„EINIGES ÜBER DAS RECHT IM TOURISTENLEBEN“

Ausschnitt aus einem Plakat für das Bahn- u. Post-Hotel Hirsch in Spondinig (Trentino), entworfen von Eduard Weber, um 1910Ausschnitt aus einem Plakat für das Bahn- u. Post-Hotel Hirsch in Spondinig (Trentino), entworfen von Eduard Weber, um 1910

Als sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts die moderne Freizeit- und Tourismuskultur zu entwickeln begann, brachte dies auch eine Reihe von juristischen Fragen mit sich. Wie weit sollte der Staat in diesen Bereich eingreifen, wo waren gesetzliche Regelungen notwendig, welche Vorschriften waren sinnvoll, welche übertrieben? Ein Experte für das Thema war der Brünner Jurist Wilhelm Bloch. 1903 veröffentlichte Bloch – im Privaten ein begeisterter Alpinist – dazu in der „Österreichischen Touristen-Zeitung“ unter dem Titel „Einiges über das Recht im Touristenleben“ einen umfangreichen Artikel. In so manchen Details ist der Text, wie die folgenden Ausschnitte zeigen, auch heute noch durchaus aktuell.

„Hat der Staat ein Recht, Vorschriften und Gesetze zur Hintanhaltung von Unglücksfällen auf Bergtouren zu erlassen? Es ist dies eine Frage, über welche sich viel schreiben und sprechen ließe. Es geht zunächst nicht an, daß, da doch der Wege, Berge und Orte unzählige sind, die eminente Gefahren für das Leben und die Gesundheit der Touristen haben, daß der Staat alle diese gefährlichen Orte derart mit Sicherheitsmitteln versehe, daß kein Unglück geschehe; und ebensowenig der Staat dem Selbstmord-Kandidaten das Aufhängen und Sichertränken verbieten kann, ebensowenig vermag er das Erklimmen gefährlicher Wände, Besteigen von Bergen durch Kamine und dergleichen zu verbieten. Es ist dies Sache eines jeden Einzelnen. Für den Einen mag die Besteigung dieser oder jener Wände ein gefahrloses, für den Anderen ein gefährliches Unternehmen sein. Der Eine traut sich die Fähigkeit und die Eigenschaft zu, den Ortler auf der gefährlichsten Stelle zu besteigen, ohne in Wirklichkeit die Eigenschaften zu besitzen. Wer vermag es zu untersuchen und zu bestimmen, ob er Recht hat oder nicht?

Es wäre auch unmöglich, jeden Touristen, bevor er sich auf die Tour begibt, durch eine Polizeikommission untersuchen zu lassen, ob er ordentlich ausgerüstet ist, denn mit gleichem Rechte könnte man auch verlangen, daß Jedermann, wenn er zur Winterszeit bei 18 Grad Kälte einen Spaziergang ins Freie unternimmt, sich erst bei einem Polizeikommissär vorstelle und ihm beweise, daß er doppelt gesohlte Schuhe mit Filzeinsatz, einen warmen Pelz und Pulswärmer habe und daher vor dem Erfrieren geschützt sei. Soweit kann die Staatsaufsicht nicht platzgreifen. Zudem nehmen Jahreszeit und plötzliche Aenderungen in den Witterungsverhältnissen Einfluß auf Sicherheit und Gefährlichkeit, Umstände, welche der vorsichtigste und tüchtigste Tourist nicht voraus bestimmen kann. Daher müssen alle darauf hinzielenden Bestrebungen, daß der Staat Vorschriften zur Hintanhaltung von Unglücksfällen auf Bergen erlasse, insbesondere soferne sie die persönliche Eignung und die Ausrüstung der Touristen betroffen, als zweck- und aussichtslos erklärt werden. Wer sich in eine Gefahr begibt, und der Gefahren sind ja nicht bloß auf den Bergen, sondern allenthalben, der hat hiefür allein die Verantwortlichkeit zu tragen. Das Einzige, was Pflicht des Staates oder Landes wäre, ist, daß sie ausgiebig für tüchtige Bergführer, sowie für Einrichtungen Vorsorge treffen, daß bei wirklichem Eintritt von Lebensgefahr rasche und sichere Hilfe am Platze sei.

Der Tourist hat ferner in Hotels und Gasthäusern Anspruch auf Unterkunft und Verpflegung zu bürgerlichen Preisen, und jene Unternehmer, die diesen Prinzipien nicht huldigen, schaden sich nur selbst. Leider haben wir schon wiederholt diesbezüglich traurige Erfahrungen gemacht, und es mehren sich allenthalben die Klagen, daß Wirte und Hoteliers den Touristen, wie man zu sagen pflegt, „übers Ohr hauen“. Ist uns doch bei unserem letzten Ausfluge die allerdings nicht der Komik entbehrende Affaire passiert, daß der Wirt in dem Momente, da wir uns zu Tische setzten, die aufliegende Speisekarte wegnahm und sie nach einer Weile mit korrigierten, und zwar in die Höhe geschraubten Preisen zurückbrachte, woraus wir entnahmen, daß die gewöhnlichen Gäste für das Beefsteak 80 Heller bezahlen, für uns aber sofort der Preis auf K 1.10, für ein Schnitzel der Preis von 60 Hellern auf 90 Heller erhöht wurde, und so fort in dulce jubilo. Der Wirt dachte sich: die können zahlen. Gegen solche Rücksichtslosigkeit muß entschieden Stellung genommen, und derartige Wirte verdienen an den Pranger gestellt zu werden. Hier wäre es ein Gebot der berufenen Staats- oder Landesorgane, einzugreifen, Logis-, Speise- und Getränketarife einer ordentlichen Revision zu unterziehen und strenge Verordnungen zu erlassen, damit eine bestimmte Maximalgrenze nicht überschritten werden dürfe und die Touristen vor empfindlichem Schaden geschützt werden. Denn, wenn die Wirte nicht die Einsicht haben, so muß sie ihnen beigebracht worden.“

Österreichische Touristen-Zeitung, Wien, 16.1.1903, S. 17f. Die Originalorthografie des Textes wurde beibehalten.

(7.4.2017)