DIE FITZGERALDS

Ausschnitt aus dem Cover des Erzählbandes „Himbeeren mit Sahne im Ritz“ von Zelda FitzgeraldAusschnitt aus dem Cover des Erzählbandes „Himbeeren mit Sahne im Ritz“ von Zelda Fitzgerald (Manesse Verlag)

Wenn man mit Büchern lebt, merkt man oft, dass Fäden gesponnen werden, Personen da und dort vorkommen, Themen von dem einen oder der anderen angerissen werden. Sei es rein zufällig, sei es dadurch, dass der gleiche Zeitgeist über allen und allem weht. Nun sind es die Fitzgeralds – das Ehepaar Francis Scott Fitzgerald (1896-1940) und seine Frau Zelda Sayre (1900-1948), die im Mittelpunkt eines erneuten Interesses stehen, das sich in Übersetzungen, Romanen und literaturwissenschaftlichen Analysen manifestiert.

Zelda Fitzgerald (1919) und F. Scott Fitzgerald (1921)

Zelda Fitzgerald (1919) und Francis Scott Fitzgerald (1921)

„Ich weiß nicht, ob Zelda und ich real sind oder nur Figuren in einem meiner Romane“ schrieb Francis Scott Fitzgerald, der ja – unter anderem – durch seinen Roman „The Great Gatsby“ weltberühmt wurde. Auf Zelda wurde man zunächst einmal durch ihren exzessiven Lebenswandel aufmerksam. Obwohl ja sie auch schrieb, aber – weil das mehr einbrachte – unter dem prominenteren Namen ihres Mannes. Nun sind unter dem Titel „Himbeeren mit Sahne im Ritz“ Erzählungen von Zelda Fitzgerald erschienen, von Eva Bonné erstmals ins Deutsche übersetzt. Im Nachwort – welches man, wie so oft, eher vorher lesen sollte – macht die Literaturkritikerin Felicitas von Lovenberg mit Zelda bekannt, zitiert die Aussage von deren Tochter Frances „Scottie“ Fitzgerald, „es sei das Unglück ihrer Mutter gewesen, mit vielen Talenten geboren worden zu sein, zu schreiben, zu tanzen und zu malen, aber leider ohne die Disziplin, eine dieser Begabungen für anstatt gegen sich einzusetzen.“ Zum Schreiben war Zelda Fitzgerald sowohl durch ihren Mann gekommen – der sie weidlich einschlägig ausnutzte, indem er von ihr Geschriebenes in seinen Werken verwendete – als auch durch die Medien. Und ihr Schreiben fasziniert auch heute noch: Es sind fast immer Frauen, um die es in ihren Erzählungen geht, Männer spielen Nebenrollen. In ihrem ganz eigenen Stil, den die Übersetzerin perfekt einfühlsam ins Deutsche herüberholt, erzählt sie von der Sinnlichkeit ihrer Heldinnen „Sie wirkte so warm und feucht wie aus heißem Milchschaum geboren“, von deren Selbstbewusstsein, aber auch von Eigenschaften, die sie als Erzählerin erfindet, so ist zum Beispiel die sowohl zurückhaltende als auch abenteuerlustige Gay „sehr kaleidoskopisch“. Diese Frauen haben Geheimnisse, ihr Auftreten ist nur vordergründig strahlend, da gibt es schon Schatten. Unnachahmlich ist auch Zeldas Art, die Atmosphäre rund um ihre Heldinnen zu beschreiben, sei es die der vornehmen Hotels – „Als ich sie zum ersten Mal sah, saß sie im Japanischen Garten des Ritz und aß Himbeeren mit Sahne. Der kühle Klang von Brunnengeplätscher und Armreifenklirren hing in der Luft, eine dunstige Hochsommerstille dämpfte alle Gespräche…“ – oder auch die eines Ortes in den amerikanischen Südstaaten: „Brauner Schlamm steht zwischen den Pflastersteinen der Jackson Street, die sich melancholisch am Ufer entlangschlängelt, gesäumt von verfallenden Werften aus einer Zeit, als die Schifffahrt auf dem Fluss noch florierte…“

Buchcover: "Himbeeren mit Sahne im Ritz" und "Westlich des Sunset"

Stewart O’Nan, einer der großen, zeitgenössischen amerikanischen Autoren, beschreibt in dem Roman „Westlich des Sunset“ die letzten drei Jahre im Leben von Francis Scott Fitzgerald. Als Motto setzt O’Nan dessen Aussage voran: „In einem amerikanischen Leben gibt es keinen zweiten Akt.“ Dieses Leben, so wie es der Autor darstellt, hat nun gar nichts Glamouröses mehr: „Mit vierzig war er durch eine Reihe von Rückschlägen, die er als Pech betrachtete, zu einem Heimatlosen geworden.“ Er muss dem Erfolg hinterherlaufen, Zelda lebt schon längst in einer psychiatrischen Klinik, wo man ohne Erfolg versucht, ihre bipolaren Störungen zu bekämpfen. O’Nan liebt seine Helden, und er vermag seine Zuneigung auf die Leserschaft zu übertragen. Und er verwendet Originalzitate, so zum Beispiel den Brief Zeldas an ihre Tochter nach dem Tod des „armen Francis“: „Die Seele strebt danach, erkannt zu werden. Jetzt, wo er nicht mehr da ist, wird es die meinige nie wieder sein.“

Die britische – in Österreich lebende – Schriftstellerin Emily Walton siedelt ihren Roman „Der Sommer, in dem F. Scott Fitzgerald beinahe einen Kellner zersägte“ in Südfrankreich an, lässt den berühmten Autor dort noch einmal Erfolge feiern. Und doch beginnt sich in diesem Sommer des Jahres 1926 schon Fitzgeralds Niedergang anzukündigen. Die ungeteilte Aufmerksamkeit ist ihm nicht mehr sicher, die muss er sich von nun an mit Ernest Hemingway teilen.

Zurück zum „Großen Gatsby“, dem „Totentanz der Roaring Twenties“, wie der Schweizer Germanist und Schriftsteller Peter von Matt den Roman nennt, ihn zwischen einem „soziologisch messerscharfem Epochenporträt“ und einem „modernen Venusberg“ verortet und ihm einen „Sphinx-Charakter“ zuschreibt. Den Titelhelden aber sieht Matt als „Besessenen der Liebe, halb Don Quijote, halb Romeo“. All das schreibt er in einem Buch, das den Titel „Sieben Küsse“ trägt und den Untertitel „Glück und Unglück in der Literatur“. Peter von Matt hat sich schon einmal mit dem Gegenteil des Kusses auseinandergesetzt, mit dem „Liebesverrat“, da schrieb er über die Treulosen in der Literatur. Nun aber bringt er aus seinem großen Wissen Bedenkens- und Überlegenswertes natürlich aus dem Bereich der Literatur, aber auch der Musik und der Philosophie zum Thema Kuss vor, er baut die Szenerie auf, bis es dann endlich zu der einen Szene, „der“ Kuss-Szene – oder besser: zu den sieben Kuss-Szenen kommt. Und die findet er bei Virginia Woolf („Mrs. Dalloway“), Gottfried Keller („Sieben Legenden“), Franz Grillparzer („Der arme Spielmann“), Heinrich von Kleist („Die Marquise von O…“), Marguerite Duras („Moderato Cantabile“), bei Anton Tschechow („Der Kuss“) und – darum geht es ja hier – in „Der große Gatsby“ von F. Scott Fitzgerald. „Als seine Lippen auf ihre trafen, erblühte sie für ihn wie eine Blume, und die Inkarnation war vollkommen.“ Was ist dem noch hinzuzufügen? Nun ja, das englische Original: „At his lips’ touch she blossomed for him like a flower and the incarnation was complete.“

Zelda Fitzgerald: Himbeeren mit Sahne im Ritz. Erzählungen. Übersetzung Eva Bonné, Manesse Verlag, Zürich 2016.
Stewart O’Nan: Westlich des Sunset. Übersetzung Thomas Gunkel, Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, 2016.
Emily Walton: Der Sommer, in dem F. Scott Fitzgerald beinahe einen Kellner zersägte. Braumüller Verlag, Wien 2016.

Peter von Matt: Sieben Küsse. Glück und Unglück in der Literatur. Hanser Verlag, München 2017.

(5.2.2017)