DIE GRANDE DAME DER ÖSTERREICHISCHEN PLASTIK

Inspiriert zur Figurengruppe „Piccolo Teatro“ wurde Maria Biljan-Bilger durch eine Mailänder Modeschau im Wien der Nachkriegszeit. Alle Fotos: B. DenscherInspiriert zur Figurengruppe „Piccolo Teatro“ wurde Maria Biljan-Bilger durch eine Mailänder Modeschau im Wien der Nachkriegszeit. Alle Fotos: B. Denscher

„Maria Biljan-Bilger war eine großartige Künstlerin, deren Leistungen leider immer noch nicht gebührend anerkannt sind“ – meint der Architekt Friedrich Kurrent, der sich mit viel Elan dafür einsetzt, dass das Werk seiner 1997 verstorbenen Ehefrau entsprechende Würdigung findet. Zentrum der Aktivitäten ist dabei die Biljan-Bilger-Ausstellungshalle in Sommerein, einem kleinen Ort östlich von Wien. Allsommerlich finden in dem von Kurrent gestalteten Bau Themenveranstaltungen und Ausstellungen zum umfangreichen Schaffen der Keramikerin, Bildhauerin und Textilkünstlerin statt.

Maria Biljan-Bilger: „Drei Nornen“, entstanden um 1980

Maria Biljan-Bilger: „Drei Nornen“, entstanden um 1980

„Maria Biljan-Bilger können wir die Grande Dame der österreichischen Plastik nennen“, schrieb der Kunsthistoriker Wieland Schmied einmal über die Künstlerin, die eine der bedeutendsten Persönlichkeiten im Bereich der so genannten angewandten Kunst im Österreich der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts war. Vor allem in Wien prägte Biljan-Bilger von den frühen 1950er Jahren an mit Mosaiken, Skulpturen und Plastiken, die in unter anderem in Wohnhausanlagen, in Veranstaltungs- und Einkaufszentren, in Kindergärten, in Parkanlagen und in Bädern zu finden waren, sehr wesentlich das künstlerische Erscheinungsbild der Stadt. Den überwiegenden Teil ihrer Arbeiten schuf Maria Biljan-Bilger für den öffentlichen Raum, kaum je war sie, so erzählt Friedrich Kurrent, für private Auftraggeber oder den Kunsthandel tätig.

Friedrich Kurrent über Biljan-Bilgers bevorzugtes Arbeiten für den öffentlichen Raum (Länge 0:25)

Eine enge künstlerische Zusammenarbeit verband Maria Biljan-Bilger mit Roland Rainer (1910–2004), dem Architekten der Wiener Stadthalle. Für das Nordfoyer dieses 1958 eröffneten, multifunktionalen Veranstaltungszentrums gestaltete sie ein überaus beeindruckendes Werk: nämlich eine drei Meter hohe und dreißig Meter lange ornamentale Mosaikwand. Außerdem entwarf Biljan-Bilger auch einen großen Gobelin, der im Eingangsbereich zur Kegelhalle platziert war, und sie malte die Holztafel-Verkleidung für das Buffet, das zur Eröffnung der Halle errichtet wurde. Abgelehnt hingegen wurde ein weiterer Gobelin-Entwurf Biljan-Bilgers für die Stadthalle. Das Werk war dem Thema „Sport“ gewidmet, die in der Auswahljury vertretenen Sportfunktionäre allerdings legten ihr Veto gegen die, wie sie meinten, nicht angemessene bildliche Umsetzung ein.

Detail aus dem „Sport“-Gobelin (auch „Tour de France“ genannt)

Detail aus dem „Sport“-Gobelin (auch „Tour de France“ genannt)

 

Friedrich Kurrent über den „Sport“-Gobelin (Länge: 0:29)

Maria Biljan-Bilger, die am 21.1.1912 in Radstadt (Salzburg) geboren wurde, wuchs in Graz auf, wo ihr Vater, der aus Kroatien stammende Hafnermeister Daniel Biljan, ab 1913 eine Hafner- und Ofenbaufirma führte. Von 1927 bis 1931 besuchte sie die Keramikklasse an Grazer Kunstgewerbeschule, 1933 heiratete sie den Chemiker Ferdinand Bilger, den Bruder der Glasmalerin Margarete Bilger (von dem sie 1947 geschieden wurde). Gemeinsam mit ihrem Mann gehörte sie einem Kreis von linken Intellektuellen und Kreativen an. Nachdem sich Ferdinand Bilger 1937 den Internationalen Brigaden in Spanien angeschlossen hatte, übersiedelte Maria Biljan-Bilger 1938 nach Wien. Da ihr während der NS-Zeit die offizielle Ausübung ihres Künstlerberufes nicht gestattet war, war sie als Fabrikarbeiterin tätig. Erst nach Kriegsende konnte sich Biljan-Bilger wieder voll ihrem künstlerischen Schaffen widmen.

Diesen nunmehr in Sommerein ausgestellten Igel brachte Maria Biljan-Bilger 1945 dem damaligen Wiener Kulturstadtrat Viktor Matejka zu einem Vorstellungsgespräch mit

Diesen nunmehr in Sommerein ausgestellten Igel brachte Maria Biljan-Bilger 1945 dem damaligen Wiener Kulturstadtrat Viktor Matejka zu einem Vorstellungsgespräch mit

 

Friedrich Kurrent über Maria Biljan-Bilgers Igel-Skulptur (Länge 0:44)

Nach dem Krieg gelang es Maria Biljan-Bilger sehr rasch, sich in der zeitgenössischen Kunstszene einen Namen zu machen. 1946 war sie unter jenen KünstlerInnen, deren Arbeiten in der Ausstellung „Meisterwerke aus Österreich“ im Kunsthaus Zürich gezeigt wurden. Es folgten zahlreiche internationale Präsentationen, 1950 und 1954 war sie Teilnehmerin bei der Biennale von Venedig, 1953 und 1959 bei der Biennale von São Paulo, 1954, 1957 und 1960 bei der Triennale in Mailand. Maria Biljan-Bilger gehörte 1947 zu den Gründungsmitgliedern der legendären Wiener Künstlervereinigung „Art Club“, 1970–1987 leitete sie das renommierte Bildhauersymposion in St. Margarethen im Burgenland und 1978–1982 die Meisterklasse für Keramik an der Hochschule für angewandte Kunst in Wien.

„Kontemplation“ – eine Plastik, zu der die Künstlerin durch eine Usbekistan-Reise angeregt wurde

„Kontemplation“ – eine Plastik, zu der die Künstlerin durch eine Usbekistan-Reise angeregt wurde

 

Friedrich Kurrent über Maria Biljan-Bilgers künstlerischen Stil (Länge: 0:33)

„Auf der Suche nach einer Werkstatt habe ich am Fuße des Leithagebirges, in Sommerein, ein ehemaliges sogenanntes Bethaus erstanden. Mit meinem Freund und jetzigen Mann, Architekt Kurrent, haben wir dieses in desolatem Zustand befindliche kleine Anwesen repariert, damit ich dort leben und arbeiten kann“, erzählte Maria Biljan-Bilger in ihrer 1987 entstandenen autobiografischen Skizze „bemerkungen zu meinem leben“. Die Künstlerin hatte den um 19 Jahre jüngeren Friedrich Kurrent 1958 kennengelernt – und das kleine Haus in Sommerein, dessen Bausubstanz bis ins Mittelalter zurückgeht, war für die beiden über Jahrzehnte einer der Fixpunkte des gemeinsamen Lebens.

1972/73 gestaltete Maria Biljan-Bilger die Glasfenster für die Totenkapelle von Sommerein und erhielt als Honorar dafür das an das Wohnhaus anschließende Areal, auf dem sich einst ein Steinbruch befand (der Stein des Leithagebirges wurde bereits seit der Römerzeit abgebaut, und ein großer Teil des Wiener Stephansdomes wurde mit Stein aus Sommerein gebaut). Auf diesem Grundstück errichtete Friedrich Kurrent (der 1973–1996 die Professur für „Entwerfen, Raumgestaltung und Sakralbau“ an der Technischen Universität München innehatte) 1995–2004 die Ausstellungshalle für seine Frau. Maria Biljan-Bilger konnte allerdings die Fertigstellung nicht mehr miterleben: die Künstlerin starb am 1.5.1997 in München, begraben ist sie auf dem Ortsfriedhof von Sommerein.

Eines von vier „Spielhäusern“, die Maria Biljan-Bilger 1967 für ein Kinderfreibad in Wien-Floridsdorf geschaffen hatte und die sich nunmehr in Sommerein befinden

Eines von vier „Spielhäusern“, die Maria Biljan-Bilger 1967 für ein Kinderfreibad in Wien-Floridsdorf geschaffen hatte und die sich nunmehr in Sommerein befinden

Auf dem Freigelände hinter der Ausstellungshalle hat Friedrich Kurrent eine Reihe jener beeindruckenden Arbeiten platziert, die Maria Biljan-Bilger für den öffentlichen Raum gestaltet hat. Vieles davon konnte gerade noch rechtzeitig vor der Vernichtung gerettet werden – so etwa jene imposante Sandsteinwand, die Biljan-Bilger 1962/63 für das Wiener Ausflugsrestaurant „Bellevue“ gestaltet hatte. Als das Gebäude 1982 abgerissen wurde, sollte auch die Wand zerschlagen werden. Nur jenem Baggerfahrer, der es nicht übers Herz brachte, das Zerstörungswerk zu vollführen, ist es zu danken, dass das Kunstwerk erhalten blieb. Allerdings schien es dann verschwunden zu sein, und es dauerte geraume Zeit, bis Friedrich Kurrent die einzelnen Blöcke in einem Feuerwehrdepot aufstöberte und nach Sommerein bringen lassen konnte.

Friedrich Kurrent vor der „Bellevue“-Wand in Sommerein

Friedrich Kurrent vor der „Bellevue“-Wand in Sommerein

Dass viele der Werke von Maria Biljan-Bilger verloren gingen oder zerstört wurden, liegt vermutlich zu einem wesentlichen Teil daran, dass künstlerische Arbeiten für den öffentlichen Raum oft nicht in dem Ausmaß geschätzt und damit auch geschützt werden, wie es ihnen gebührt. Maria Biljan-Bilger selbst aber gebührt ein wichtiger Platz in der österreichischen Kunstgeschichte – ihr diesen zu schaffen, daran arbeitet Friedrich Kurrent mit bewundernswertem Engagement. So hat er 2012 anlässlich des 100. Geburtstages von Biljan-Bilger ein umfangreiches Buch zu Leben und Werk der Künstlerin herausgebracht. Dieses enthält neben einer von Kurrent verfassten, detailreichen Biografie auch einen autobiografischen Text von Maria Biljan-Bilger und den Beitrag „Archaisch-modern“, den Wieland Schmied 1990 über die Künstlerin schrieb. Besonders verdienstvoll ist es, dass mit diesem Band auch erstmals ein komplettes Werkverzeichnis vorliegt, das von Alice Reininger erarbeitet wurde und das durchgehend illustriert ist.

Die Maria-Biljan-Bilger-Ausstellungshalle befindet sich in Sommerein am Leithagebirge (Niederösterreich), Hauptstrasse 61, und ist von 1. Mai bis Ende Oktober geöffnet.

Das Buch „Maria Biljan-Bilger. Leben & Werk“ ist im Verlag Müry Salzmann, Salzburg 2012, erschienen.