EINE LUFTIGE ANGELEGENHEIT

WolkenAlle Fotos © Konrad Holzer

Wolken sind ein herausragendes Beispiel dafür, dass wir Alltags-Menschen sehr wohl schauend durch die Welt gehen, über das Geschaute aber nur ganz selten reflektieren. Wir bedürfen der Künstler. Sie zeigen uns das Geschaute noch einmal intensiver und erzählen so davon, dass auch wir veranlasst werden, darüber nachzudenken. Drei Beispiele: „Wolkendienst“ heißt ein Buch, in dem der Autor und Wissenschaftler Klaus Reichert von der Faszination berichtet, die Wolken auf ihn ausüben. In die eigenen Betrachtungen mischt er das, was er anderswo darüber gelesen hat, seien es Gedichte, Essays oder Bildbeschreibungen. Der französische Schriftsteller Stéphane Audeguy verfasste mit dem Roman „Der Herr der Wolken“ eine „Kopfgeburt“, in der das Haupt in den Wolken steckt. Das bekannteste Buch des britischen Autors David Mitchell heißt „Der Wolkenatlas“, es wurde auch verfilmt. Neben der vielschichtigen Handlung blieben die Filmmusik – und da besonders das „Wolkenatlas-Sextett“ – in Erinnerung.

Klaus Reichert ist Literaturwissenschaftler, Autor, Übersetzer und Herausgeber, also jemand, der immer mit Literatur zu tun hatte und hat. Sein Buch „Wolkendienst“ – mit dem Untertitel „Figuren des Flüchtigen“ – leitet er mit Betrachtungen ein, in denen die Wolken gleich zwei Mal mit dem Menschenleben verglichen werden. Vom Dampf, „der eine kleine Zeit währt, danach aber verschwindet“ ist im Jakobusbrief die Rede; Virginia Woolf wiederum schreibt, dass unsere Identität ständig im Fluss sei, in jedem Augenblick ihre Gestalt in Reaktion auf die sie umgebenden Kräfte verändere. Es ist ein Hin und ein Her in der Menschheitsgeschichte, einst meinte man, dass uns mit den Wolken der Himmel etwas zu sagen hätte; das änderte sich im 18. Jahrhundert, als man mit der wissenschaftlichen Erforschung der Wolken begann. Und wieder einmal waren es die Engländer, die einen entsprechenden Begriff für das Betrachten der Wolken prägten, nämlich „skying“. „Wann nehme ich Wolken überhaupt wahr?“ – stellt Reichert eine berechtigte Frage und beginnt dann gleich mit Auszügen aus seinen Wolkentagebüchern. Kleine Essays, Gestalten aus der Mythologie, Gedanken, Bilder, Prosagedichte, längere Zitate, all das setzte er so ein, dass sich eine Beziehung herausstellt. Er verlangt gar nicht, dass das alles von Seite zu Seite gelesen werden müsse: „Man schlage das Buch auf, wo man will, so wie man zufällig den Blick zum Himmel aufschlägt.“ Man fällt hinein in diese Gedankenwelt, die einerseits Von-einem-selbst-unklar-Gedachtes in schöne und präzise Worte fasst, andrerseits Assoziationen schafft, auf die man so nicht gekommen wäre. Wenn er zum Beispiel Bilder von zerwühlten und ungemachten Betten zeigt oder von Wäsche im Wind, in denen man sofort Wolkenbilder zu erkennen meint. In den Beschreibungen der Bilder Turners liest man sich fest, oder wenn von der Musik Wagners die Rede ist. Über die Zitate und Gedankensplitter kann man endlos nachdenken, wenn es zum Beispiel einmal heißt: „Nie vorher gesehen. Nie wieder danach.“

„Der Herr der Wolken“ von Stéphane Audeguy ist ein perfekt konstruiertes Buch. Sein Zentrum ist ein Pariser Stadtpalais, in dem ein alter japanischer Modeschöpfer einer jungen Bibliothekarin Geschichten aus der Beziehung der Menschen zu den Wolken erzählt. Viele von ihnen haben wirklich gelebt, Luke Howard, zum Beispiel, der einsame Quäker, der die drei Grundtypen der Wolken – so wie wir sie heute noch kennen – definiert hat. Ob es die anderen auch gegeben hat? Kann einem egal sein. Weil man in diesem Buch ja nicht wirklich die Geschichte der Beobachtung der Wolken lesen will, sondern Geschichten von Menschen, die sie beobachtet haben. Und wie sie von den Wolken fasziniert worden sind. Oder welche Rollen Wolken in der Geschichte der Menschheit gespielt haben. Da gibt es zum Beispiel einen, der auf einem Hügel sitzt und in die Gegend schaut. Er will aus den Wolken das Wetter herauslesen, weil die Müller mit ihren Windmühlen davon abhängig sind. Und weil Audeguy immer zwischen den einzelnen Erzählebenen – jenen im Pariser Palais und jenen in der Geschichte der Wolkenerkenntnis – hin und her wechselt, bleibt das Buch sehr lange eine luftige, leichte Angelegenheit. Bis zum Albtraum aller Wolken, der über Hiroshima. Da lenkt er dann bald mit Theorie ab, die aber nie langweilig wird. Er erzählt von Menschen, die nicht nur Wolken beobachten, sondern durch deren Betrachtung angeregt werden, überhaupt alles aufmerksamer zu beobachten.

Bleibt nun noch der vielschichtige Roman „Der Wolkenatlas“ von David Mitchell. Die äußerst komplizierte Handlung zwischen Vergangenheit, Gegenwart, naher und ferner Zukunft hier nachzuerzählen, wäre sinnlos. Tom Twyker hat das Buch verfilmt und auch zusammen mit Johnny Klimek und Reinhold Heil die Musik geschrieben. Sie gehört zu den „22 Most Heartmoving Soundtracks of the Millenium“. Und hier schließt sich der Kreis, wenn man zum „Wolkendienst“ von Klaus Reichert zurückkehrt und dort die Rede von der Wolkenmusik der großen Romantiker Liszt und Wagner ist, dann ist das Wolkenatlas-Sextett die Musik, die sich unsere Zeit vorstellt, wenn sie Wolken betrachtet.

Klaus Reichert: Wolkendienst. Figuren des Flüchtigen. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2016. Auch als E-Book erhältlich.
Stéphane Audeguy: Der Herr der Wolken. A.d. Französischen übersetzt von Elsbeth Ranke. SchirmerGraf, München 2006
David Mitchell: Der Wolkenatlas. A.d. Englischen übersetzt von Volker Oldenburg. Rowohlt Verlag, Reinbek 2007. Auch als E-Book erhältlich

(12.5.2017)