Packerln, das Handtascherl und ein Paar Schlittschuhe aufnehmen können, ohne aus der Fasson zu geraten oder aus Ärger zu bersten.

In New York und aus London bringen die fashionablen Societyblätter die verhängnisvolle Nachricht, dass dort der Muff in das Repertoire der zulässigen Geschenkartikel aufgenommen wird. Man darf einer Dame, der unverheirateten wie der verheirateten, zum Geburtstag, zum Namenstag, zu Weihnachten einen Muff schenken, wie man bisher Bonbonnieren, Blumenstöcke, Parfum geschenkt hat. Und schon gibt es dort Damen, die ganze Kollektionen von geschenkten Muffs, jeder einen Meter lang und mindestens einen halben breit, besitzen. Muffs aus Zobel, aus Persianer, aus Rot- oder Blaufuchs und was dergleichen kostspielige Felle mehr sind. Unter solchen Umständen kann man, auch wenn man zugibt, dass der große Muff eine sehr hübsche Sache ist, nur wünschen, dass er recht bald wieder ganz klein wird. Wenn es sein muss, sogar auf Kosten der wahrheitssuchenden Literatur.“ (Neue Freie Presse, 24.11.1912. Der Text wurde leicht gekürzt und der aktuellen Orthografie angepasst).