AMSEL, DROSSEL, FINK UND STAR …

BlaumeiseBlaumeise. Alle Fotos © Konrad Zobel

Die Vögel. Jetzt hören und sehen wir sie wieder. Und ja, wir essen sie auch. Ansonsten aber wissen wir viel zu wenig über sie. Somit ist es ein Glücksfall, dass in letzter Zeit eine größere Anzahl von Büchern über Vögel erschienen ist. Darin wird zum Beispiel erkundet, wie es ist, ein Vogel zu sein, die lateinischen Namen werden genannt. Ein Band bringt eine Vogelkunde der ganz besonderen Art, ein Sprachkünstler reiht literarische Stücke hintereinander, ein Germanist hat sich darangemacht, die Bezeichnungen der Lautäußerungen der Vögel – als einen aussterbenden Wortschatz – aufzuzeichnen, zwei Schweden erkunden in einem ganz speziellen Tagebuch das Vogeljahr in ihrer Heimat, ein Bild-Text-Band handelt davon, wie ein kleiner Vogel eine Familie rettete und eine japanische Autorin versenkt sich still und leise in das Leben zweier Brüder, das nur um die Vögel zu kreisen scheint.

  • Rotkehl-Hüttensänger

Die beiden ersten Bücher kommen aus dem englischen Sprachraum. Allein die Bezeichnung „Birder“ für jemanden, der Vögel beobachtet, ist so typisch und kann aus vielerlei Gründen nicht ins Deutsche übertragen werden. Somit ist die Begeisterung für den Band „Die Sinne der Vögel oder Wie es ist, ein Vogel zu sein“ gerade im englischen Sprachraum verständlich: Naturbuch des Jahres, Naturgeschichtsbuch des Jahres, Vogelbuch des Jahres. Das sind nur einige Auszeichnungen, die der britische Verhaltensökologe und Ornithologe Tim Birkhead für sein Buch erhielt. Die Faszination erschließt sich auch in der deutschen Übersetzung von Monika Niehaus, wenn da die Rede von einem Mauersegler ist, „der sich an der Spitze eines langen Schreis materialisiert“, oder von einem tropischen Vogel, der „wie ein Spritzer glühender Lava inmitten des tiefgrünen Laubs“ erscheint.
Untersuchen Menschen die Sinne der Vögel, gehen sie primär von der eigenen Spezies aus, erkennen zuerst einmal Ähnlichkeiten und Unterschiede. Natürlich sehen und hören Vögel, aber sie riechen, schmecken und tasten auch. Sie zeigen Gefühle, sie haben Fähigkeiten, von denen wir Menschen uns keine Vorstellung machen können: So etwa, mit einem Auge schlafend zu fliegen, sich über tausende Kilometer zurecht zu finden, ahnen zu können, wenn von weither ein Regen naht oder zu wissen, wann es an der Zeit ist, so viel Nahrung wie möglich aufzunehmen, um Kraftreserven für die weiten Flüge zu haben. Es war ein langer Weg, den die Vogelkunde hat zurücklegen müssen, Irrwege sind da genauso zu finden wie plötzliche fantastische Ideen. Das Forschen aber nimmt kein Ende. Davon wird noch die Rede sein.

Der Amerikaner Roger Lederer ist ebenfalls Ökologe und Ornithologe und hat zusammen mit Carol Burr, einer begnadeten Illustratorin, den Band „Latein für Vogelbeobachter“ herausgebracht. Die beiden haben bereits ein Buch mit dem Titel „Latein für Gärtner“ herausgebracht, und sie verstehen es, dorthin zu führen, wo eine weltweite Verständigung möglich ist, also die lateinischen Begriffe, auf die man sich in der Wissenschaft geeinigt hat, zu benennen und auch zu begründen. Denn, so leicht es sein mag, Amsel, Drossel, Fink und Star von einer Sprache in die andere zu übersetzen, so kompliziert kann es dann beim Eckschwanzsperber (Accipiter striatus), beim Goldohr-Honigfresser (Meliphaga lewinii) oder beim Gelbschwanz-Rußkakadu (Calyptorhynchus funereus) werden. Von Lederer erfährt man, woher all die lateinischen und griechischen Bezeichnungen kommen, mit denen die Ornithologie versucht, Ordnung in diese Vielfalt zu bringen.

  • Rotkardinal

Die Brüder Jürgen und Thomas Roth, Germanist und Schriftsteller in Frankfurt der eine, Historiker im Rheinland der andere, beide Vogelkundschafter von Kindesbeinen an, legen mit „Kritik der Vögel“ ein ganz eigenartiges Buch vor. Verspricht der Untertitel noch „Klare Urteile über Kleiber, Adler, Spatz und Specht“, so wird man im Folgenden mit einem Vogelkonzert mit über 40 Teilnehmern konfrontiert. Da zwitschert und gurrt, tschilpt und kräht es aus Leibeskräften, die Brüder scheinen aus einschlägigen literarischen und anderen Medien all das zusammengetragen zu haben, was Menschen je über Vögel äußerten. Dazu taten sie – ohne ihr Licht unter den Scheffel zu stellen – das Ihre dazu und gliederten all das säuberlich in Kapitel, beginnend mit der Taube und endend mit dem Dodo. Das ruhigste an dem Buch sind die Illustrationen von F.W. Bernstein. Da halten die Vögel ganz still.
„Kein Tier ist schwerer zu malen als ein Vogel“, heißt es einmal bei Bastian Schneider. Er ist das genaue Gegenteil der bramarbasierenden Roth-Brüder. Sein Buch heißt „Vom Winterschlaf der Zugvögel“. Schneider, geboren in Nordrhein-Westfalen, lebt in Wien und nahm voriges Jahr am Wettbewerb um den Ingeborg-Bachmann-Preis teil. „Literarische Stillleben“ nannte eine Jurorin, das, was er dort las. Und genauso kann man auch seine Texte bezeichnen, die er da jetzt versammelt. Es ist eine Freude, die Vogelspuren darin zu verfolgen. Er beginnt mit Hühnerfedern in der geheimen Holzkiste seines Kinderzimmers und endet mit den Schwalben und deren Verbleib im Winter. Bastian Schneider beobachtet genau, um das Beobachtete dann weiter zu spinnen, weiter zu denken. Ohne aber je auszuufern. Und natürlich weiß er auch etwas Bewegendes über sein Verhältnis zur Amsel zu sagen: „Sie gewährt Einlass in den Traum wie ins Wachen. Aber immer nur halb, sie singt am schönsten in der Dämmerung, wenn ich noch nicht und nicht mehr bei mir bin und mir deshalb am nächsten.“

  • Amsel

Die Amsel pfeift und flötet, aber sie schackert auch und dackt. Stellt Peter Krauss, Germanist, Romanist, Jazzpianist, Übersetzer und Sinologe fest. Seinem Handwörterbuch der Vogellaute gab er den Titel „Singt der Vogel, ruft er oder schlägt er?“ Er hat darin rund 300 Bezeichnungen für die Lautäußerungen von ungefähr 200 Vögeln – von Adler bis Zwergschnepfe – aus den verschiedensten Quellen zusammengetragen. Nebenbei erwähnt er auch einiges, was Vögel als kulinarische Delikatesse ausmachte. Und schreibt, dass vor Schallplatte und Radio die Musik in vielen Familien „aus dem Vogelbauer kam, wo man vor allem Finken hielt, die dressiert waren, ihren Gesang bis zu achthundert Mal zu wiederholen.“ Der pensionierte Deutschlehrer erzählt zwischen all dem Wissenschaftlichen dann auch noch einschlägige, zum Teil recht witzige, Anekdoten. Um noch einmal auf die Amseln zurückzukommen: Da stellt er die Frage, ob die wirklich deswegen singen, weil es heller und wärmer wird oder sie Sehnsucht nach den Partnern haben und meint dann, „dass die vornehmlich zu ihrem eigenen Vergnügen singen und keinen besonderen Grund dazu brauchen.“ Was unbedingt noch erwähnt werden muss, sind die Abbildungen in dem Buch: zauberhaft altmodische Aquarelle.

  • Schwefeltyrann

Tomas Bannerhed ist Schriftsteller, und das merkt man gleich an den ersten Sätzen des Buches „Ein Vogeljahr in Schweden“. Er beginnt im schwarzweißen schwedischen Winterwald mitten in der Nacht. Und mit den ersten Sätzen zieht er einen in sein ganz besonderes Tagebuch hinein. (Er hat mit dem Titel „Die Raben“ schon einen Roman über einen leidenschaftlichen Vogelbeobachter geschrieben.) Ein Tagebuch also, in dessen Mittelpunkt die schwedische Vogelwelt steht. Voll mit Beobachtungen, Reflexionen und Assoziationen. Voll Gefühl, aber auch mit leiser Ironie. Auch Bannerhed ist einer, der unter den vielen Vögeln, über die er eine Unmenge weiß, zur Amsel eine ganz besondere Beziehung hat. „Sie rackern und schleppen sich mit dem Futter ab, Weibchen und Männchen, jeder Vogel für sich, nicht die kleinste Zärtlichkeit oder Pause, nicht einmal Schattengesang, nur diese ständige Jagd nach Nahrung für die hilflosen Kleinen.“ Bannerhed muss einfach alles geben, was ein Schriftsteller und Vogelbeobachter zum Thema Vögel in Schweden zu sagen hat, denn da ist auch noch Brutus Östling, der Fotograf. Dessen Bilder sind einfach großartig. Allein der Rabe, der am Ende des Buches abgebildet ist. Beim Betrachten dieses Bildes spürt man die Faszination, die dieser Vogel immer schon ausgeübt hat.

Penguin Bloom ist ein Vogel und Titelheld eines Buches. Als solcher stellt er wohl einen der fotogensten Vögel dar, die zurzeit auf dem Buchmarkt zu finden sind. Die beiden Australier Cameron Bloom und Bradley Trevor Greive haben mit „Penguin Bloom“ einen Text-Bild-Band geschaffen, dessen Bilder zuerst einmal verblüffen, faszinieren, staunen machen. Es ist unwahrscheinlich, in welchen Situationen sich die Elster Penguin fotografieren ließ. Was den Text betrifft, verspricht der Untertitel „Der kleine Vogel, der unsere Familie rettete“ reichlich Sentiment. Und dieses Versprechen wird voll und ganz eingehalten.

  • Steinkauz

Yoko Ogawa dosiert Gefühl äußerst sparsam. Sie ist eine der wichtigsten zeitgenössischen japanischen Autorinnen und hat ein Buch geschrieben, das viel von dem enthält, was für uns Japan ausmacht. Und es gibt ja nichts Beglückenderes, als in ein Klischee hineinzufallen, das rundherum stimmt. „Der Herr der kleinen Vögel“ ist ein stilles, unaufgeregtes, ganz und gar entschleunigtes Buch. Es handelt von zwei Brüdern. Der ältere spricht eine ganz eigenartige Sprache, die sich noch am ehesten mit dem Zwitschern der Vögel assoziieren ließe. Niemand, außer seinem jüngeren Bruder, der ihn betreut, versteht ihn. Es ist ein eintöniges Leben, das die beiden führen, vom morgendlichen Teetrinken bis zum abendlichen Radiohören. Aber es ist nie eintönig erzählt. Schon allein deswegen nicht, weil nahezu auf jeder Seite von Vögeln die Rede ist, wie sie singen und schweigen, wegfliegen und wiederkommen. Zuerst versorgt der ältere Bruder die große Voliere gleich neben dem Kindergarten, als er stirbt, übernimmt der jüngere diese Tätigkeit mit genau derselben Hingabe. Die Autorin lässt nur wenige Menschen am Leben der beiden Männer teilhaben. Eine Bibliothekarin, bei der er sich ein Vogelbuch nach dem anderen ausleiht, wäre wohl die Richtige für den jüngeren gewesen, aber sie verabschiedet sich mit einem leisen „Sayonara“. Daraufhin schrumpft Welt des Mannes immer mehr zusammen, um dann noch einmal in der Sorge um einen kleinen, verunglückten Vogel Sinn zu bekommen. Yoko Ogawa macht den Gesang der Brillengrasmücke zum Leitmotiv ihres Buches. Den kann der jüngere Bruder perfekt nachahmen. Als von ihm eine Rede erwartet wird, stimmt er das Zwitschern dieses Vogels an und am Ende lehrt auch noch ein Vogeljunges von ihm diesen Gesang. So zurückhaltend, wie Yoko Ogawa diese Geschichte erzählt, kann überhaupt nie Sentimentalität aufkommen.

Gleich zu Beginn war davon die Rede, dass das Forschen rund um das Leben der Vögel immer weiter geht. So wird im Mai unter dem Titel „Die Genies der Lüfte“ die deutsche Fassung von „Genius of Birds“ herauskommen, in dem Jennifer Ackerman über die erstaunlichen Talente der Vögel schreibt. Diesem Buch eilt schon ein toller Ruf voraus: „Best Science Book of 2016“, „Best Book of the Year“ und „Nature Book of the Year“. Man kann gespannt sein!

  • Singammer

Ein herzlicher Dank geht an Konrad Zobel, von dem die Fotos in diesem Beitrag stammen und der sie freundlicherweise für die Veröffentlichung zur Verfügung gestellt hat.

Tim Birkhead: Die Sinne der Vögel oder Wie es ist, ein Vogel zu sein. Mit Zeichnungen von Katrina van Grouw. Springer-Verlag, Berlin 2015.
Roger Lederer & Carol Burr: Latein für Vogelbeobachter. DuMont Verlag, Köln 2015
Jürgen Roth & Thomas Roth: Kritik der Vögel. Aufbau Verlag, Berlin 2017.
Bastian Schneider: Vom Winterschlaf der Zugvögel. Sonderzahl Verlag, Wien 2017
Peter Krauss, Judith Schalansky (Hg.): Singt der Vogel, ruft er, oder schlägt er? Verlag Matthes & Seitz,  Berlin 2017
Thomas Bannerhed / Brutus Östling: Ein Vogeljahr in Schweden. btb-Verlag, München 2016
Cameron Bloom & Bradley Trevor Greive: Penguin Bloom. Albrecht Knaus Verlag, München 2016
Yoko Ogawa: Der Herr der kleinen Vögel. Aufbau Verlag, Berlin 2017.
Jennifer Ackerman: Die Genies der Lüfte. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2017