FRAU MERIANS SCHMETTERLINGE

Detail aus Maria Sibylla Merians Buch „Metamorphosis insectorum Surinamensium“Detail aus Maria Sibylla Merians Buch „Metamorphosis insectorum Surinamensium“

Auch wenn da nicht ihre Bilder wären, die in unwahrscheinlicher Pracht Verwandlung zum Thema haben, auch dann wäre das Leben der Maria Sibylla Merian einzigartig: 1647 in Frankfurt als Tochter des Kupferstechers Matthäus Merian geboren, lernte sie das Zeichnen und Kupferstechen bei ihrem Stiefvater Jacob Marrel (ihr Vater starb, als sie drei Jahre alt war), entwickelte schon früh auch naturwissenschaftliche Interessen, vor allem die Metamorphose der Schmetterlinge betreffend, heiratete den Maler Johann Andreas Graff, bekam zwei Töchter, verließ nach zwanzigjähriger Ehe ihren Mann und lebte mit ihrer Mutter und ihren beiden Töchtern mehrere Jahre in einer pietistischen Gemeinde in den Niederlanden. 1691 übersiedelte sie nach Amsterdam, begann sich für die Insektenwelt der holländischen Kolonie Surinam zu interessieren und trat gemeinsam mit ihrer jüngeren Tochter 1699, also mit immerhin 52 Jahren – ein für die damalige Zeit relativ hohes Alter – die Reise nach Südamerika an, zeichnete und sammelte in den tropischen Urwäldern zwei Jahre, bis die Malaria sie zwang, zurückzukehren. In Amsterdam veröffentlichte sie Prachtbände über die Flora und Fauna Surinams, musste sich aber ihren Lebensunterhalt weiterhin mit Malunterricht und dem Handel mit Malutensilien und Präparaten aus ihrer Sammlung verdienen, starb „unvermögend“ am 13. Jänner 1717, also vor 300 Jahren.

So weit, so knapp das Leben dieser ungewöhnlichen Frau „zwischen Kunst, Kommerz, Liebhaberei und Wissenschaft“. Mit diesen vier Begriffen umreißt es Roelof van Gelder in dem Band „Maria Sibylla Merian. Künstlerin und Naturforscherin. 1647-1717“. Als Randbemerkung sei hier noch festgehalten, dass Maria Sibylla Merian natürlich auch ein Thema im Rahmen der Gender-Forschung darstellt: So etwa schrieb die deutsche Kunsthistorikerin Victoria Schmidt-Linsenhoff unter dem Titel „Die Metamorphose des Blicks“ über die Merian als Diskursfigur des Feminismus.

Detail aus Maria Sibylla Merians Buch „Metamorphosis insectorum Surinamensium“

Der deutsche Autor Dieter Kühn (1935–2015), der sich primär mit ganz besonders ausgearbeiteten Biografien einen Namen machte (z.B. über die Lyrikerin Gertrud Kolmar), schrieb unter dem Titel „Frau Merian!“ eine Lebensgeschichte von Maria Sibylla Merian. Unter den unzähligen Möglichkeiten, die ihm beim Vermitteln von solchen Lebensgeschichten zur Verfügung standen, wählte er für die Merian eine ganz spezielle. Er begann damit, auf knapp zwei Seiten deren Leben zu erzählen, setzte aber daran gleich die zweifelnde Frage: „Ist es so? War es so?“, um dann, auf über sechshundert Seiten, kleinteilig in kurzen Abschnitten Lebensbilder und biografische Details folgen zu lassen. Diese Lebensbilder, das sind Beschreibungen von Bildern, die er sich so vorstellt, wie sie durchaus in ihrer Zeit hätten gezeichnet – oder gemalt – werden können. Das ist ja Kühns Annäherung an das Beschreiben von Lebensläufen: im vollen Bewusstsein dessen, nicht alles wissen zu können, dennoch etwas vorzustellen – ohne etwas vorzumachen („Hier bin ich auch ohne Belege und Beweise sicher…“), oder aber eine Frage zu stellen und auf diese dann mehrere mögliche Antworten zu geben. Er flicht aber auch persönlich Erlebtes ein, das ihm beim Verfolgen von Frau Merians Lebenslinien zustieß und bringt dadurch Abwechslung in diese ganz besondere Lebensgeschichte. Natürlich ist das Buch – um eine Ahnung zu geben, wovon da die Rede ist – auch mit einigen SchwarzWeiss- und Farbabbildungen illustriert.

In dem Buch „Maria Sibylla Merians Schmetterlinge“ hingegen bilden die Farbbildungen den Großteil des Inhalts, dort explodieren die Bilder förmlich. Wir Menschen des 21.Jahrhunderts sind es ja gewöhnt, von bunten Bildern umgeben zu sein, da beeindruckt einen nicht so schnell etwas. Wenn man aber die Aquarelle Merians sieht, erkennt man den Unterschied zwischen Buntheit und Farbe. Der britische Starzoologe George McGavin schreibt im Vorwort, dass er sich vorstellt, zusammen mit Maria Sibylla Merian einen Tropenwald zu erforschen: „Ich erzähle ihr gern, dass sich vieles von dem, was wir über Genetik, Physiologe, Verhalten und Ökologie wissen, der Insektenkunde verdankt. Ich glaube, sie hörte begeistert, dass die Geheimnisse der Insekten-Metamorphose und die komplizierten biochemischen Prozesse, die sie antreiben, heute enträtselt sind und dass ihre Passion eine etablierte Wissenschaft ist.“

Detail aus Maria Sibylla Merians Buch „Metamorphosis insectorum Surinamensium“

Kate Heard, leitende Kuratorin in der Kunstsammlung der britischen Königsfamilie, schreibt in der Einleitung zum Buch „Maria Sibylla Merians Schmetterlinge“ vom Leben und vom Wirken der außergewöhnlichen Frau und – sie als Fachfrau für Grafik, Zeichnung und Druck – macht die Leserschaft auch mit dem Handwerklichen von Merians Kunst vertraut: „Ihre Kunstfertigkeit ist heute noch so eindrücklich wie im 18.Jahrhundert.“ Berückend schön und gleichzeitig exakt ist für Heard nun das, was in einem kleineren Europa- und einem großen Surinam-Kapitel gezeigt wird. Nie ist das, was die Merian malt, eindimensional. Nie zeigt sie nur eine Blüte oder eine Frucht, ohne nicht auch Schmetterlinge mit ins Bild zu nehmen, diese nicht nur abbildend, sondern auch in ihrer Metamorphose, ihrer Verwandlung von der Raupe bis zum Falter darstellend: „Ich fand nur zwei dieser gelben Raupen, eine starb mir, die andere verwandelte sich am 20. April in eine grüne Puppe aus der ein sehr schöner, großer Schmetterling hervorkam.“ So knapp und karg notiert sie das, was sie dann mit der einmaligen, ihr zur Verfügung stehenden Kunst als Bild darstellt. Sie zeigt sich aber genauso enttäuscht, wenn aus einer seltsamen Raupe ein ganz gewöhnlicher Schmetterling hervorkommt.

Kurt Wettengl (Hg.): Maria Sibylla Merian. Künstlerin und Naturforscherin. 1647-1717. Hatje Cantz Verlag, Berlin 2013.
Dieter Kühn: Frau Merian! Eine Lebensgeschichte. S. Fischer Verlag, Frankfurt a.M., 2003 (Taschenbuch) und 2015 (E-Book).
Kate Heard: Maria Sibylla Merians Schmetterlinge (Übers. von Anke Albrecht). Gerstenberg Verlag, Hildesheim, 2017.

9.1.2017