„DIE LUSTIGE WITWE“ ALS KULTURPOLITISCHE SATIRE

Elin Rombo und Jeremy Carpenter in der „Lustigen Witwe“ in der Stockholmer OperElin Rombo und Jeremy Carpenter in der Stockholmer Produktion der „Lustigen Witwe“. Alle Fotos: © Markus Gårder / Kungliga Operan

Nebel wabern über dunkles Gestein, auf einer Klippe steht Brünnhilde und schmettert eine Arie… Ist man da in die falsche Vorstellung geraten? Auf dem Programm stand doch „Die lustige Witwe“ – oder vielmehr „Glada änkan“, denn man ist ja in der Stockholmer Oper.

Schon klopft der Dirigent ab, ein nervöser Herr in grauem Anzug hastet auf die Bühne, stellt sich als Operndirektor vor und teilt mit, dass die „Siegfried“-Premiere abgebrochen werden müsse, weil der Hauptdarsteller von plötzlicher Übelkeit befallen wurde. Das Publikum solle nach Hause gehen, und – nein – das Eintrittsgeld werde nicht rückerstattet, aber man möge doch bitte für eine andere Vorstellung Karten kaufen, Plätze gebe es immer genug.

Nach dieser Eingangsszene ist klar: Für die aktuelle Produktion der „Lustigen Witwe“ in der Königlich Schwedischen Oper wurde die Lehár-Operette gehörig umgekrempelt. Die Hauptverantwortlichen dafür heißen Henrik Dorsin und Ole Anders Tandberg. Dorsin, ein in Schweden sehr populärer Komiker, hat ein Textbuch geschrieben, das – zumindest auf den ersten Blick – mit dem Originallibretto von Victor León und Leo Stein nicht allzu viel zu tun hat; der renommierte norwegische Regisseur Tandberg zeichnet für die Inszenierung verantwortlich. Und, um es gleich vorwegzunehmen: die beiden haben ihre Sache großartig gemacht! Dorsin und Tandberg präsentieren das Werk als eine witzige Satire auf den zeitgenössischen Kulturbetrieb. Dabei geht es um Kommerzialisierung und Quotendruck, um Starkult und mächtige Sponsoren und auch um aktuelle Regieformen.

Die „Siegfried“-Szene, mit der in der Stockholmer Oper „Die lustige Witwe“ beginnt.

Die „Siegfried“-Szene, mit der in der Stockholmer Oper „Die lustige Witwe“ beginnt.

Henrik Dorsin spielt selbst den Opernchef, und dem macht nicht nur die Peinlichkeit der abgebrochenen „Siegfried“-Premiere zu schaffen. Denn das Theater steht vor dem Konkurs, der Aufsichtsrat fordert ein volles Haus, dem Direktor droht der Rausschmiss. Ein aufsehenerregender Erfolg wird dringend benötigt – und den soll eine Produktion der „Lustigen Witwe“ bringen. Engagiert werden dafür eine Operndiva, die durch zahlreiche Auftritte in Fernsehshows große Popularität genießt, und ein Regisseur, der mit seinen radikalen Inszenierungen ein Star der Avantgarde-Szene ist. Das Projekt scheint allerdings zunächst katastrophal schief zu laufen – auch deshalb, weil Diva und Regisseur einst ein Verhältnis miteinander hatten –, schließlich aber gibt es doch ein Happy End.

Dorsin hat für seine Operettenfassung zwar den Schauplatz der Handlung geändert und dem die jeweilige gesellschaftliche Position der Akteure angepasst – die Figurenkonstellation, die Beziehungen der einzelnen Personen zueinander, aber hat er eins-zu-eins aus dem Libretto von Léon und Stein übernommen. So entspricht dem Opernchef, der bei Dorsin Zetterberg heißt, im Original Baron Zeta, der in Paris tätige Botschafter des Kleinstaates Pontevedro. Er hat dafür zu sorgen, dass durch die Heirat der sehr reichen „lustigen“ Witwe Hanna Glawari mit einem Pontevedriner sein Land vor dem drohenden Bankrott gerettet werde. Geht es bei Zeta darum, jene Pariser Kavaliere, von denen Hanna umworben wird, außer Gefecht zu setzen, so hat sich der Stockholmer Zetterberg beim Engagement der Diva gegen die Konkurrenz der Operndirektoren aus Göteborg und Kopenhagen durchsetzen. Wie in der original „Lustigen Witwe“ gibt es auch in Henrik Dorsins Fassung ein komisches Faktotum namens Njegus – nur eben nicht in der Funktion eines Amtsdieners, sondern als Catharina Njegus, die Assistentin des Direktors. Auch Zetterbergs Ehefrau hat, so wie jene von Zeta, einen Geliebten, der noch einmal alles gründlich durcheinanderbringt: Ist es im Original Camille de Rosillon, mit dem sich Hanna Glawari zum Schein verlobt, so ist es in Dorsins Fassung der Veranstaltungsmanager Hermansson, der das Rennen um das Engagement der begehrten Operettendiva zu machen scheint. Die Grisetten, die im „Lustige Witwe“-Original dem Botschaftssekretär Danilo im Pariser Amüsierlokal „Maxim“ das Leben versüßen, mutierten in Dorsins Version zu einer Schar Assistentinnen, die den Regisseur in seinem Stammlokal, der Pizzeria „Maxim“, beflissen umschwärmen. Und wenn Léon und Stein ihrem Danilo die berühmten Zeilen schrieben: „Da geh‘ ich zu Maxim, dort bin ich sehr intim“ – so machte Dorsin daraus: „Då går jag till Maxim, tillsammans med mitt team“ („Da geh ich zu Maxim, zusammen mit meinem Team“).

Die Diva wird von Aufsichtsrat und Theaterdirektoren wegen eines Engagements bestürmt.

Die Diva wird von Aufsichtsrat und Theaterdirektoren wegen eines Engagements bestürmt.

Der einzige Schwachpunkt bei diesem Transferieren der handelnden Personen in ein anderes Ambiente ist es, dass Henrik Dorsin bei der Diva und dem Regisseur die Namen aus dem Original beibehalten hat. Während also alle anderen Figuren umbenannt wurden, heißen die Diva Hanna Glawari und der Regisseur Danilo Danilovitsch. Das irritiert, ist nicht schlüssig und passt nicht ins Gesamtkonzept des „Theaters im Theater“, in dem dann die Diva Hanna Glawari auch die Rolle der Witwe Hanna Glawari spielt. Im Übrigen aber ist die Sache sehr gut gelungen, auch was die Adaptierung der Gesangstexte betrifft. Da wird etwa aus dem „Weibermarsch“ ein „Divenmarsch“ und aus „Dummer, dummer Reitersmann“ ein „Dummer, dummer Regisseur“.

Zweimal bringt Henrik Dorsin in seine „Lustige Witwe“ unveränderte Original-Arien ein: Das eine Mal ist es das „Vilja-Lied“, das die Diva in der Inszenierung von Regisseur Danilo auf einer Müllhalde, umgeben von Obdachlosen, zu singen hat. Dieser Satire auf das karge Regietheater ist eine gegen die glitzernde Entertainment-Industrie gegenübergestellt: Denn für die Produktion von Veranstaltungsmanager Hermansson wird die Diva für ihr Auftrittslied auf eine funkelnde Showtreppe platziert.

Mit dieser Neufassung der „Lustigen Witwe“ haben die Verantwortlichen der Stockholmer Oper einen guten Griff getan. Die schwedische Kritik spendete der Produktion, die am 21. Jänner 2017 Premiere hatte, viel Lob, und das Publikum der durchwegs ausverkauften Vorstellungen ist begeistert. Das hat zum einen mit der hervorragenden Besetzung zu tun – allen voran Elin Rombo, die als Diva brilliert, und Miriam Treichl, die in der Njegus-Rolle beweist, dass sie nicht nur eine beeindruckende Sängerin, sondern auch eine großartige Komikerin ist. Zum anderen haben die Lachstürme des Publikums natürlich auch damit zu tun, dass Henrik Dorsin in sein Textbuch zahlreiche Anspielungen auf Persönlichkeiten aus dem schwedischen Kultur- und Gesellschaftsleben eingebaut hat. Und dass die Handlung mit einer verunglückten Aufführung von Wagners „Siegfried“ beginnt, sorgt nicht zuletzt deshalb für Amüsement, weil das Werk derzeit auf dem Spielplan der Stockholmer Oper steht.

Regisseur Danilo beim Einrichten der „Vilja“-Szene auf der Müllhalde.

Regisseur Danilo beim Einrichten der „Vilja“-Szene auf der Müllhalde.

An sich, so ist von Katarina Aronsson, der Chefdramaturgin des Hauses, zu erfahren, gehören Operetten nicht zum üblichen Repertoire der Königlichen Oper. Zur „Lustigen Witwe“ sei es gekommen, weil das Werk von der Osloer Oper als Gemeinschaftsproduktion angeboten worden war. Zwar sei Oslo dann wieder aus dem Projekt ausgestiegen – aber die Zusage von Regisseur Ole Anders Tandberg war für die Schweden Anreiz genug, die Sache alleine weiterzuentwickeln. Nach Oslo hätte die „Lustige Witwe“ in der Fassung von Henrik Dorsin übrigens sehr gut gepasst, da es dort eine bemerkenswerte historische Parallele gibt: Im Dezember 1906 war das Werk erstmals in Norwegen, im Osloer Nationaltheatret, gezeigt worden – und rettete die Bühne vor dem Konkurs. Denn die Saison 1905/06 war mit einem Defizit von rund 46.000.- Kronen abgeschlossen worden, 1906/07 aber bilanzierte man aufgrund des Erfolges der „Lustigen Witwe“ mit 58.000 Kronen Gewinn.

Man muss „Die lustige Witwe“ nicht unbedingt zur Gänze umschreiben. Das Werk ist auch heute noch im Originaltext durchaus spielbar – sofern nur mit Intelligenz, Inspiration und Ideen an die Sache herangegangen wird (was aber leider nicht allzu oft geschieht). Bewiesen haben das in den vergangenen Jahren Inszenierungen wie jene in Düsseldorf (2009, Regie Christian Brey und Harald Schmidt) und Genf (2010, Regie Christof Loy). Man muss also nicht umschreiben – wenn man es aber doch tut, dann kann man sich die Stockholmer „Glada änkan“ zum Vorbild nehmen!

Website der Königlich Schwedischen Oper, Stockholm.

(13.2.2017)