DER TOLLE FÜRST PÜCKLER-MUSKAU

„Was zu der dullness der englischen Gesellschaften viel beiträgt, ist die hochmütige Weise, nach welcher Engländer (wohl zu merken in ihrem eignen Lande, denn abroad sind sie zuvorkommend genug) nie einen Unbekannten anreden, und wenn man sie auf diese Weise anspricht, sie es fast wie eine Beleidigung markieren. Sie machen sich zuweilen selbst darüber lustig, ohne doch jemals anders zu handeln, wenn sich die Gelegenheit dazu darbietet“. So berichtete Hermann Fürst Pückler-Muskau seiner geschiedenen Frau Lucie von seiner ausgiebigen Englandreise, die er zwischen 1826 und 1829 unternahm.

Zweieinhalb Jahre lang reiste der Fürst zwecks Brautschau durch England und Irland, absolvierte hunderte Visiten bei potentiellen Schwiegereltern – eine Hochzeit aber wollte nicht zustande kommen. „Man öffnet mir die Häuser und Parks, aber ihre Töchter verschließen sie vor mir“, beklagte er sich in einem seiner vielen Briefe. Das Pikante an der Sache war, dass Pückler-Muskau diese Schreiben, in denen er ausführlich über seine Heiratsbemühungen berichtete, an seine Ex-Frau schickte – der „teuersten Freundin“, „geliebten Guten“, der er immer wieder „treue Liebe bis in den Tod“ schwor.

Muskau, um 1833 (alle Illustrationen von August Wilhelm Schirmer)

Muskau, um 1833 (alle Illustrationen von August Wilhelm Schirmer)

Es war keine Ehekrise gewesen, die zur Scheidung der beiden geführt hatte, sondern ein Plan zur Sanierung der gemeinsamen Finanzen. Denn das Ehepaar stand vor dem Bankrott. Schuld daran waren der aufwändige Lebensstil – „Übrigens ist es allerdings ein Unglück, dass wir beide geborene Verschwender sind“, vermerkte Pückler-Muskau in einem seiner Briefe an Lucie – und vor allem die überaus kostspielige Ausgestaltung des fürstlichen Anwesens. Mit dem Umbau des südöstlich von Cottbus, direkt an der Neiße gelegenen Schlosses Muskau war 1819 einer der bedeutendsten und wohl auch teuersten Architekten jener Zeit betraut worden, nämlich Karl Friedrich Schinkel. Rund um das Schloss sollte ein riesiger Landschaftsgarten entstehen, für den Pückler das gesamte Umland aufgekauft hatte. Riesige Kredite mussten dafür aufgenommen werden, für deren Rückzahlung, wie sich bald herausstellte, weder das fürstliche Erbe noch Lucies beträchtliches Vermögen ausreichten.

Die vermeintlich rettende Idee kam, so berichten die Pückler-Biografen, von Lucie: Das Paar solle sich – pro forma – scheiden lassen, damit sich der Fürst in England, wo es genügend reiche Adelsfamilien gab und man, wie Lucie annahm, vermutlich nichts von der misslichen finanziellen Lage der Pücklers wusste, eine möglichst wohlhabende Tochter aus gutem Hause finden könne. Mit dieser wollte man dann eine Art Ehe zu dritt führen. Der scheinbar geniale Plan war allerdings nicht lange geheim zu halten, denn immerhin war die Scheidung derart bekannter Persönlichkeiten – Lucie war die Tochter des preußischen Staatskanzlers Hardenberg – eine Angelegenheit, die sich rasch herumsprach. Außerdem waren die Eskapaden Pückler-Muskaus ohnehin seit Jahren eines der Lieblingsthemen der Zeitungen und Gegenstand von Klatsch und Tratsch in Salons von Berlin und Dresden. Der „tolle Pückler“ faszinierte die Zeitgenossen mit seinem dandyhaften Auftreten, seiner bedenkenlosen Geldverschwendung, seinen zahlreichen Duellen, mit Extravaganzen, wie jenem Gespann von vier gezähmten Hirschen, von dem er sich durch Berlin kutschieren ließ, und mit Abenteuern, wie der spektakulären Fahrt in einem Heißluftballon. Natürlich wurde auch über die Hintergründe für die Scheidung des Fürsten und über seine Chancen auf eine reiche englische Braut ausführlich diskutiert – und als er im Oktober 1826 in London ankam, wusste man auch dort bereits über seine Absichten Bescheid. Das erhöhte zwar Pücklers Sensationswert, und der Fürst war begehrter Gast bei allen gesellschaftlichen Ereignissen – seine Brautschau aber blieb erfolglos.

Anfang 1829 reiste Hermann Pückler-Muskau wieder nach Hause. Was aber zunächst wie ein Fiasko aussah – über das sich die preußische Gesellschaft auch weidlich lustig machte – wurde zum unerwarteten Triumph. Denn Lucie hatte auf Anregung des Schriftstellers Karl August Varnhagen von Ense Pücklers Briefe aus England und Irland redigiert und als Buchedition unter dem Titel „Briefe eines Verstorbenen“ herausgegeben. Der nur wenige Monate nach der Heimkehr des Fürsten erschienene Band wurde zu einem Sensationserfolg, der nur zu einem geringen Teil mit der Neugier auf Details zur Pücklerschen Brautschau zu tun hatte. Denn die meisten diesbezüglichen Briefstellen hatte Lucie ohnehin gestrichen. Das Besondere und Interessante an den Texten waren Pücklers sehr genaue Beschreibungen nicht nur der englischen und irischen Landschaften, sondern auch der gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse. „Ein für Deutschlands Literatur bedeutendes Werk“, lobte Johann Wolfgang von Goethe die „Briefe eines Verstorbenen“ in einer ausführlichen Rezension, in der er vor allem auf die „meisterhaften“ Schilderungen verwies: „Man kann sich’s nicht anders denken, als habe er, die Gegenstände unmittelbar vor Augen, sie mit der Feder aufgefasst“.

Muskau, um 1833 (alle Illustrationen von August Wilhelm Schirmer)

Pücklers Briefe wurden zum Bestseller, und bald nach der deutschen Ausgabe erschienen auch Übersetzungen ins Englische und Französische. Besonders gut kam das Buch in den Vereinigten Staaten an, wo innerhalb weniger Wochen acht Auflagen verkauft waren. „Natürlich sind die Yankees von Ihrer Schilderung Englands entzückt“, schrieb die Übersetzerin an Pückler. Die englische Kritik hingegen war zum Großteil „not amused“. Denn Pückler-Muskau hatte nicht nur mit oftmals gehöriger Ironie die Schrulligkeiten der englischen Adelsgesellschaft beschrieben, sondern sich auch mit heiklen Themen, wie etwa die Ausbeutung der irischen Bevölkerung durch die englischen Großgrundbesitzer, auseinandergesetzt: „Ich habe hier Elend gesehen, das nie während der Leibeigenschaft in Deutschland erhört worden ist, und in den Ländern der Sklaverei kaum seinesgleichen finden möchte.“ Englische Zeitungen wetterten daraufhin über die „unfassbare Ignoranz und Arroganz“ Pücklers, dessen Namen sie zu „Pickle and Mustard“ verballhornten, und auch Charles Dickens griff die Angelegenheit in seinen „Pickwick Papers“ auf, wo er Pückler als geschwätzigen, schlechtes Englisch sprechenden „Count Smorltork“ karikiert.

Mit den „Briefen eines Verstorbenen“ wurde Hermann von Pückler-Muskau zu einem der ersten deutschsprachigen Reiseschriftsteller modernen Stils. Ohne das bis dahin übliche Pathos, ohne Verklärung und Rückwärtsgewandtheit beschrieb er objektiv und kritisch aktuelle Zustände. Den Reisebriefen aus England und Irland folgten einige Jahre später Berichte von Reisen durch Nordafrika, Griechenland und die Türkei. Auch diese fanden breites Publikumsinteresse, und Pückler-Muskau konnte stolz vermerken, dass er mit seinen Büchern mehr verdient habe als Goethe mit den seinen. Das Geld verwendete er vor allem zur Ausgestaltung seiner Parks. Die Anlage in Muskau, die sich über die Neiße hinweg erstreckte und heute zu zwei Drittel in Polen liegt, wurde zu einem größten Landschaftsgärten Mitteleuropas. 1846 übersiedelten Pückler-Muskau und Julie in das bei Cottbus gelegene Schloss Branitz, und auch dort ließen sie einen Park anlegen, der bis heute als einer der „perfektesten aller englischen Gärten außerhalb Englands“ gilt. Obwohl er von den Parks, die er in England gesehen hatte und die er in seinen Briefen ausführlich beschreibt, stark beeinflusst war, entwickelte Pückler-Muskau einen eigenen Stil der Gartengestaltung, den er in einem weiteren Bestseller, den „Andeutungen über Landschaftsgärtnerei“, ausführlich darlegte. Seine Prinzipien der Betonung der heimischen Pflanzenwelt, der Rücksichtnahme auf die vorhandenen Geländeformen und des Vermeidens allen drastischen Zurechtstutzens und -biegens der Gewächse waren in jener Zeit, die stark von der Vorliebe für alles Exotische und der Idee der absoluten Beherrschbarkeit der Natur geprägt waren, etwas vollkommen Neues.

Muskau, um 1833 (alle Illustrationen von August Wilhelm Schirmer)

 Hermann von Pückler-Muskau war zweifellos einer der erfolgreichsten Autoren des 19. Jahrhunderts und auch zu Beginn des 20. wurden seine Werke noch vielfach aufgelegt. Dann aber passte er nicht mehr in die ideologischen Konzepte seiner Heimat: Weder für die Nationalsozialisten, die seine Bücher wegen der zahlreichen philosemitischen Äußerungen aus den Regalen entfernten, noch für die Kulturverantwortlichen der DDR, die den preußischen Fürsten lediglich in Zusammenhang mit der nach ihm benannten Eiskreation – Erdbeer-Vanille-Schokolade – genießbar fanden. Erst in den letzten Jahrzehnten wurde das zu Unrecht vergessene Werk Pückler-Muskaus wiederentdeckt – und die lange Zeit durch die Neiße als Staatsgrenze geteilten Parkteile in Muskau verbunden und 2004 in die Welterbeliste der UNESCO aufgenommen. Und auch Schloss Branitz ist mit seinem Park und einem vielfältigen Veranstaltungsprogramm mittlerweile ein attraktives Besuchsziel geworden.

Website des Fürst Pückler Parks in Muskau
Website von Park und Schloss Branitz samt Pückler-Museum
Die „Briefe eines Verstorbenen“ sind im Internet in der Textsammlung „Projekt Gutenberg“ zu finden.