YOU SAY YOU WANT A REVOLUTION?

The Beatles Illustrated Lyrics, "Revolution" 1968 by Alan Aldrige (c) Iconic Images, Alan Aldridge.The Beatles Illustrated Lyrics, "Revolution" 1968 by Alan Aldrige © Iconic Images, Alan Aldridge.

Die letzte Ausstellung des Victoria & Albert Museums in London unter dem Direktorat von Martin Roth. Dass ihm die Schau mit dem Untertitel „Records and Rebels 1966–1970“ besonders wichtig war, beschreibt er in einem sehr persönlichen Vorwort. Roth – Jahrgang 1955 – war nicht nur junger Zeitzeuge, sondern fühlte sich durch die Veränderungen gegen Ende der 1960er Jahre in der Bundesrepublik (und darüber hinaus) inspiriert.

Entstanden ist so etwas wie eine globale Milieustudie, ein Sittenbild, ein „Schnitt durch die Zeit“. Zeitlich konzentriert weiten sich die ausgebreiteten Themen in Opulenz vor einem aus – fast zu viel des Guten. Man findet sieben Abteilungen vor: „Revolution and youth identity“, „Revolution in the head“, „Revolution in the street“, „Revolution in consuming“, „Revolution in living“, „Revolution in communicating“ und „An on-going-revolution“.

Installation image for You Say You Want a Revolution? Records and Rebels 1966-70. Photo (c) Victoria and Albert Museum, London

Foto © Victoria and Albert Museum, London

Unter der Menge des wunderbaren Materials geht so manches Mal der Faden verloren, und man fragt sich, was man gerade verpasst haben mag. Aber vielleicht war das auch die falsche Herangehensweise. Also nochmal von vorn: Man bekommt am Anfang der Ausstellung Kopfhörer, die einem jeweils die passende Musik einspielen, und darin lag vielleicht auch die Idee, sich einfach treiben zu lassen und hie und da entdecken, wiedererkennen, nachempfinden zu können. Diese Erfahrung war großartig, aus der vermuteten Überinszenierung wurde schnell ein Kosmos, in dem man sich die Sterne aussuchen konnte, die man näher betrachten wollte.

Einige dieser Sterne wurden zu meinen Highlights, so gleich am Eingang eine große Wand mit Plattencovern der einschlägigen Bands der Zeit. Dass uns das Medium Schallplatte fast verloren gegangen ist, ist aus meiner Sicht nicht unbedingt zu bedauern – wir haben ja einen universellen Ersatz –, dass damit aber auch die grafische Qualität der Plattencovers verlorenging, das bleibt, angesichts der vorgeführten Qualität, ein wirklicher Verlust. CD-Cover oder Downloadillustrationen können diese 30 x 30 cm-Flächen nicht ersetzen, da verhält es sich ähnlich, wie mit kleinen und großen Formaten von gleichen Motiven bei Plakaten, manchmal ist eben mehr tatsächlich mehr!

Installation image for You Say You Want a Revolution? Records and Rebels 1966-70. Photo (c) Victoria and Albert Museum, London

Foto © Victoria and Albert Museum, London

Musik spielte eine zentrale Rolle als wesentlicher Ausdruck einer neuen Jugendkultur. Einzelne Musiker, wie Bob Dylan und Jimi Hendrix, werden besonders behandelt, ebenso wie die psychedelische Musikszene in San Francisco oder Gruppen, wie die Rolling Stones und die Beatles. Das Image der Musik wurde wesentlich über die Plattencovers und die Konzertplakate verbreitet. Die Bereitschaft zum Experiment zeigt sich hier zum Beispiel im Coverdesign der Beatles-Alben: Von „Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band“ (1967, Design von Peter Blake und Jann Haworth, Foto: Michael Cooper) bis zu dem 1968 von Richard Hamilton entworfenen Cover für das „White Album“. In der Ausstellung ist die Studiosituation zur Aufnahme nachgestellt, so wie es die Fotos zeigen, die im V&A aufbewahrt werden.

Die politische und gesellschaftliche Situation wird immer wieder deutlich thematisiert, um zu verstehen, wogegen sich diese neue Kultur eigentlich richtete, neben den verschiedensten Auslösern, die eher länderspezifisch waren, schwebt über allem der Protest gegen den Vietnamkrieg, dessen Brutalität wird mit Bildern und Videos, die noch heute die Schmerzgrenze berühren, thematisiert.

Auch Ausdruck des Anders-Sein-Wollens war die Mode. Auf der einen Seite Ausdruck einer eigenen Haltung, auf der anderen Seite auch schnell ein florierender Markt. Für den Plakatfreund in mir war auch hier ein Kleinod zu finden, ein Plakat „Posterdress“ verriet, wie man aus Plakaten tolle Papierkleider schneide(r)n kann!

Die Ausstellung zieht den Bogen über neues Design, technischen Fortschritt (Überschallflugzeug Concorde…), die Mondlandung bis hin zu den Anfängen der Computertechnik und ihren Folgen, die sich in einer neuen Industrie im „Silicon Valley“ manifestierten. Und mitten drin kann man die Bedeutung, die das Plakat in der pre-digitalen Ära hatte, nachvollziehen. Die Aufmerksamkeit in Bezug auf die Gestaltung und die Konsumierung bezeichnet wohl einen der großen Momente des Mediums.

Installation image for You Say You Want a Revolution? Records and Rebels 1966-70. Photo (c) Victoria and Albert Museum, London

Foto © Victoria and Albert Museum, London

Wie gesagt, die Ausstellung umfasst noch sehr viel mehr Aspekte. Dem symbolischen Höhe- und Endpunkt dieser Bewegung, dem Woodstock-Festival, ist ein großer Raum gewidmet. Auf drei Wänden laufen aus verschiedenen Perspektiven Ausschnitte von Aufnahmen der auftretenden Musiker, und nebenbei laufen kleinere Ausschnitte, die das Treiben der Zuschauer ins Auge nehmen. Ein sehr stimmungsvoller und lauter Abschluss der Schau.

Die Ausstellung führt politische, gesellschaftliche, kultur- und kunsthistorische Aspekte zusammen, um zu erklären, warum es in den 1960er Jahren eine derart globale Protestkultur gab, die mit Vehemenz nach neuen Wegen des Zusammenlebens suchte. Dabei waren die Ursprünge oder Anlässe in den einzelnen Ländern durchaus verschieden. England, USA, Frankreich, Deutschland werden betrachtet. Als Katalysator all dieser Bewegungen kann man die weltweite Ablehnung des Vietnamkrieges ansehen.

Foto © Victoria and Albert Museum, London

Weiterführende Texte finden sich im Katalog zur Ausstellung:
Broackes, Victoria –Geoffrey Marsh (Hrsg.): You Say You Want a Revolution? Records and rebels 1966-1970. Mit einem Vorwort von Martin Roth und Texten von Victoria Broackes, Alison J. Clarke, Howard Kramer, Jenny Lister. Geoffrey Marsh, Barry Miles, Jon Savage, Fred Turner und Sean Wilentz (George Henry Davis), London 2016.

Die Ausstellung „You Say You Want a Revolution?“ ist noch bis 26.2.2017 im Victoria & Albert Museum zu sehen.

René Grohnert ist Leiter des Deutschen Plakat Museums in Essen.