KUNST IN FAVORITEN

Detail aus der Fassade der Ankerbrot-FabrikFoto © AnnABlaU

FAVORITEN. So heißt der zehnte Bezirk Wiens, im Süden gelegen, seit 1874 eigenständig und mittlerweile der bevölkerungsreichste der Bundeshauptstadt. Die Industrialisierung im ausgehenden 19. Jahrhundert brachte es mit sich, dass sich in Favoriten zahlreiche Industrie-Betriebe ansiedelten, so etwa die Wienerberger-Ziegelfabrik, aber auch die Heller-Schokoladefabrik, die Imperial-Feigenkaffeefabrik und – damit sind wir am Ort des Geschehens – zwischen Puchsbaumgasse und Absberggasse die Ankerbrotfabrik.

DIE ANKERBROTFABRIK. 1891 wurde sie gegründet, seit 1993 ist der Anker das geschützte Markenzeichen. Um 1900 wurde der erste Teil der Anlage gebaut, die sukzessive bis 1925 erweitert wurde. Der Werbespruch: „Worauf freut sich der Wiener, wenn er vom Urlaub kommt? Auf Hochquellwasser und Ankerbrot“ war bis in die 1950er Jahre geläufig. Es folgten Fusionierungen, Verkäufe, bis im ausgehenden 20. Jahrhundert ein deutlicher Aufschwung erfolgte. Inzwischen hatte sich aber der Bezirk rundherum von einem Industrie- in einen Lebensbezirk verwandelt, der raue Charme Favoritens bekam eine neue Note. Nach wie vor wird in einem Teil der Fabrik Brot gebacken, der historische Teil des Areals aber wurde 2006 zum Verkauf angeboten.

Auf dem Gelände der Ankerbrotfabrik

Auf dem Gelände der Ankerbrotfabrik. Foto © AnnABlaU

DIE VISION. Was in den 1970ern in New York und Los Angeles begonnen hat, in Berlin und Hamburg (Speicherstadt) fortgesetzt wurde, wuchs sich zu einem weltweiten Trend aus und ist so auch in Wien angekommen: Die alte Bausubstanz der Industriearchitektur sollte erhalten bleiben und durch sparsame und maßvolle Sanierung einer neuen Nutzung zugeführt werden.
In dem Buch „Brot und Kunst“ beschreibt der Immobilienunternehmer Walter Asmus, der einschlägige Erfahrung mit verlassenen Industriegebäuden hat, die sehr wesentlich auf ihn zurückgehende Idee und Realisierung der Brotfabrik Wien. Wie es sich für einen Techniker gehört, bleibt die anfängliche Irritation über die Baukörper und deren Zustand genauso zurückhaltend wie die Freude, dass aus der anfänglichen Vision Realität hat werden können. Aus den Gebäuden unterschiedlicher Qualität und Struktur ist ein neues Kulturquartier entstanden. Und diese Entstehungsgeschichte ist äußerst spannend in dem Buch „Brot und Kunst“ nachzulesen. Da heißt das erste Kapitel passenderweise „Phönix aus der Asche“, das zweite widmet sich der Baugeschichte der Ankerbrotfabrik, im dritten wird die architektonische Revitalisierung zum Thema, im vierten wird erzählt, wie die diversen Kulturinstitutionen in die Brotfabrik eingezog: Ernst Hilger war 2009 mit der HilgerBROTKunsthalle der Pionier, es folgten die Galerie Ostlicht, Ressler Kunstauktionen, das Design- und Antiquitätengeschäft Lichterloh sowie 2012 die AnzenbergerGallery. Mittlerweile sind noch viele andere Nutzer nachgekommen, Penthäuser wurden errichtet, Community Cooking findet statt, Langzeitarbeitslose betreiben die Kantine in der Brotfabrik.

Auf dem Gelände der Ankerbrotfabrik

Foto © AnnABlaU

ANZENBERGERGALLERY. Regina Maria Anzenberger hat schon immer gezeichnet und gemalt, von Kind an auch fotografiert, ab 17 mit hohem Anspruch. Sie gründete 1989 eine Foto-Agentur, was damals in den Tagen des Falls der Berliner Mauer eine große Sache war und die Möglichkeit bot, im künstlerischen Bereich Geld zu verdienen. Fotografie, der Fotojournalismus, war anfänglich „nur“ ihr Beruf, die Kunst, die Malerei lief nebenbei. Das änderte sich, als die Fotografie begann, in den Kunstmarkt hineinzugehen. Zum 20-Jahr-Jubiläum der Agentur erschienen die Bücher „east“ und „west“, im Anschluss daran richtete sie regelmäßig Ausstellungen ein. In die Brotfabrik ist Anzenberger durch Zufall gekommen, die anfänglichen Bedenken – bedingt auch durch die Größe der Räume – konnte sie zerstreuen und so gründete sie 2012 die Galerie.

Regina Maria Anzenberger in ihrer Galerie

Regina Maria Anzenberger in ihrer Galerie. Foto © K. Holzer

Die Linie hat sich im Lauf der Zeit ergeben, sie entwickelt viele Projekte rund um zeitgenössische Fotografie: Vorträge und Workshops, eine Masterclass. Letztere dauert zehn Monate und bildet durch die Gastlektoren aus ganz Europa eine Basis für die internationale Vernetzung der Teilnehmer. Ein Bookshop wurde integriert, der lieferte die Voraussetzungen für das „Vienna Fotobook Festival“ und regelmäßige Workshops zum Gestalten von Fotobüchern. Und nun also, zum fünften Jahrestag der Galeriegründung die Ausstellung „Durchatmen“. Der Titel entstand dadurch, dass Anzenberger endlich einmal Eigenes zeigen wollte, denn ihre persönliche künstlerische Tätigkeit musste ja in den letzten fünf Jahren hinter dem Betreiben der Galerie, dem schnöden Geldverdienen zurückbleiben. So kommt sie nun endlich dazu, ihre Arbeiten zu zeigen, ihre ganz spezielle Art und Weise, Fotografie mit Malerei zu verbinden. Sie sucht gleich beim Fotografieren nach Motiven, nach Bildern, in denen sie weiterzeichnen, weitermalen kann.

Infos über die Brotfabrik sind auf deren Website  zu finden. So zum Beispiel, dass am 15. März 2017, von 18.00 bis 21.00 Uhr, ein „Gallerywalk Tag“ stattfindet.
Das Buch „Brot und Kunst“ kann über die Loft City GmbH & Co KG unter office@loftcity.at bestellt werden.
Website der AnzenbergerGallery.

(1.3.2017)