EVANGELISCHE KRAPFEN? BESUCH IN RAMSAU AM DACHSTEIN

Ramsau. Alle Fotos: B. Denscher

Was braucht es, um Krapfen evangelisch zu machen? Die Basis bildet, wie meist bei dem weithin beliebten Gebäck, ein Hefeteig. Und wenn dieser mit Weizen zubereitet ist, dann ist die Sache auch schon klar: die daraus geformten Krapfen sind evangelisch. Wird für den Teig hingegen Roggenmehl verwendet, so ist dann das fertige Gebäck eindeutig katholisch. Allerdings gilt dies nur für das steirische Ennstal und da vor allem für die Gegend rund um Schladming und Ramsau am Dachstein (wo übrigens von „Germteig“ und nicht von „Hefeteig“ die Rede ist). Ihren Ursprung hat diese etwas sonderbar anmutende Zuordnung in der speziellen Topografie, den Klimaverhältnissen und vor allem in der konfessionellen Geschichte der Region. Denn Ramsau liegt auf einem vom Sonnenschein begünstigten Hochplateau an der Südseite des Dachsteins, wo auch Weizen gedeiht; unten im Tal hingegen, an den schattseitigen Nordhängen der Tauern, war nur Roggenanbau möglich. Die relativ abgeschiedene Lage von Ramsau machte es möglich, dass dort zur Zeit der Gegenreformation die Bevölkerung im Geheimen evangelisch bleiben konnte, während im offenen Tal der Katholizismus dominierte. Und so wurden dann die Krapfen, die in Ramsau mit Weizenmehl gebacken wurden, evangelisch – und die aus Roggenmehl katholisch…

Evangelische und katholische Krapfen (Foto © Steiermark Tourismus; alle anderen Fotos © B. Denscher) Die helleren Weizenkrapfen werden oft mit Honig, die dunkleren Roggenkrapfen mit „Steirerkäse“ serviert.

Evangelische und katholische Krapfen (Foto © Steiermark Tourismus, alle anderen Fotos © B. Denscher). Die helleren Weizenkrapfen werden oft mit Honig, die dunkleren Roggenkrapfen mit „Steirerkäse“ serviert.

In der Region rund um Ramsau wird eine Vielzahl von verschiedenen Krapfen gebacken, für fast jedes Fest gibt es ein spezielles Rezept. Die konfessionelle Unterscheidung des Gebäcks gilt allerdings mittlerweile eher als historische Kuriosität. Das hat sicher auch damit zu tun, dass in Ramsau schon seit Jahrzehnten kein Weizen mehr angebaut wird. Früher, als die Verkehrswege schlecht und das Gebiet, das sich auf einer Seehöhe von 1.100 bis 1.700 Metern erstreckt und in dem die Winter ein halbes Jahr dauern können, nur schwer erreichbar war, musste man autark sein. Der Weizen sicherte damals – neben Roggen, Kartoffeln und zahlreichen anderen Nutzpflanzen – das Überleben. Trotz sonniger Lage aber waren die Erträgnisse verhältnismäßig gering, und oft fiel der erste Schnee, noch bevor der Weizen Ende August geerntet werden konnte.

Dachsteinblick

„In diesem Tale nun, wo schier alle gewiß lutherisch sind, können sie schalten und walten, wie sie wollen; führen ihre Kinder vor 15 und 16 Jahren nicht in die Kirchen, sondern unterweisen den Hannsl nach ihrem Kopf und Lehr, bis der Hanns nichts anderes mehr fassen oder erlernen kann; können durchvagierende lutherische Personen, Prädikanten und Büchertrager aufhalten, wie sie wollen; denn es ist niemand heroben, der solche siehet und verraten könnt. Halten alle zusammen…“

So beschrieb der Abt des Stiftes Admont, Anselm Lürzer von Zechenthal, 1708 von seinem – katholischen – Standpunkt aus die Situation in Ramsau. Tatsächlich war die Gemeinde rund zweihundert Jahre lang, vom Ende des 16. Jahrhunderts bis 1781, ein Zentrum des Geheimprotestantismus in Österreich. Als das von Kaiser Joseph II. im Oktober 1781 erlassene sogenannte Toleranzpatent erstmals seit der Gegenreformation wieder freie Religionsausübung erlaubte, bekannten sich 127 von 130 Ramsauer Hofgemeinschaften zum evangelischen Glauben. Eindrucksvoll dokumentiert ist die Geschichte des Ramsauer Geheimprotestantismus – die auch tragische Details von Verhören, Verhaftungen und Landesverweis enthält – in dem kleinen, feinen Ortsmuseum „Zeitroas“. Dieses bietet anhand von zahlreichen Exponaten Informationen zu Geschichte und Kultur, alpinen Lebensbedingungen, zu Spezifika von Flora und Fauna – und natürlich auch zur Entwicklung des Tourismus, der heute der wichtigste Wirtschaftsfaktor der Region ist.

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Die touristische Erschließung der Region Ramsau begann im frühen 20. Jahrhundert. Damals wurde das Hochplateau am Dachstein als Sommerfrischegebiet „entdeckt“ – unter anderem auch vom  Schriftsteller Hugo von Hofmannsthal. Vom 22.7. bis zum 6.8.1923 wohnte er in einem zum heutigen Hotel Ramsauhof gehörenden Landhaus und arbeitete dort an seinem Trauerspiel „Der Turm“. An Alma Mahler schrieb er damals, dass er in der Ramsau einen Platz gefunden habe, der ihm „unglaubliche Freude“ mache:

„Eine weite Hochebene, zwölfhundert Meter überm Meer, am südlichen Abhang des Dachsteins, mit verstreuten Bauernhöfen, herrlichen alten Bäumen, kleinen rauschenden Wasserläufen, an denen kleine Kornmühlen und Sägewerke gehen, eine Landschaft, wie aus dem Traum heraus, und keinerlei Hotels und dergleichen; eine einzige bescheidene Pension, in der ich die Unterkunft gefunden habe, gerade noch, die mir die denkbar liebste ist: ganz allein unterm Dach, das Zimmer, das für gewöhnlich der Hausknecht bewohnt: ein Bett, ein Tisch, ein holzener Sessel, ein blechernes Waschbecken, Nägel an der Wand, um seine Sachen aufzuhängen – und zwei Dachluken, eine nach Osten, bei der der Mond und eine nach Westen, bei der die Sonne hereinscheint.“

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts entwickelte sich Ramsau mehr und mehr auch zum Wintersportort. Im Mittelpunkt steht dabei der Schilanglauf. Auf den weiten Flächen des Hochplateaus gibt es mittlerweile über zweihundert Kilometer Loipen.

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Schnee ist fast immer genug vorhanden – sicherheitshalber aber betreibt man seit 2013 auch „Snowfarming“: Während des Winters wird aus dem vorhandenen Schnee ein rund viertausend Kubikmeter umfassendes, hügelartiges Depot angelegt, das dann, am Ende der kalten Jahreszeit, unter einer Schicht Hackschnitzel gelagert wird. Damit der Regen den Schnee nicht zum Schmelzen bringt und ein besserer Schutz vor Sonneneinstrahlung gegeben ist, kommt zusätzlich eine weiße Schutzfolie zum Einsatz. Durch diese Art der Konservierung bleiben rund achtzig Prozent des Schnees vom Vorjahr erhalten – und werden dann ab November als Grundlage für eine erste Loipe verwendet. Snowfarming, das ohne Einsatz von Chemie auskommt, sei, so wird betont, energieeffizienter als ein künstliches Beschneien zu Saisonbeginn. Ob es allerdings auch insgesamt umweltschonender als andere Verfahren ist, wird in Fachkreisen jedoch unterschiedlich beurteilt. Die Diskussion um den Schnee vom Vorjahr ist damit auf jeden Fall nicht „Schnee von gestern“.

Ein Rezept für Ramsauer Krapfen gibt es über den Blog der Gemeinde Ramsau.