DIESER „KATER“ SCHNURRT NICHT…

Buchcover (Detail)

So manche bekannten Wörter scheinen in ihrer Herkunft und Bedeutung leicht erklärbar zu sein – und sind es doch ganz und gar nicht. Denn es handelt sich – gemäß dem Übertitel des „Kleinen Lexikons der Volksetymologien“ – um „Täuschende Wörter“. Wenn man etwa meint, dass „Gastronomie“ etwas mit „Gast“ zu tun habe, so irrt man genauso, wie wenn man zu „Friedhof“ den „Frieden“ assoziiert oder glaubt, dass es einem, wenn man „ausgepowert“ ist, eben ganz einfach an Kraft – an „Power“ – fehle. Denn hinter dem „Gast-“ in „Gastronomie“ verbirgt sich das griechische „gaster“, der Magen, der ja auch in der „Gastritis“ zu finden ist. Der „Friedhof“ ist kein friedlicher Hof, sondern ein von einer Einfriedung umgebener; und „ausgepowert“ geht nicht auf einen englischen Ursprung zurück, sondern auf einen französischen, nämlich auf das Wort „pauvre“, was „arm“ bedeutet. Daher wurde der Begriff, der seit dem 19. Jahrhundert im Deutschen vorkommt, zunächst auch „auspovern“ geschrieben und bedeutete „ausbeuten“. Es sind dies also drei typische Fälle von so genannten „Volksetymologien“ – also der falschen Deutung eines nicht oder nicht mehr in seinem ursprünglichen Sinn verstandenen Wortes.

Der Band „Täuschende Wörter. Kleines Lexikon der Volksetymologien“ von Heike Olschansky ist ein überaus lesenswertes Nachschlagewerk zum Thema, und erfreulicherweise wurde das Buch, das bereits vor rund zwei Jahrzehnten erstmals erschienen ist, nun vom Reclam Verlag neu herausgebracht. Auf gut zweihundert Seiten ist da viel Interessantes über scheinbar ganz banale – und eben doch täuschende – Ausdrücke zu erfahren. Ein paar Beispiele:

Wenn etwas als eine „Affenschande“ bezeichnet wird, so bedeutet dies nicht, dass man da unsere nahverwandten Primaten als Beispiele für besonders schändliches Verhalten heranzieht. Der Ausdruck kommt vielmehr aus dem Niederdeutschen, aus „aapen Schann“, was nichts anderes als „offene“, „offensichtliche“ Schande, bedeutet. Ganz ähnlich ist es bei jenen Gaffern, denen man vorwirft, „Maulaffen feilzuhalten“ – nämlich mit offenem Maul dazustehen.

Dafür wiederum geht es beim „Maultier“ nicht um das Maul, sondern die Bezeichnung für die Kreuzung aus Pferd und Esel ist eine Verdoppelung: Dem lateinischen „mulus“, das bereits „Maultier“ bedeutet, wurde zu Verdeutlichung noch das Wort „Tier“ hinzugefügt (weswegen das „Maultier“, streng genommen, eigentlich ein „Maultiertier“ ist).

Bleiben wir bei der Tierwelt: Die langen Ohren der Hasen werden bekanntlich als „Löffel“ bezeichnet, aber auch wenn diese in ihrer Form an das gleichnamige Essgerät erinnern mögen, so haben sie doch nichts damit zu tun. Denn die „Löffel“ der Hasen gehören, wie Heike Olschansky erklärt, „als Bildung des 13. Jahrhunderts, mittelhochdeutsch ‚leffel‘, zu ‚laff‘“ – was „schlaff“ bedeutet und sprachlich mit dem Wort „Lappen“ verwandt ist. Es geht also nicht um die Löffelform der Ohren, sondern um deren schlaffes Herabhängen.

„Wer den ‚Windhund‘ als ‚Hund, der schnell wie der Wind ist‘ sieht, deutet volksetymologisch“ – so Heike Olschansky. Denn mit dem Wind hat diese Hunderasse nichts zu tun, sondern die Bezeichnung macht auf die Herkunft aufmerksam: Es ist der „wendische Hund“, also eine aus dem slawischen Raum kommende Hunderasse.

Wer einen „Kater“ hat, ist bekanntlich nicht zum genüsslichen Schnurren aufgelegt, weil er einen „Katarrh“ hat. Wenn da vielleicht auch die Rede von einer „Schnapsdrossel“ ist, so bezieht sich das nicht auf den Singvogel, sondern auf die Kehle – und übrigens ist der Wortteil „-drossel“ auch im Wort „erdrosseln“ zu finden. Ebenso wenig hat der Geier etwas mit finanziellem Ruin zu tun, denn der „Pleitegeier“ ist – etymologisch korrekt erklärt – ein verballhornter „Pleitegeher“.

Mehr dazu und zu vielen anderen Volksetymologien ist nachzulesen in:
Heike Olschansky: Täuschende Wörter. Kleines Lexikon der Volksetymologien. Reclam Verlag, Stuttgart 2017.